Bundeswehr

Zapfenstreich für die Wehrpflicht

Zum Mittagessen gab es Schnitzel, Kartoffeln, Gemüse und Salat. "Hat lecker geschmeckt", sagt Björn Woch. In der Hand hält er die rote Essenskarte, mit der er jetzt jeden Mittag bargeldlos zahlen kann. Der 19-Jährige hat gerade zusammen mit seinen Kameraden seine Stube bezogen. Noch trägt er einen blauen Ringel-Pullover, Jeans und Turnschuhe. Die Uniform gibt es gleich. Für den 19-Jährigen ist es der erste Tag als Bundeswehrsoldat. Für die Bundeswehr ist es das Ende einer Ära.

Zusammen mit Woch haben 535 Rekruten an diesem Montag in der Julius-Leber-Kaserne in Berlin ihren Grundwehrdienst angetreten. Bundesweit sind es etwa 12 500. Sie sind die Letzten, für die dieser Dienst noch Pflicht ist. Mitte Dezember hat die Bundesregierung beschlossen, den Wehrdienst auszusetzen, demnächst soll noch der Bundestag zustimmen. Ab Juli kommen dann nur noch Freiwillige. Schon zum 1. April wird niemand mehr gegen seinen Willen einberufen. Für die Truppe ist das - nach fast 54 Jahren und 8,5 Millionen Wehrdienstleistenden - ein großer Einschnitt, den längst nicht alle gut finden. Wie es genau weitergehen wird und wie eine Freiwilligenarmee aussehen wird, weiß noch keiner so genau.

"Links, zwo, drei vier", ruft der Gruppenführer den Männern zu, die - mit ernstem Gesicht und einer Plastiktüte mit einem Lunchpaket in der Hand - über die vereisten Fahrwege der Kaserne laufen, im Gleichschritt. "Ansingen" heißt das, damit keiner aus dem Takt gerät. Schon auf den ersten Wegen sollen die jungen Leute lernen, wie man dem Vordermann nicht in die Hacken tritt. In verschiedenen Gebäuden müssen sie ihren Personalbogen ausfüllen, beziehen ihre Stuben, werden vom Arzt einer Untersuchung unterzogen und bekommen schließlich ihre Uniform: Körpergröße, Kopf- und Brustumfang, Taille, Armlänge, Schuhgröße - die Frauen im Bekleidungslager brauchen nicht einmal eine Minute fürs Vermessen. In riesigen Regalen lagern grün gefleckte Jacken und Hosen in unendlich vielen Größen, die Stiefel gibt es im Keller. Dann stehen die jungen Männer mit einem Rucksack, einer großen Tragetasche, einem Wäschebeutel und einem blauen Müllsack für die insgesamt sechs Paar Schuhe wieder draußen in der Kälte. "Wir wissen noch nicht genau, wie es weitergeht", sagt eine der zivilen Mitarbeiterinnen im Bekleidungslager. "Wir behalten hoffentlich unseren Job."

Björn Woch wird seinen Wehrdienst im Wachbataillon beim Verteidigungsministerium ableisten, bei jenen Soldaten, die strammstehen, wenn Staatsgäste zu Besuch kommen. Das sei ein Knochenjob, sagen sie hier in der Kaserne. Stundenlang müssen die Soldaten bei jedem Wetter ihren Körper und ihren Kreislauf unter Kontrolle halten. Woch ficht das nicht an: "Ich will Berufssoldat werden." Bei der Bundeswehr könne er wenigstens eine Ausbildung machen, hofft er. Seine Lehre zum Kfz-Mechaniker, die er vor einigen Monaten begonnen hatte, musste er abbrechen, weil der Betrieb pleiteging. Viele von den Männern, die nun zum Dienst angetreten sind, haben sich schon entschieden, länger beim Bund zu bleiben als nur die sechs Monate - auch weil sie sonst arbeitslos geworden oder es geblieben wären.

Unter den bereits dienenden Wehrpflichtigen hat die Bundeswehr ebenfalls seit Monaten für eine Verlängerung des Dienstes geworben, um die absehbare Lücke ab Sommer zu schließen. Besonders vieler Argumente bedurfte es dabei nicht. "Wer länger bleibt, bekommt einen höheren Sold, ganz einfach", sagt Chris Schwarze, Chef der 4. Kompanie. Für junge Leute sei das oft sehr wichtig. 170 Wehrpflichtige hat Schwarze am Montag dazubekommen, nun führt der 28-Jährige insgesamt rund 250 Mann. Die seien in den ersten Wochen "wie ein Sack Flöhe", meint er. Und er fügt hinzu, dass er es bedauere, dass die Wehrpflicht ausgesetzt werde. Der Nachschub mit jungen Leuten sei immer belebend gewesen für die Truppe. Die Strukturen könnten nun etwas starrer werden, fürchtet er, aber das könne man natürlich erst in ein paar Monaten sagen.

Andere Soldaten verweisen auf die Erfahrungen in anderen europäischen Ländern, in denen die Wehrpflicht abgeschafft wurde. Die freiwilligen Bewerber, die es dort gebe, kämen meist aus schwächeren sozialen Schichten, die Truppe werde insgesamt konservativer. Etwas freier denkende Leute hätten dort nur noch wenig Platz. Durch die Wehrpflicht seien bisher viele in der Bundeswehr hängen geblieben, vor allem Abiturienten und Akademiker, die freiwillig dort nicht unbedingt hingekommen wären.

15 000 Freiwillige will die Bundeswehr regelmäßig zum Wehrdienst gewinnen, zusätzlich zu den 185 000 Soldaten, die sich ohnehin länger verpflichtet haben. Noch gibt es 250 000 Soldaten in Uniform, vor einigen Jahren waren es noch mehr. Die Bundeswehr muss sparen, die Anforderungen sind andere geworden als im Kalten Krieg, all das hat mit zum Ende der Wehrpflicht geführt. Künftig werden Männer und Frauen, die volljährig sind, per Brief zur Musterung eingeladen, und wer will, kann kommen. Wer sich dann zum Dienst verpflichtet, soll dies zwischen einem und zwei Jahren tun, wobei es - und das ist neu - ein halbes Jahr Probezeit geben soll. Danach können sowohl die Bundeswehr als auch der Dienstleistende den Vertrag von sich aus kündigen. Finanziell ist der neue Dienst durchaus attraktiv; je nach gewählter Dauer sollen monatliche Bezüge zwischen 1000 und 1600 Euro möglich sein.

Das ist deutlich mehr, als diejenigen bekommen sollen, die den Bundesfreiwilligendienst, den Nachfolger des Zivildienstes, antreten werden: Hierfür soll es nur eine Art Taschengeld von 330 Euro geben, das sich auf rund 500 Euro erhöhen kann, wenn die Leistungen für Unterkunft und Verpflegung ausgezahlt werden. Auch der Zivildienst endet mit dem Ende der Wehrpflicht, das Bundesamt für Zivildienst soll dann "Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben" heißen.

Philipp Stephan aus Oranienburg wollte eigentlich nicht zum Bund und schon gar nicht zum Wachbataillon, er wollte zur Feuerwehr. Dort hat er schon eine Ausbildung zum Rettungsassistenten gemacht, aber leider stelle die Berliner Feuerwehr zurzeit keine Leute mehr ein. "Jetzt mache ich erst mal den Wehrdienst, und dann sehe ich weiter." Seine Freunde belächeln ihn, dass er noch zum Bund muss. Den Dienst beim Wachbataillon sieht er nüchtern als "Lebenserfahrung, die man jetzt eben macht." Sechs Monate wird er in der Julius-Leber-Kaserne zubringen, sechs Tage Urlaub gibt's in dieser Zeit. Zapfenstreich ist täglich um 22 oder 23 Uhr, geweckt wird ab fünf. Das ist dann in der Tat eine Lebenserfahrung.

"Wer länger bleibt, bekommt einen höheren Sold, ganz einfach"

Chris Schwarze, Kompaniechef