In der Hauptstadt blüht die Kunstszene

- Berlin ist eine Stadt der Kunstsammler geworden - und der Mäzene. Jung und alt. Ein Glücksfall. Denn Vielfalt und Flair, die mit diesen Sammlern in die Stadt einziehen, beleben die Ausstellungskultur und erhöhen die internationale Ausstrahlung insgesamt.

Die Basis des Privaten legten tatkräftig in den letzten Jahren die Fördervereine der Museen. Ohne sie wären weder Ankäufe noch große Sonderschauen der Museen möglich gewesen. Allen voran der traditionsreiche Kaiser-Friedrich-Verein und der Freundeskreis der Neuen Nationalgalerie, ohne dessen Millionen-Finanzspritze hätten große Schauen wie MoMA nie stattgefunden.

Ein Paradoxon ist zu beobachten: In dem Maße wie die Ausstellungs- und Ankaufsetats der staatlichen Häuser schrumpfen wächst das Privat-Engagement. Berlins Szene wäre ärmer ohne dieses Zutun. Zeitgenössische Kunst ist attraktiver denn je, auch für Leute, die vor zehn Jahren kaum ins Museum zu bringen waren. So flattert eine Galerieeinladung nach der anderen ins Haus, an manchen Tagen weiß selbst der Kunstkenner nicht, auf welche Vernissage oder Neueröffnung er zuerst gehen soll.

Und es gibt ein neues Phänomen: Sammler geben sich nicht mehr damit zufrieden, mit ihren Kollektionen an die Staatlichen Museen "anzudocken" wie Heinz Berggruen, Helmut Newton und im Juli die Sammlung Scharf-Gerstenberg. Mick Flick ging einen Schritt weiter; er ließ sich durch die derzeit angesagten jungen Museumsarchitekten Kühn & Malvezzi die Flick-Hallen am Hamburger Bahnhof nach seinen Ideen umbauen.

Neuerdings haben sich die Sammler emanzipiert und bauen gleich ihre eigenen Häuser nach eigenen Vorlieben. Ein Grund mag sein, dass die Zusammenarbeit mit den Museen nicht mehr als ideal befunden wurde. Gingen früher Sammler- und Museumsinteressen Hand in Hand, haben sich die Vorstellungen auf beiden Seiten extrem verändert. Es geht um Unabhängigkeit und Wertschätzung, was häufiger schon zu Krisen führte wie im Falle des Berliner Sammlers Erich Marx und seines Beraters, dem Kunsthändler und Sammler Heiner Bastian im Hamburger Bahnhof. Bastian hat inzwischen sein eigenes Galeriehaus, licht und schön und zentral gelegen an der prominenten Museumsinsel. Entworfen von David Chipperfield. Wie aktuell Bastian arbeitet und wie sehr er auch ein Stück Museumsarbeit leistet, zeigt seine Ausstellung mit Anselm Kiefers "Heroischen Sinnbildern". Kiefer wird demnächst den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten.

Gerade erst eröffnete der Schweizer Unternehmer Roman Maria Koidl seine "Kunsthalle Koidl" im eher ruhigen Charlottenburg. Im denkmalgeschützten Umspannwerk stehen 150 Quadratmetern zur Verfügung. Klein, aber fein, weniger Kunsthalle als Projektraum, dennoch frei zu bespielen mit den "Sammlungen von Sammlern" wie Koidl es plant. Damit nicht genug: Berggruen-Sohn Nicolas (46), millionenschwerer, kosmopoliter Immobilienmann mit Projekten in aller Welt, will ebenfalls seinen Traum von einem Kunsthaus in Berlin verwirklichen. Modern soll der Neubau sein und extravagant. Die Verhandlungen liefen in der letzen Phase, so Berggruen-Junior. Mehr will er nicht sagen. Eine Milliarde Dollar verwaltet seine Holding, spekuliert eine Wirtschaftszeitung. Kein Wunder, dass die Gerüchteküche gewaltig brodelt. Bekommt er gar den Zuschlag für das "Museum für die Kunst des 21. Jahrhunderts"? Genügend Einfluss hat der Sammler-Filius mittlerweile in der Stadt, ein eigene ziemlich marktkompatible Sammlung auch: Er besitzt Werke der "heiligen Trias" Andy Warhol, Jeff Koons und Damien Hirst.

Als "König unter den Sammlern" wird derzeit der Werbemann Christian Boros in der Kunst-Society gefeiert. Er hat den ehemaligen tristen Nazi-Hochbunker, später DDR-Bananenlager, dann Darkroom der Subkultur, wahrhaft domestiziert. Aus dem Betonkoloss am Deutschen Theater ist ein atemberaubendes Kunstlabyrinth geworden. Es wird nicht das letzte spektakuläre Haus für die Kunst in Berlin gewesen sein.