Gesundheit

Die Schweinegrippe und die Zweifel an der Impfung

Die Formel könnte so einfach sein: Das Schweinegrippevirus kommt auf Deutschland und Europa zu, also lassen sich die Menschen, ob jung oder alt, ob Frau oder Mann, impfen. Dann nämlich geht die Pandemie an den Deutschen vorbei. Dass diese Faustregel nicht stimmt, zeigen jedoch die Reaktionen der Bevölkerung. Die Schweinegrippe verläuft in Europa viel harmloser als vor einigen Monaten von den Experten prognostiziert, viele Menschen wissen nicht, ob sie sich jetzt gegen die Schweinegrippe oder auch gegen die saisonale Grippe impfen lassen sollen. Außerdem gibt es viele Fragen - sind die Impfstoffe für alle Bevölkerungsgruppen, für Erwachsene, für Schwangere oder für Kinder geeignet? Das Bundesgesundheitsministerium empfiehlt den Menschen, sich ab 26. Oktober impfen zu lassen, andere Wissenschaftler sind skeptisch. Was also tun? Die Berliner Morgenpost erklärt, welche Gründe für und welche gegen eine Impfung sprechen.

Pro

Weil Schweinegrippe gefährlich ist

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verzeichnete seit dem Ausbruch der Schweinegrippe 4525 Todesfälle. Aktuell gab es vergangene Woche weltweit 191 neue Todesfälle. Bisher sind hierzulande 22 000 Infektionen mit dem H1N1-Virus nachgewiesen, zwei Patienten mit Vorerkrankungen sind gestorben. Gefahr besteht auch dadurch, dass das Virus mutieren kann. Professor Reinhard Burger, Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts in Berlin, sieht die Möglichkeit, dass das Virus dann massivere Beschwerden hervorrufen kann. Die Symptome der Schweinegrippe A/H1N1 ähneln denen der saisonalen Grippe: Fieber, Husten, Kopf- und Gliederschmerzen, Müdigkeit, Appetitlosigkeit. Einige Erkrankte berichteten auch über Übelkeit, Erbrechen und Durchfall.

Weil Impfstoffe gut wirksam sind

Bisher zugelassen sind Celvapan, Focetria und Pandemrix. Die drei in Deutschland zugelassenen Impfstoffe seien eingehend untersucht, sagte Gesundheitsstaatssekretär Klaus Theo Schröder gestern. "Sie sind geprüft, sie sind sicher, sie sind wirksam." Die Impfstoffe Focetria des Pharmaherstellers Novartis und Pandemrix von GlaxoSmithKline enthalten neben dem eigentlichen Impf-Antigen verstärkende Zusätze, sogenannte Adjuvanzien, die den Impfstoff effektiver machen. Dabei handelt es sich um Öl-in-Wasser-Verbindungen, die Vitamin E, aus Getreide gewonnenes Polysorbat sowie Squalen enthalten, das zum Beispiel in Haifischleber, Olivenöl und anderen Pflanzenölen wie Weizenkeimöl steckt. Diese Verstärkersubstanzen wurden auch schon bei saisonalen Grippeimpfstoffen verwendet. Der Impfstoff Celvapan des Herstellers Baxter enthält keine Verstärker und gilt deshalb als verträglicher.

Weil der Schutz schnell eintritt

In vielen Altersgruppen ist der Geimpfte innerhalb von zwei bis drei Wochen geschützt. Nach vorläufigen Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts werden drei Gruppen unterteilt: Kinder von sechs Monaten bis neun Jahren erhalten zwei halbe Erwachsenendosen im Mindestabstand von drei Wochen. Zehn- bis 60-Jährige bekommen eine Erwachsenendosis. Erwachsene über 60 Jahre benötigen zwei Erwachsenendosen im Mindestabstand von drei Wochen. Ein Immunschutz stellt sich zwischen der ersten und zweiten Impfung ein und ist etwa zehn Tage nach der zweiten Impfung komplett.

Weil die Ansteckungsgefahr groß ist

Zunächst wird ausreichend Impfstoff für die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen zur Verfügung stehen. Diese Personengruppen umfassen rund 30 Prozent der Bevölkerung in Deutschland. Dazu zählt vor allem das medizinische Personal wegen des vermehrten Kontaktes zu Grippe-Infizierten. Bei einer Pandemie muss auch die öffentliche Sicherheit aufrechterhalten werden. Daher sind auch für Feuerwehr, Polizei sowie Justizvollzugsbedienstete Impfstoffdosen vorgesehen. Eine Infektion kann vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen und Schwangere zu einem ernsten Gesundheitsproblem werden. Deshalb wird für diese Gruppen ebenfalls Impfstoff zur Verfügung stehen. Ein solches Vorgehen empfiehlt auch die Weltgesundheitsorganisation. Darüber hinaus kann jeder geimpft werden, der dies möchte.

Weil Experten eine Pandemie befürchten

Eine Pandemie bezeichnet eine weltweite Epidemie. Eine Influenzapandemie wird durch ein neuartiges Influenzavirus verursacht, das in der Lage ist, schwere Erkrankungen hervorzurufen und sich gut von Mensch zu Mensch zu verbreiten. Da dieser neue Erreger zuvor nicht oder sehr lange nicht in der menschlichen Bevölkerung vorgekommen ist, ist das Immunsystem nicht vorbereitet und daher auch nicht geschützt. Aber da Influenza-Viren in der Winterzeit leichter übertragen werden, geht der Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts, Professor Reinhard Burger, davon aus, dass die Zahl der Infektionen in den kommenden Monaten sprunghaft ansteigen kann. Auch ein pandemisches Virus, das bei gesunden Menschen nur milde Symptome verursacht, kann durch die hohe Zahl von Erkrankten in einem kurzen Zeitraum die Gesundheitssysteme eines Staates überlasten.

Contra

Weil die Gefahr übertrieben wird

Im Vergleich zu manchen Grippeerregern, die über die Kontinente gezogen sind und allein in Deutschland Tausende Tote zurückgelassen haben, ist das neue Virus weniger gefährlich: Drei Monate nach seiner Entdeckung waren weltweit 800 Todesfälle registriert. Obwohl bereits Millionen von Menschen erkrankt sind, verläuft die Grippewelle nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) je nach Land mild bis moderat.

Weil Verstärker im Impfstoff sind

Der relativ geringen Gefährdung durch die Erkrankung selbst stehen unkalkulierbare Risiken der Impfstoffe entgegen. Angeblich um Produktionszeit zu sparen, enthalten die neuen Impfstoffe eine nur geringe Antigen-Menge, dafür aber sogenannte Wirkverstärker, sagt Wolfgang Becker-Brüser, Arzt und Apotheker. Ausreichende Erfahrungen fehlen hierfür. Die im Impfstoff enthaltene Wirkverstärkermischung gab es zuvor in keinem handelsüblichen Impfstoff. Das Problem: Wirkverstärker erhöhen nicht nur die erwünschten Wirkungen, sondern auch die unerwünschten. Das kann auch für die sehr seltenen lebensbedrohlichen Folgen von Impfungen wie aufsteigende Lähmungen gelten. Mit den neuen Impfstoffen ist die Strategie verlassen worden, möglichst gut verträgliche Impfstoffe zu produzieren. Stattdessen setzt man auf billiger herzustellende Produkte.

Weil schon die normale Grippe-Impfung Schutz bietet

Hinweise darauf gibt eine mexikanische Untersuchung an Grippepatienten. Die Forscher der mexikanischen Impfstoffbehörde Birmex verglichen in einer Klinik 60 Schweinegrippe-Patienten mit 180 Personen, die an anderen Erkrankungen litten. Die Infizierten mit dem Schweinegrippe-Erreger hatten im vorigen Winter die Impfung gegen die saisonale Grippe seltener bekommen als die Kontrollpersonen. Daraus leiten die Forscher im "British Medical Journal" die Vermutung ab, dass die normale Grippeimpfung das Risiko für die Schweinegrippe senkt.

Weil kindgerechter Impfstoff fehlt

Kinderärzte fordern für ihre kleinen Patienten einen möglichst verträglichen Impfstoff gegen die Schweinegrippe. Ein Impfstoff ohne Zusätze wie in den USA solle auch Kindern zur Verfügung gestellt werden, verlangte der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Wolfram Hartmann. "Wir haben überhaupt keine Therapieoption", begründet er. Die Antigrippemittel Tamiflu oder Relenza seien für Kinder unter einem Jahr nicht zugelassen. Kinder mit ihrem unreifen Immunsystem seien besonders gefährdet, dies zeigten Erfahrungen aus anderen Ländern, sagte Hartmann. Reihenimpfungen lehnen die Kinderärzte ab. Erst nach sorgfältiger Prüfung der Krankheitsgeschichte sollten Kinder und Jugendliche von ihrem behandelnden Arzt geimpft werden.

Weil die Wirksamkeit von Grippe-Impfungen nicht erwiesen ist

Es hat keinen Sinn, sich dagegen zu impfen, meint der britische Epidemiologe Tom Jefferson, der für die Cochrane Collaboration arbeitet. Eine Influenza-Impfung hat keine oder fast keine Wirkung, weltweit ist keine belastbare Studie zu finden, die das Gegenteil belegt. Es herrscht ein großes Ungleichgewicht zwischen der Empfehlung pharmazeutischer Gegenmaßnahmen wie Arzneien und eben dem Grippe-Impfstoff und dem Hinweis auf effektive, billige und harmlose Gegenmaßnahmen. So kann zum Beispiel Hände waschen Leben retten. Die Bedeutung der Grippe wird außerdem völlig überschätzt. Es gibt insgesamt mehr als 200 Viren und Bakterien, die grippeähnliche Symptome hervorrufen können, darunter sind sehr häufig auch Schnupfenviren. Gegen diese vielen grippalen Infekte kann eine Grippeimpfung nichts ausrichten. Denn die enthält ja immer nur das Serum gegen die (relativ seltenen) Influenza-Viren.