Berliner Spaziergang

Frau Laras Gespür für den See

Alexandra Maria Lara schweigt. Große braune Augen blinzeln abschätzig. Sie dreht Haarsträhnen um einen Finger, zieht die Stirn kraus. Nun ist sie extra hierher gekommen, und jetzt das. Ich habe ihren neuen Film nicht gesehen. Sie ist beleidigt. Das Gespräch fängt nicht gut an.

Das ganze Treffen fängt nicht gut an.

Man kennt Alexandra Maria Lara aus Filmen wie "Nackt" von Doris Dörrie oder als Hitlers Sekretärin in "Der Untergang". Sie hat auch Werbung gemacht für Peek & Cloppenburg und für Kosmetik. Zweieinhalb Jahre ist es her, dass ich zum ersten Mal um dieses Interview gebeten habe. Damals stand der Filmstart von "Der Baader Meinhof Komplex" kurz bevor. Ich fand sie sympathisch, sie wirkte immer so nahbar und unprätentiös. Ich wollte die 32-Jährige wirklich gerne treffen.

Ungefähr vier Filme später sollte es so weit sein. Voraussetzung dafür war die Unterzeichnung einer Verpflichtungserklärung: Zitate und Fotos müssen ihr vor der Veröffentlichung vorgelegt werden, sie und nicht der Chefredakteur darf also bestimmen, welche Bilder gedruckt werden, sie und nicht ich darf bestimmen, welche ihrer Aussagen am Ende in der Zeitung stehen. Dazu muss man sagen, dass es in Deutschland mittlerweile Usus ist, wörtliche Zitate autorisieren zu lassen. Viele Prominente verzichten allerdings darauf, eine schriftliche Vereinbarung darüber ist die absolute Ausnahme. In den USA würde im Übrigen kein Hollywood-Star auf die Idee kommen, seine Zitate überhaupt gegenlesen zu wollen.

Etliche Telefonate und E-Mails folgten, natürlich nicht mit Alexandra Maria Lara persönlich, sondern mit einer PR-Agentur. Denn hinter der Schauspielerin steht eine riesige Maschinerie. Es gibt nicht nur eine Schauspieleragentur und ein Management, sondern auch noch PR-Leute, die den jeweiligen Film promoten, also (positiv) in die Presse bringen wollen.

Anfangs geht es bloß um die Suche nach Termin und Treffpunkt. Dann wird eine Visagistin gefordert, die gebucht werden soll, vorher aber erst einmal Referenzen vorweisen muss. Es geht darum, wo Alexandra Maria Lara geschminkt werden kann - im Charlottenburger Schloss, aber bitte in einem separaten Raum, wo niemand dabei zusehen kann - (am Ende soll es dann doch eine vertraute Visagistin richten), es geht um einen Tisch in einem Restaurant, der für das Treffen reserviert werden soll, es geht um ein ZDF-Team, das ebenfalls vor Ort sein wird, es geht um die Wettervorhersage und darum, dass es Alexandra Maria Lara wohl zu kalt für einen Spaziergang sein wird, und darum, ob der Artikel auch pünktlich zum Filmstart in die Zeitung kommt. Es wird klar: Hier soll es nicht um das Porträt einer Schauspielerin gehen, sondern - ganz profan - um Werbung für den neuen Film.

Die Maschinerie verdient mit

Niemals zuvor war die Vorbereitung eines Berliner Spaziergangs so zeitaufwendig und nervenaufreibend. Vielleicht hat Alexandra Maria Lara mal schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht, fühlte sich falsch zitiert oder fand ein abgedrucktes Foto von sich hässlich. Vielleicht liegt es ja aber auch einfach an der Maschinerie!? Am Nachmittag vorher wird das Interview plötzlich abgesagt, Frau Lara sei erkältet.

Bis zum neuen Termin vergehen dreieinhalb Wochen. Es ist mittlerweile Winter, es hat geschneit, Alexandra Maria Lara, wieder gesund, kommt perfekt geschminkt, ohne ZDF, dafür in Begleitung einer PR-Dame in die Kleine Orangerie am Charlottenburger Schloss. Sie möchte nicht spazieren gehen. Zu kalt. Also ein Gespräch am Kaffeetisch.

In ihrem neuen Film "Small World" spielt sie an der Seite von Gérard Depardieu. Es geht um den alternden Konrad Lang (Gérard Depardieu), den es zu der Industriellenfamilie Senn zurückzieht, bei der er seine Kindheit verbrachte. Während er die Dinge des Alltags zusehends vergisst, kommen immer mehr Erinnerungen von früher hoch, die letztendlich ein dunkles Familiengeheimnis ans Licht bringen. Die Kriminalgeschichte basiert auf dem Romandebüt von Bestsellerautor Martin Suter und läuft seit dem 16. Dezember in den deutschen Kinos. Es ist ein Film über Familie. Über Beziehungen. Geheimnisse. Und über Alzheimer.

Martin Suters Vater starb an der Krankheit, das beeinflusste den Autor beim Schreiben seines Buches. Alexandra Maria Lara findet die Frage, ob sie selbst in der Familie oder im Bekanntenkreis Erfahrungen mit Demenzkranken gemacht hat, offenbar doof. Sie schüttelt den Kopf. Nee. Rehaugen, fragender Blick, Stirnkräuseln. Es entsteht eine unangenehme Pause.

Gerade mal fünf Minuten sitzen wir an diesem rechteckigen Holztisch, und schon ist kein normales Gespräch mehr möglich. Also doch der Film. Ich stelle Fragen, die zu Kinostarts immer gestellt werden: Wie war das, mit dem Weltstar Gérard Depardieu zu spielen? Wie ist er so in den Drehpausen? Wie war die Zeit in Paris? Das Leben in Frankreich?

"Aufregend" sei das gewesen, sagt sie. In den Rehaugen wird ein Strahlen angeknipst. Ganz schwer zu beschreiben sei Depardieu, weil er so ein Universum an Dingen sei. "Laut und charmant und sehr präsent, wenn er den Raum betritt." Gleichzeitig aber auch die stillen Töne beherrscht, beim Spielen. Alexandra Maria Lara gestikuliert jetzt viel, an diesem eckigen Tisch, sie sagt Dinge, die Schauspieler so sagen, wenn sie ihrer Verpflichtung nachkommen, für einen Film zu werben. Gérard Depardieu - "definitiv einer der beeindruckendsten Schauspieler, mit denen ich je zusammen gearbeitet habe". Warum? "Das hat wahrscheinlich mit Aura und mit ihm und seinem Talent zu tun. Es ist einfach faszinierend, ihn beim Spielen zu beobachten. Und mit ihm zu spielen." Die Besetzung - "alles wunderbare französische Schauspieler", die Zusammenarbeit "irrsinnig spannend". Faszinierend. Wunderbar. Beeindruckend. Spannend.

"Small World" wurde in Paris gedreht, unter der Regie des Franzosen Bruno Chiche und mit französischer Crew. Für Alexandra Maria Lara kein Problem, sie spricht die Sprache fließend. Nachdem ihre Eltern 1983 von Bukarest nach Berlin gezogen waren, besuchte sie die Grundschule in Charlottenburg, später das Französische Gymnasium Berlin in Tiergarten. Die Schulzeit habe sie nicht in besonders schöner Erinnerung, erzählte sie mal einem Jugendmagazin. Unsicher sei sie gewesen. Freude machte ihr die Theater-AG. Dort hatte Alexandra Maria Platareanu, wie sie bürgerlich heißt, schon damals Erfolg.

Kurz vor dem Abitur sah man sie dann neben Henry Hübchen in der ZDF-Fernsehserie "Mensch, Pia!" Nach ihrem Abschluss verfolgte sie die Schauspielerei weiter und nahm Unterricht an der Charlottenburger Theaterwerkstatt ihres Vaters Valentin Platareanu, selbst Regisseur und Schauspieler. Mit ihm und der Hilfe der Schweizer Schriftstellerin Fabienne Pakleppa hat sie gerade ein Buch veröffentlicht. Es sind vor allem Erinnerungen des Vaters an die Flucht. Es war der 23. Juli 1983, Alexandra Maria Lara war viereinhalb Jahre alt, die Eltern bereiteten ihr ein provisorisches Bett auf dem Rücksitz des Familien-Lada und flohen drei Tage und drei Nächte vor dem Regime Ceausescus nach Deutschland. "Wir fahren dorthin, wo du Coca-Cola trinken kannst, wann immer du willst", sagten sie. So steht es im Buch. Wir kommen nicht dazu, weiter darüber zu sprechen. Die Frage nach dieser Zeit, nach dem Davor und dem Danach, dem Bruch, dem Neuanfang, ihren ersten Eindrücken von dem fremden Land bügelt Alexandra Maria Lara ab. Also, das sei schwierig, sie erinnere sich an nichts. Zu jung sei sie gewesen. Das wäre ja so, als wenn sie mich jetzt nach meinen Erinnerungen fragen würde, damals, als ich drei Jahre alt war, das sei ja so ein bisschen, äh ... Stirnkräuseln. "Blöd?", frage ich. Sie sagt nichts. Gut, blöde Frage. Also zurück zum Film.

Denn so wie das Buch für ihren Vater, so sei ja auch ein bisschen die Geschichte von Konrad Lang, sagt sie. "Ich glaube, das ist grundsätzlich so bei Menschen: Je älter man wird, desto wichtiger oder präsenter wird die Vergangenheit." Faszinierend sei das. Vielleicht ist sie einfach noch nicht so weit.

Ein Teil ihrer eigenen Vergangenheit liegt in Rumänien. Einmal im Jahr versuche sie, ihre Verwandten in Bukarest zu besuchen. Manchmal bleibt es nur bei dem Versuch, denn ihre Zeit ist knapp: außer dem Job, Eltern und Freunden gibt es noch Ehemann Sam Riley - und dessen Familie in Großbritannien. Weihnachten kann da zur Zerreißprobe werden. Dieses Mal war der Plan, in Rileys Heimatstadt Leeds zu feiern.

Aber letztendlich ist jeder Tag für Alexandra Maria Lara eine kleine Herausforderung, denn sie spricht ständig drei Sprachen: Deutsch (hauptsächlich), Rumänisch (mit ihren Eltern) und Englisch (mit ihrem Ehemann). Sam Riley, ebenfalls Schauspieler, und sie lernten sich vor drei Jahren kennen, bei den Dreharbeiten zu "Control", einem Film über den Sänger der englischen Post-Punk-Band Joy Division. Liebe auf den ersten Blick sei es gewesen, erzählten die beiden damals, für sie zog er nach Charlottenburg, 2009 heiratete das Paar. Kinder seien zurzeit nicht geplant, aber, sagt sie, "ich glaube, wir würden uns beide sehr freuen und wünschen, irgendwann mal welche zu haben".

Mittelpunkt Charlottenburg

Charlottenburg ist noch immer Mittelpunkt ihres Lebens. Die Kleine Orangerie habe sie als Treffpunkt für unser Interview gewählt, weil der Schlosspark immer eine Konstante war. Um die Ecke wuchs sie auf, hier im Park gingen sie oft spazieren, ihre Eltern und sie. Dort am See habe der Vater mal Carlo Goldonis "Krach in Chioggia" inszeniert. Wunderbar war das. "Unglaublich schön." Zum See hinunterzugehen, an den Ort, mit dem sie offenbar viele Momente ihrer Kindheit und Jugend verbindet, hat sie heute leider keine Lust.

Als Hitlers Sekretärin Traudl Junge in Oliver Hirschbiegels "Der Untergang" wurde Alexandra Maria Lara international bekannt. Der Kinofilm erhielt eine Oscar-Nominierung, gewann jedoch nicht. Trotzdem wurde Hollywood aufmerksam. 2007 drehte US-Regisseur Francis Ford Coppola mit ihr in Rumänien und Bulgarien den Film "Jugend ohne Jugend", 2008 bekam sie eine Nebenrolle in der deutsch-amerikanischen Produktion "Der Vorleser". Im selben Jahr war Alexandra Maria Lara Jurymitglied beim Filmfestival in Cannes, wurde als der aktuelle deutsche Export gehandelt. Erfolgsdruck? Ach, sagt sie, "damit versuche ich, so normal wie möglich umzugehen". Erfolg sei nur ein Moment. Und: "Es ist natürlich wahnsinnig schön, wenn einem überhaupt solche Momente zuteilwerden."

Mit anderen deutschen Schauspielern teilt sie das Schicksal, in Hollywood wenn, dann gern für die Nazirolle besetzt zu werden. Alexandra Maria Lara stößt die Luft zu einem lang gezogenen "Pfff" aus. "Es ist ein großes Glück, sich seine Rollen aussuchen zu können, aber es ist natürlich auch mit einer gewissen Verantwortung verbunden. Ich versuche immer, mir Projekte auszusuchen, die mich begeistern und mich herausfordern."

Und die Nazirollen? Interessant? Uninteressant? Die Entscheidung für oder gegen eine Rolle treffe ihr Bauch. "Ich glaube, dass der erste Instinkt beim Lesen des Drehbuchs der richtige ist." Gerade habe sie wieder ein richtig Schönes zugeschickt bekommen. Aber darüber dürfe noch nichts verraten werden. Die PR-Dame drängt zum Aufbruch. Auch über sich selbst hat Alexandra Maria Lara so gut wie nichts verraten.

Vor der Tür müssen noch Fotos gemacht werden. Zwei davon gibt sie am Ende zum Abdruck frei. Die Zitate kommen bis auf eines unverändert zurück. Vielleicht ist sie eigentlich ein unkomplizierter Mensch. Vielleicht will nur die Maschinerie alles kontrollieren.

"Ich versuche immer, mir Projekte auszusuchen, die mich begeistern und mich herausfordern"

Alexandra Maria Lara, Schauspielerin