Thilo Sarrazin verteidigt sich bei Reinhold Beckmann

Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin ist von den heftigen Reaktionen auf sein Buch "Deutschland schafft sich ab" nicht überrascht worden. Das sagte er gestern am späten Abend in der ARD-Sendung "Beckmann". Ein Großteil der Bürger teile jedoch seine Ansichten. In diesem Zusammenhang verwies Sarrazin auf eine Umfrage des Senders n-tv.

Dort hätten 95 Prozent der Teilnehmer geantwortet, dass er mit seinen Äußerungen nicht zu weit gegangen sei.

In einer zu Beginn zerfahrenen Diskussion, an der auch die niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan, Grünen-Fraktionschefin Renate Künast, der SPD-Politiker Olaf Scholz und der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar teilnahmen, verteidigte Sarrazin seine Aussagen zur Integration. Dabei wurde er unter anderem auf seine Aussage in der Berliner Morgenpost angesprochen, in der er behauptet hatte, dass alle Juden ein bestimmtes Gen teilten. Er habe gesagt, dass man Volksgruppen genetisch unterscheiden könne, das gelte nicht nur für die Juden, verteidigte sich Sarrazin. Dies sei wissenschaftlich erwiesen.

Breiten Raum in der Debatte nahm die Bildung der Migranten ein. Sarrazin wiederholte seine Aussage, wonach "Begabungen zu 50 bis 80 Prozent erblich" seien und kritisierte Bildungsdefizite bei muslimischen Migranten. Daraufhin warf ihm Renate Künast vor, er wolle sich mit pseudowissenschaftlichen Aussagen als Tabubrecher darstellen. Als Finanzsenator in Berlin hätte er mehr Geld für die Bildung ausgeben müssen. Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar verwies auf einen OECD-Bericht, der nicht die Migranten, sondern die mangelhafte Sprachförderung in Deutschland für die Defizite verantwortlich mache.

Niedersachsens Sozialministerin Özkan kritisierte die "verächtliche Art und Weise", in der sich Sarrazin äußere. Sie verwies auf ihre eigene Herkunft. Beide Elternteile hätten kein Abitur, sie selbst aber habe das Abitur mit der Durchschnittsnote 1,6 abgeschlossen.

Auf die Frage, was er mit den Einnahmen aus seinem Buch mache, sagte Sarrazin, er habe noch keine Pläne.

25 000 Exemplare schon verkauft

In Berlin sorgt Sarrazins Buch für anderen Ärger: Die erste Auflage ist komplett vergriffen. 25 000 Exemplare sind bereits weg. "Wir haben die erste Auflage am letzten Montag an die Händler ausgeliefert", sagt Michèle Lallemand, Assistentin der Presseabteilung der Deutschen Verlags-Anstalt, dem Verlag, in dem das Sarrazin-Buch erschienen ist. "Vor acht Tagen war das also. Daher hatten einige Buchhandlungen das Buch auch schon am letzten Donnerstag verkauft." Daraufhin habe der Verlag auch eine zweite Auflage gedruckt, weitere 15 000 Exemplare, die gestern an die Händler ausgeliefert wurden. "Doch auch da haben wir recht schnell gemerkt: Das wird nicht ausreichen", sagt Lallemand. "Die Nachfrage ist einfach zu groß. Denn auch diese Auflage war sehr schnell wieder vergriffen. Das hat uns schon ein wenig überrascht. Also haben wir noch eine dritte Auflage gedruckt, noch einmal 70 000 Bücher. Und eine vierte, diesmal sogar mit 80 000 Exemplaren."

Doch noch ist dieser Montag; und kein einziges "Deutschland schafft sich ab"-Exemplar liegt in den Auslagen der Berliner Buchhandlungen. Auch die Buchhandlung im Kaufhaus Galeria Kaufhof direkt am Alexanderplatz hat noch keine Exemplare von Sarrazins Buch erhalten. "Heute, irgendwann noch, könnte die Lieferung ankommen", sagt die Verkäuferin dort. "Oder vielleicht doch erst morgen oder übermorgen, so genau weiß ich nicht, wann wir das Buch bekommen."

Die Verkäuferin in der Thalia-Buchhandlung in den Schönhauser Arcaden ist dagegen zunächst noch zuversichtlich. Vor ihr flimmert ein Bildschirm. Der Name von Sarrazins Buch steht da und eine kleine Drei rechts daneben. "Ah, Sie haben Glück", sagt die Verkäuferin. "Tegel, unsere Filiale dort hat noch drei Stück." Doch dann hebt sie den Telefonhörer ab, wählt die Nummer der Thalia-Filiale in Tegel. Nur zur Sicherheit. Man kann ja nie wissen. Und dann, die Enttäuschung: "Doch nicht? Schon verkauft?", fragt die Verkäuferin in den Hörer. "Na ja, so schnell kann es manchmal gehen." Dann legt sie auf. "Sind alles drei Vorbestellungen. Faktisch also schon weg."

Noch nicht einmal in den kleineren, versteckteren Buchhandlungen sieht es anders aus. So wie in der Käthe-Kollwitz-Buchhandlung in der Danziger Straße in Prenzlauer Berg. Auch hier: Alle Neuerscheinungen liegen auf kleinen Tischen, die Bestseller eben, nur kein einziges Exemplar von Sarrazins Buch.