Dioxin-Skandal

Welche Gefahren lauern im Frühstücksei?

Bei der Verbraucherzentrale stehen die Telefone nicht mehr still: Tausende von Kunden sind verunsichert wegen der jüngsten Dioxinfunde in Futtermitteln, Eiern und anderen Produkten. Die Berliner Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen zum jüngsten Lebensmittelskandal.

Wie groß ist das Ausmaß?

Das genaue Ausmaß ist derzeit noch nicht absehbar. Mehr als 1000 Bauernhöfe in mehreren Bundesländern sind gesperrt. Sie dürfen ihre Ware erst wieder verkaufen, wenn sie auf eigene Kosten in Labortests die Unbedenklichkeit ihrer Produkte nachgewiesen haben. Erste Testergebnisse in Niedersachsen ergaben: Bei 15 von 18 untersuchten Höfen, die Eier produzieren, lag die Dioxinmenge in den Eiern unterhalb der erlaubten Höchstgrenze. Das teilte das Agrarministerium mit. In einem Betrieb sei bei Eiern der Grenzwert überschritten, in zwei anderen Beständen seien kritische Werte ermittelt worden. Möglicherweise ist auch dioxinbelastetes Geflügelfleisch von Sachsen aus in den Handel gelangt.

Wie kam das Dioxin ins Futter?

Die Uetersener Futtermittelfirma Harles und Jentzsch orderte nach Angaben des Kieler Umweltministeriums über einen holländischen Händler 25 Tonnen Mischfettsäure aus einer Biodieselanlage der Petrotec AG in Emden. Petrotec versichert, dass die Sendung als Industriefett deklariert war. Gleichwohl wurde die Fettsäure in einer Mischanlage der Uetersener Firma in Bösel (Landkreis Cloppenburg) Mitte November mit anderen Komponenten zu offenbar 527 Tonnen Mischfett verarbeitet. Das Fett wurde an neun Hersteller von Futtermitteln in Niedersachsen, Hamburg und Sachsen-Anhalt verkauft. Sie stellten aus dem belasteten Fett Tierfutter her und lieferten es an Geflügel- und Schweinebetriebe.

Wen hat die Justiz im Visier?

Die Staatsanwaltschaft Itzehoe leitete gestern ein Ermittlungsverfahren gegen Mitarbeiter von Harles und Jentzsch ein. "Wir haben konkrete Anhaltspunkte für eine Straftat", so Oberstaatsanwalt Ralph Döpper. Die Polizei suchte in Uetersen gestern nach Beweismitteln. Der Verdacht: Die Verarbeitung des Dioxinfetts in Bösel könnte keine Panne gewesen sein, sondern System haben. In Niedersachsen ermittelt die Staatsanwaltschaft Oldenburg in dem Betrieb in Bösel.

Kam der Dioxin-Alarm zu spät?

Das dioxinbelastete Mischfett wurde nach Angaben des niedersächsischen Agrarministeriums am 11. November in Bösel produziert und danach an Futtermittelfirmen geliefert. Am 23. Dezember schlug ein Hersteller in Niedersachsen Alarm, weil in seinem Legehennenfutter die Dioxingrenzwerte überschritten waren. Am selben Tag informierte die Uetersener Firma Harles und Jentzsch das Landeslabor des Kieler Umweltministeriums telefonisch über die Beimischung einer dioxinbelasteten Fettsäure. Nach Weihnachten, am 27. Dezember, gab das Ministerium eine Schnellwarnung an andere Bundesländer weiter. "Wir haben die nötigen schriftlichen Informationen aus Uetersen erst am 27. Dezember erhalten", so Ministeriumssprecher Gerald Finck. "Die Versäumnisse liegen in Uetersen."

Wie gefährlich sind Dioxine?

Die Substanzen gelten als krebserregend. Sie können akut, etwa bei einem Industrieunfall wie im Jahr 1976 im italienischen Seveso, starke Hautausschläge hervorrufen. Doch diese Wirkungen sind nur zu befürchten, wenn Menschen sehr hohen Dosen des Gifts ausgesetzt waren. Toxikologen warnen allerdings: Dioxine können schon in sehr geringen Mengen den Stoffwechsel von Zellen beeinflussen. Dies könnte, so der Verdacht, dazu führen, dass die Schadstoffgruppe die krebserregenden Wirkungen vom Rauchen oder von Russpartikeln verstärkt.

Lassen sich belastete Eier erkennen?

Nach Angaben der Verbraucherzentrale Hamburg lassen sich möglicherweise belastete Eier am Erzeugercode erkennen. Bei Eiern mit den Codes 2-DE-0350121 und 2-DE-0350372 liege der Dioxinwert über dem zugelassenen Grenzwert, sagte Ernährungsexpertin Silke Schwartau. Die Expertin verwies dabei auf Erkenntnisse des Vereins für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen (KAT) aus Bonn. Die Eier stammen nach dessen Angaben von zwei Betrieben in Niedersachsen. Allerdings dürfte es noch weitaus mehr betroffene Betriebe geben.

Kann man jetzt noch Eier essen?

Verbraucherschützer raten davon ab, Eier zu verzehren, bis alle betroffenen Betriebe und Chargen bekannt sind. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, dass vor allem Kinder derzeit nicht zu viele Eier essen sollten. Bei Kindern sei wegen ihres geringeren Körpergewichts die kritische Aufnahmemenge für die Gifte schneller erreicht als bei Erwachsenen. Daher seien tägliche Eiergerichte für die Jüngsten nicht zu empfehlen. Ein gesunder Erwachsener dürfe Eiergerichte essen. Auch der tägliche Verzehr eines Eis bleibe ungefährlich. Eine weitgehende Entwarnung gibt auch das Bundesinstitut für Risikobewertung. "Wir gehen nicht davon aus, dass eine akute Gesundheitsgefahr für die Verbraucher durch dioxinbelastete Lebensmittel besteht", sagte Sprecherin Miriam Ewald dem "Abendblatt". Wer nur über kurze Zeit entsprechend belastete Lebensmittel verzehre, müsse keine Sorge haben zu erkranken. Die Sprecherin verwies allerdings darauf, dass sich Dioxine über längere Zeit im Fettgewebe des Körpers ansammelten. Nach Angaben des Instituts lag die höchste bislang gefundene Belastung in einem Ei bei zwölf Piktogramm pro Gramm Fett.

Sind Bioeier eine Alternative?

Nach Erkenntnissen der Verbraucherzentrale Hamburg sind Bioeier bislang nicht von dem Dioxinskandal betroffen. Ernährungsexpertin Silke Schwartau rät daher zum Kauf. Der Einsatz von Fertigfutter aus Mischfettsäuren ist auf Biohöfen nicht erlaubt.

Fehlt es an notwendigen Kontrollen?

Nach Angaben der Verbraucherorganisation Foodwatch müssen Hersteller bislang nicht standardmäßig nachweisen, dass die Zutaten für Futtermittel unbelastet sind. "Das ist eine eklatante Gesetzeslücke, die schnellstens geschlossen werden sollte", sagte Sprecherin Anne Markwardt. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) will mit den Ländern prüfen, ob die Zulassungsbedingungen für Rohstofflieferanten verschärft werden müssen. "Es stellt sich die Frage, ob es nicht ein zu hohes Risiko darstellt, wenn Betriebe, die Bestandteile für Futtermittel liefern, gleichzeitig technische Produkte vertreiben, die unter keinen Umständen in Lebensmittel oder Futtermittel gelangen dürfen", sagte sie der "Berliner Zeitung".