Mein S-Bahn-Tagebuch: Vierter Tag

Pünktlich auf die Sekunde

Am Sonntag habe ich gelernt, dass es Lokführer gibt, die eine Zugverspätung in Sekunden messen. Dabei schwöre ich, ich hab das Thema S-Bahn nicht einmal angesprochen, schließlich kann ich nicht auch noch meine gesamte Freizeit über Züge und ihre Probleme nachdenken.

Aber Gerd, ein 35-jähriger Kneipengast-Sitznachbar, kam Sonntagmorgen ganz von selbst darauf. Wir redeten nur so das Übliche: Wie lange in Berlin, wie ist die Arbeit, das Leben im Vergleich zu München oder Hamburg und so weiter. Doch Gerd sagte nach fünf Minuten: "Das Einzige, was mich hier in Berlin in den letzten zwei Jahren wirklich gestört hat, war die S-Bahn."

Gerd ist umgestiegen aufs Auto. Die Fahrt nach Ahrensfelde zu der Chipfabrik, in der er arbeitet, war zwar mit der S-Bahn entspannter. "Aber sie dauerte fast eine Stunde, die Bahn hatte oft Verspätung - nach dem letzten Winter wollte ich mir das nicht mehr antun." Während er das sagt, rattert eine S-Bahn über unseren Kopf hinweg. Wir sitzen im "Brauhaus Lemke", jenem Ableger eines Charlottenburger Restaurants, das in die S-Bahn-Bögen am Hackeschen Markt eingezogen ist. Das Bier kostet vier Euro, und das Vibrieren der Wände alle fünf (oder jetzt: zehn bis 20) Minuten gibt es kostenlos dazu. Rund 12,5 Kilometer schlängelt sich dieser Viadukt entlang der Spree, mit genau 731 gemauerten Bögen, in denen sich nicht nur Kneipen, sondern auch Jazzbars, Klubs und Discos eingerichtet haben. Die sorgen dann wiederum selbst für die Vibration der Wände.

Der Kellner im "Brauhaus Lemke" sagt jedenfalls, dass es für sein Gefühl keinen Unterschied mache, ob die S-Bahn selten oder häufig fahre. Er höre das Rattern gar nicht. "Es kommen hier so viele ICE und Nahverkehrszüge über diese Strecke", sagt er, "da ist ein Zugausfall der S-Bahn unwichtig." Ich wusste bisher nicht, dass man diese drei Wörter überhaupt in einem Satz benutzen kann: Zugausfall, S-Bahn, unwichtig.

Gerd und ich haben noch lange geredet, über Pünktlichkeit von Zügen weltweit und warum es in Berlin nicht gelingen will. "Es muss an der Kultur liegen", sagt Gerd. In Japan habe er beobachtet, wie der Zug von Kyoto nach Tokio genau dann losfuhr, als der Sekundenzeiger auf die Zwölf rückte. Gerd sagt: "Ein japanischer Lokführer muss einen Bericht schreiben, wenn er mehr als 15 Sekunden Verspätung hat." Kann mich gar nicht mehr erinnern, ob genau in diesem Moment eine S-Bahn über uns hinwegfuhr. Aber wenn, wäre das ein guter Moment gewesen.