Handel

Nachbarschaft schafft Umsatz

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Die boomende Konjunktur sorgt nicht nur in Deutschland für gute Stimmung. Sie strahlt in die europäischen Nachbarländer aus, ganz besonders in Richtung Osten und Südosten. Denn Deutschland ist für viele Länder in Ost- und Mitteleuropa der größte Handelspartner.

Wenn es mit der deutschen Wirtschaft aufwärts geht, laufen auch in Fabriken in Polen oder der Tschechischen Republik die Fließbänder auf Hochtouren.

Die deutsche Wirtschaft ist im vergangenen Jahr nach ersten Schätzungen um 3,6 Prozent gewachsen. Vor allem die Industrie profitierte von der Konjunkturerholung, dass Schwellenländer wie China und Indien stark wachsen und dass die deutschen Unternehmen genau die Güter produzieren, die dort im Moment gefragt sind: Maschinen, Anlagen und Autos - vor allem große Autos.

Die Prognostiker rechnen damit, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr weiter wachsen wird, auch weil die Verbraucher dank steigender Löhne und sicherer Arbeitsplätze mehr Geld ausgeben - um bis zu knapp drei Prozent soll die Wirtschaft zulegen. Davon würden nicht nur die Firmen hierzulande profitieren, denn eine wachsende Volkswirtschaft hat großen Hunger: Die Einfuhren nach Deutschland wachsen im Moment noch schneller als die Exporte hiesiger Unternehmen in alle Welt. Im November wurden Waren und Dienstleistungen im Wert von 75,1 Mrd. Euro nach Deutschland importiert - so viel wie noch nie zuvor. Gegenüber November 2009 legten die Einfuhren um ein sattes Drittel zu und damit viel schneller als die Ausfuhren, die um knapp 22 Prozent zugelegt hatten. "Ja, die deutschen Exporte sind stark", sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. "Aber sie hinken den Importen hinterher. Deshalb wird das starke Wachstum der deutschen Wirtschaft anderen Ländern in der Euro-Zone helfen."

Wichtigster Handelspartner

Das gilt besonders für Mitteleuropa, wo Firmen und Arbeitnehmer stärker als anderswo spüren, dass es in Deutschland wirtschaftlich wieder rund läuft. "Die gute Entwicklung der deutschen Konjunktur hilft den Handelspartnern in Mittel- und Osteuropa", sagt Martina Kämpfe, Osteuropa-Expertin am Institut für Wirtschaftsforschung Halle. "Denn der Anteil Deutschlands am Außenhandel dieser Länder ist groß." Für fast alle ehemaligen Ostblockländer ist Deutschland der wichtigste Handelspartner. Davon ausgenommen sind lediglich die baltischen Staaten, die Nachfolgestaaten der Sowjetunion, das ehemalige Jugoslawien und Albanien. Dabei gilt: Je geringer die Entfernung zu Deutschland, desto höher ist der deutsche Exportanteil. Ein Viertel dessen, was polnische und ungarische Unternehmen ins Ausland verkaufen, landet in Deutschland; der Anteil an den tschechischen Exporten beträgt sogar ein Drittel. In Rumänien, der Slowakischen Republik und Slowenien war es jeweils knapp ein Fünftel. "Wie es der deutschen Wirtschaft geht, ist ganz entscheidend für die Konjunktur in diesen Ländern", sagt Gillian Edgeworth, die Chefvolkswirtin für Osteuropa bei der Großbank UniCredit.

Denn die Volkswirtschaften der meisten osteuropäischen Transformationsländer hängen im internationalen Vergleich sehr stark vom Außenhandel ab. Die Exporte der EU-Mitglieder in Mittel- und Osteuropa betrugen 2009 im Durchschnitt rund 43 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: In der Euro-Zone liegt der Wert nur bei 26 Prozent. Besonders stark ist die Exportabhängigkeit in Mitteleuropa: In Ungarn und der Slowakei etwa waren die Ausfuhren so viel wert wie zwei Drittel der Wirtschaftsleistung, in der Tschechischen Republik waren es fast 60 Prozent.

Die Exportabhängigkeit ist eine Folge gewaltiger Investitionen, die in den vergangenen 20 Jahren geflossen sind. "Die mitteleuropäischen Länder profitieren von ihrer Nähe zu Deutschland und zum Kern Europas", sagt Vassily Astrov, Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), das die wirtschaftliche Entwicklung in Osteuropa untersucht. "Diese Länder sind Kerneuropa nicht nur geografisch näher, sondern auch kulturell. Sie sind verlässlicher, vertrauter, und es gibt dort weniger Korruption." Deshalb haben internationale Anleger dort gerne investiert. Deutsche Unternehmen gehörten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu den wichtigsten Investoren.