Haiti

Jeder Tag und jeder Schritt zählen

Nichts geht mehr auf der Verbindungsstraße von Port-au-Prince nach Leogane. Wieder einmal. Es ist 14 Uhr, und der Verkehr staut sich. Busse, Lkws und jede Menge Geländewagen der Hilfsorganisationen stehen still, minutenlang.

Es geht nicht nach vorne und nicht zurück. Irgendwann wird es einem der wartenden Europäer zu viel. Der Franzose der Hilfsorganisation Oxam steigt aus und versucht, den Verkehr zu regeln. Und tatsächlich: Nach vier, fünf Minuten Verhandlungen in kreolischer Sprache weichen die ersten Fahrzeuge ein paar Zentimeter zurück. Plötzlich entsteht eine kleine Gasse, und es kommt Bewegung in den Stau. Keine 20 Minuten später hat sich der Knoten aufgelöst, die Fahrzeuge passieren das Nadelöhr. Bis es irgendwann wieder klemmen wird. Dann wird wieder Verhandlungsgeschick und guter Wille von allen Beteiligten gefragt sein. Die Szene hat ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti Symbolcharakter. Ohne die Nichtregierungsorganisationen (NGO) geht nichts mehr in Haiti.

Allein in der Hauptstadt Port-au-Prince stürzten bei dem Erdbeben mehr als 190 000 Gebäude zusammen. Mit 7,0 auf der Richter-Skala war das Beben bei Weitem nicht das stärkste in der jüngeren Erdgeschichte, mit mehr als 250 000 Toten aber das wohl folgenschwerste. Und es löste eine weltweite Welle der Hilfsbereitschaft und Sympathie aus.

Katastrophe noch gegenwärtig

Ein Jahr danach ist die Katastrophe immer noch allgegenwärtig. Schon beim Landeanflug auf Port-au-Prince sind die vielen Hundert Zeltlager zu erkennen, die sich wie ein Flickenteppich über die ganze Stadt ziehen. Aus dem Provisorium ist längst ein Dauerzustand geworden. Mehr als 1,3 Millionen Menschen, so rechnen die unzähligen Hilfsorganisationen vor, leben seit der schrecklichen Katastrophe unter einem Zeltdach. Es sind nicht wirklich weniger geworden im vergangenen Jahr. Doch es fehlt an Unterkünften, zudem sorgen die Hilfsorganisationen für fließendes Wasser, Strom und Licht. Ein Service, den der Staat nicht bieten kann. Da fällt es so manchem Haitianer schwer, zurückzukehren in eine Stadt, die außer Perspektivlosigkeit nichts anzubieten hat.

Der Weg zurück ist schwierig: "Das ist kein 100-Meter-Lauf, das ist ein Marathon", sagt Patricio Luna von Caritas International. Luna ist seit vielen Wochen vor Ort, kennt die Entwicklung des Landes aus der täglichen Beobachtung. Die kirchliche Hilfsorganisation bemüht sich um nachhaltige Hilfe. "Die langfristige Aufbauphase hat begonnen", kann Luna berichten. Die erste Phase der akuten Nothilfe dagegen ist abgeschlossen. Wie mühsam das ist, macht eine kleine Zahl deutlich. Jede Woche übergibt Caritas International in der Region zwei fertige Häuser an Familien aus den Zeltlagern. Am Ende sollen es rund 4000 Häuser sein, die in der Ortschaft Fort Hugo stehen und zu einer neuen Heimat werden sollen. Gerne würden die Helfer schneller bauen, doch die öffentliche Verwaltung, die bereits vor dem Beben alles andere als reibungslos funktionierte, ist mit dem 12. Januar in sich zusammengebrochen. Ganze Behörden, Ministerien und Verwaltungen wurden dem Erdboden gleichgemacht. Um aber neue Häuser errichten zu können, müssen erst einmal die Eigentumsverhältnisse der Grundstücke geklärt werden.

Trotz all der Rückschläge bleibt die überwiegende Mehrheit der Haitianer beeindruckend ruhig. Erdbeben, Tropenstürme und die von außen eingeschleppte Cholera-Epidemie haben das Land heimgesucht. Doch die leidgeprüften Haitianer versuchen trotzdem ihren Weg aus all dem Chaos zu finden.

Beeindruckende Eigeninitiative

Es ist die Eigeninitiative, die das Land am Leben hält. Zehntausende Haitianer räumen mit den bloßen Händen die Trümmer weg, täglich. Die Würde lassen sich die Menschen nicht nehmen, kaum ein Einwohner von Port-au-Prince geht ohne gebügeltes Hemd oder T-Shirt aus dem Haus. In den Zeltlagern floriert die Nachbarschaftshilfe. Es werden Wachen organisiert, sanitäre Einrichtungen aufgebaut, sogar kleine Gemüsegärten entstehen auf Holzkisten. Bislang haben vor allem die Hilfsorganisationen das Land vor dem Kollaps bewahrt, doch ihre Ressourcen sind endlich. Irgendwann sind die Spenden aufgebraucht, und das Interesse der Weltöffentlichkeit wendet sich anderen Schauplätzen zu. Bis dahin tickt die Uhr, aber jeder Tag und jeder Schritt zählt.