Kontroverse

Sarrazin im Auge des Büchersturms

Berna Durdagi und Didem Özek zeigen stolz ihre T-Shirts mit dem Slogan "I am Deukisch". Die jungen Frauen sind den an diesem Morgen ans Reichstagsufer gekommen sind, um gegen Thilo Sarrazin und seine Thesen über muslimische Einwanderer zu demonstrieren. "Viele Menschen denken so wie er", sagt Didem, "das macht mich traurig".

Berna berichtet, dass sie seit dem Beginn der Debatte um das umstrittene Buch als "Ausländerin bezeichnet werde, von Menschen, von denen ich das nicht gedacht hätte."

Neben den beiden Deutsch-Türkinnen schwenken Gewerkschafter der GEW und Mitglieder der Linken rote Fahnen, Aktivisten einer Initiative gegen Rechtspopulismus zeigen ein Transparent. Umlagert von Kameras und Mikrofonen geißeln der Chef des Türkischen Bundes, Kenan Kolat, und der Publizist Michel Friedmann immer wieder die "bio-genetischen und pseudowissenschaftlichen Argumente" des Bundesbank-Vorstands. Vom Verdi-Lautsprecherwagen dröhnt der Grönemeyer Hit "Kinder an die Macht" durchs Regierungsviertel. Am Rande der etwa 100 Demonstranten hält ein Mann von einer rechtslastigen Internet-Plattform ein Schild in die Luft: "Danke Thilo."

Drinnen, im Haus der Bundespressekonferenz, wo der Verlag vom privaten Betreiber die Tagungsräume im Erdgeschoss gemietet hatte, drängen sich 300 Berichterstatter. "Bei Merkel ist hier weniger los", ächzt eine erfahrene Korrespondentin in der Schlange vor der Einlasskontrolle. "Du kannst mal die ganze Aufregung hier aufnehmen", sagt ein Reporter des arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira seinem Kameramann.

Von der Liebe zum Staatsvolk

Um 12 Minuten nach elf schiebt sich Thilo Sarrazin hinter dem Verlagssprecher durch den Pulk. Hinter ihm geht die deutsch-türkische Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek. Sie hat Sarrazin als Alliierte gewonnnen. Kelek, die schon lange für ihre Islamkritik bekannt ist, sagt, sie könne die "Lektüre nur empfehlen". Sie gibt Sarrazin Recht, der die mangelnde Bildungsorientierung muslimischer Migranten rügt. Ähnliche Befunde würden auch in den islamischen Ländern selbst diskutiert, so die Sozialwissenschaftlerin. Natürlich sei der Islam ein "kulturelles System", das Säkularität und Aufklärung verleugne. Wenn Muslime nach der Scharia leben wollten, dann sei das nichts anderes als Integrationsunwilligkeit. Ihr Fazit: Hier habe sich ein verantwortungsvoller Bürger einen Kopf über die Zukunft des Landes gemacht. "und um diesen Kopf soll er nun kürzer gemacht werden".

Sarrazin selber sitzt unterdessen mit unbewegtem Gesicht im Blitzlichtgewitter. Als er ans Pult tritt, sieht man dem 65-Jährigen den Stress der vergangenen Tage an. Sein Gesicht ist grau. Monoton liest er vom Blatt. Er beteuert seine guten Absichten: "Ich habe so lange für den deutschen Staat gearbeitet dass ich ihn liebe und auch sein Staatsvolk". Schon als junger Redenschreiber habe er stets auch an das große Ganze gedacht, in diesem Geist habe er auch sein Buch geschrieben. Der Sozialdemokrat verteidigt seine Thesen von der kulturell bedingten Integrationsproblematik muslimischer Zuwanderer. Bildung sei für die Problemlösung wichtig, aber das "Mantra Bildung" dürfe nicht zum Selbstbetrug führen. Dass er in seinem Buch Menschen verletzt habe, will er nicht sehen. "Das Buch ist ausgewogener als meine Originalsprache", beschreibt er die Mitarbeit seiner Frau, der Lektoren und Anwälte.

Dann wird er zu seiner Aussage gefragt, Juden hätten besondere Gene. Er habe auf die Frage gewartet, sagte Sarrazin. Er beruft sich mit seiner Aussage auf wissenschaftliche Studien aus Amerika, über die er in Zeitungen gelesen habe. "Ich bin mit dem Begriff jüdische Gene völlig unbefangen umgegangen, nämlich ganz normal", sagt er: "Das war der Fehler."

Dennoch will er den Kampf um seinen Job bei der Bundesbank ebenso aufnehmen wie den Streit um seine Mitgliedschaft in der SPD. Von einem Rauswurf aus der Bank sei ihm nichts bekannt. In seinem Terminkalender sei für Mittwochmorgen eine Vorstandssitzung verzeichnet. Mit Bundesbank-Chef Weber habe er seit neun Tagen nicht mehr gesprochen.

Zum Votum des SPD-Vorstandes, von dem er erst durch eine Journalistenfrage erfährt, will er nichts sagen. In seinem Buch würde man nichts finden, was einen Parteiausschluss rechtfertige, wehrt er sich. Als eine Reporterin fragt, was ihn von einem "Verfassungsfeind und Rassisten" unterscheide, reagiert Sarrazin souverän. Offenbar habe sie sein Buch nicht gelesen. Wenn sie dies nachgeholt habe, lade er sie gern zum Gespräch ein.

Für seine Kritiker aus muslimischen Verbänden, die kurze Zeit später im Französischen Dom zur Pressekonferenz gebeten haben, beruhe die Argumentation Sarrazins auf Halbwahrheiten. Aus Sicht der früheren Berliner Ausländerbeauftragten Barbara John laufe Sarrazins Beweiskette darauf hinaus, dass Türken Menschen zweiter Klasse seien. Mit ähnlichen Mitteln sei früher Frauen von Männern "physiologischer Schwachsinn" unterstellt worden. Ayman Mazyek, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime sagte, Sarrazin leide offensichtlich unter eine Identitätskrise, die nicht wenige in Deutschland teilten. Dafür würden nun Muslime als Sündenböcke gesucht. Burhan Kesici vom Islamrat sagte, Sarrazin stärke den latent vorhandenen Rassismus und die Islamfeindlichkeit in der Gesellschaft. Die von Sarrazin beschriebenen "Parallelgesellschaften muslimischer Einwanderer" gebe es in Deutschland nicht. Pinar Cetin vom Landesvorstand der türkisch-islamischen Union (DITIB) sagte, einige der angesprochenen Probleme gebe es: "Aber die Wortwahl ist zu gemein und zu fies."