Kriminalität

Kindstötungen in Deutschland

Wenn die Tragödien ans Licht kommen, ist die Öffentlichkeit entsetzt: Immer häufiger, so scheint es, werden Kinder in Deutschland vernachlässigt, misshandelt, getötet. Die Polizeistatistik aber zeigt ein anderes Bild.

Es ist eine Chronologie des Grauens: Am 31. Juli 2005 werden in einer brandenburgischen Ortschaft die Leichen von neun Babys in Blumengefäßen entdeckt, im Oktober 2006 findet man den zweijährigen Kevin im Kühlschrank seines Ziehvaters, im März 2007 wird ein neugeborenes Mädchen aus der zehnten Etage eines Hamburger Hochhauses geworfen, im Dezember 2007 erstickt eine Mutter im schleswig-holsteinischen Darry ihre fünf Kinder.

Immer häufiger, so scheint es, werden Kinder in Deutschland vernachlässigt, misshandelt, getötet. Tragödien wie diese schockieren die Öffentlichkeit. Und nicht selten folgt auf das Verbrechen ein erbärmliches Polittheater, wie im Fall der 2007 verhungerten Lea-Sophie. Nach Monaten politischer Taktiererei wurde im April der Schweriner Oberbürgermeister Norbert Claussen abgewählt. Auch die bundespolitische Diskussion über die Frage, ob Kinderrechte als Staatsziel in der Verfassung festgeschrieben werden sollen, bezieht ihre Brisanz unter anderem aus der vermeintlichen Häufung der Kindstötungsfälle.

Ein Blick in die Polizeiliche Kriminalstatistik lässt eine solche Entwicklung jedoch nicht erkennen. Im Gegenteil: Seit 2000 nahm die Zahl der Kindstötungen sogar ab. Im Jahr 2000 wurden 197 Kinder unter sechs Jahren Opfer von Tötungsdelikten. Im Jahr 2006 waren es 152 (siehe Grafik). Die meisten von ihnen starben durch fahrlässige Tötung. Auch hier lässt sich eher eine Abnahme der Delikte feststellen. Im Jahr 1999 starben 102, 2006 70 Kinder durch fahrlässige Tötung.

Auch die Tötung und Lebendaussetzung von Neugeborenen hat nach einer Statistik der Kinderhilfsorganisation Terre des hommes seit 1999 nicht zugenommen. Hier schwankt die Zahl zwischen 43 getöteten oder ausgesetzten Babys im Jahr 2003 und 29 im Jahr 2005.

In der Statistik zu "Gewaltkriminalität und leichte Körperverletzung" bei Kindern (diese umfasst unter anderem Sexualdelikte und Raub) lässt sich dagegen ein deutlicher Aufwärtstrend erkennen. 1995 wurden 29 676, 2006 42 563 Kinder nachweislich Opfer von Gewalt. Hier wurden allerdings nicht nur die Delikte der Erwachsenen, sondern auch Gewaltanwendungen unter Kindern berücksichtigt.