Interview mit Uwe Kraffel

"Patienten wurden von einem Lehrling versorgt"

Großrazzia in den Berliner DRK-Kliniken. Wie funktioniert der Betrug im Medizinbetrieb? Tanja Kotlorz sprach mit dem Vizechef der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin, Uwe Kraffel (48). Die KV ist die Dachorganisation der ambulanten Ärzteschaft und für Abrechnungen zuständig.

Berliner Morgenpost: Wie kann im Medizinbetrieb betrogen werden?

Dr. Uwe Kraffel: Es gibt mehrere Varianten des Betrugs, dem die Staatsanwaltschaft jetzt in Berlin nachgeht: Es gibt 230 sogenannte ermächtigte Ärzte in Berlin. Das sind Mediziner, die in Kliniken arbeiten und von der KV die Ermächtigung haben, Patienten in ihrem speziellen Fachgebiet ambulant zu behandeln. Nur diese Ärzte dürfen die Patienten behandeln und die Leistungen dann auch mit der KV abrechnen. Es ist aber vorgekommen, dass nicht die ermächtigten Chefärzte und Oberärzte die Patienten versorgt haben, sondern junge Assistenzärzte. Die Chefärzte haben dann von der KV illegal Geld für die Behandlungen bekommen, und auch die Klinikverwaltungen haben kassiert. Beide haben illegal gehandelt. Deswegen handelt es sich auch um einen bandenmäßigen Betrug. Die Staatsanwaltschaft sichtet hier auch Kontoauszüge von den Ärzten.

Berliner Morgenpost: Wer hat von dem System profitiert?

Dr. Uwe Kraffel: Die Chefärzte und Oberärzte, die die Patienten nicht behandelt haben, profitierten finanziell. Aber auch die Klinik hat profitiert. Leidtragende sind die Patienten.

Berliner Morgenpost: Inwiefern?

Dr. Uwe Kraffel: Die Patienten sind in die Kliniken gegangen in der Hoffnung, von einem Spezialisten behandelt zu werden. De facto sind sie von einem "Lehrling" versorgt worden.

Berliner Morgenpost: Wissen Sie, ob Patienten zu Schaden gekommen sind?

Dr. Uwe Kraffel: Das muss geprüft werden. Die Patienten haben auf jeden Fall nicht die Behandlung von einem Spezialisten bekommen. Das Problem ist, dass ein junger, unerfahrener Arzt nicht die Kenntnisse eines erfahrenen Mediziners hat.

Berliner Morgenpost: Wie gingen die anderen Betrugs-Methoden?

Dr. Uwe Kraffel: Die DRK-Kliniken betreiben sechs sogenannte Medizinische Versorgungszentren (MVZ) an ihren Kliniken in Mitte (Drontheimer Straße), dem Westend und in Köpenick. Das sind Zentren, in denen Ärzte Patienten ambulant behandeln. Dort werden unter anderem auch Röntgenuntersuchungen und Sonografien vorgenommen. In diesen Zentren ist etwas Ähnliches passiert wie bei der ersten Betrugsmethode: Assistenzärzte haben Patienten behandelt, obwohl sie gar nicht die Ermächtigung und die Ausbildung dafür hatten. Wieder wurde falsch abgerechnet, auf Kosten der Kassenärztlichen Vereinigung.

Berliner Morgenpost: Wussten die jungen Ärzte, dass ihr Handeln unrechtmäßig ist?

Dr. Uwe Kraffel: Das ist gerade Teil dessen, was von der Staatsanwaltschaft ermittelt wird.

Berliner Morgenpost: Welche Konsequenzen zieht die KV?

Dr. Uwe Kraffel: Wir haben beim Zulassungsausschuss, einem Gremium aus Ärzten und Kassenvertretern, beantragt, dass allen sechs MVZs der DRK-Kliniken die Zulassung entzogen wird. Das bedeutet, dass dort künftig keine Patienten mehr behandelt werden dürfen.

Berliner Morgenpost: Wie hoch ist der Schaden und wem ist er entstanden?

Dr. Uwe Kraffel: Wir gehen davon aus, dass uns als KV ein Schaden im niedrigen zweistelligen Millionenbereich entstanden ist. Logischerweise werden wir von den DRK-Kliniken dieses Geld zurückfordern. Der Schaden ist auch den anderen ambulant tätigen Ärzten entstanden, denn durch die Machenschaften der DRK-Kliniken ist dem System Geld entzogen worden. Auch die Patienten wurden betrogen, weil sie nicht von den richtigen Fachärzten behandelt und eventuell schlechter versorgt wurden.

Berliner Morgenpost: Wie viele Patienten sind betroffen?

Dr. Uwe Kraffel: Tausende Patienten sind nicht von den Ärzten behandelt worden, von denen sie eigentlich hätten versorgt werden müssen.

Berliner Morgenpost: Wie erkenne ich als Patient, ob ich vom richtigen Arzt behandelt werde?

Dr. Uwe Kraffel: Wenn bei Ihnen Unklarheit herrscht, wer Sie behandelt, sollten Sie nachfragen.

Berliner Morgenpost: Lassen sich solche Machenschaften verhindern?

Dr. Uwe Kraffel: Gar nicht. Die organisierte Kriminalität gibt es seit der Römerzeit.