Interview

"Berlin muss benachteiligte Schüler besser fördern"

Berlin ist beim Bildungsmonitor 2010 das Schlusslicht. Morgenpost-Redakteurin Regina Köhler sprach mit dem Bildungsforscher Olaf Köller, der zurzeit an der Universität Kiel tätig ist, über mögliche Ursachen und nötige Maßnahmen.

Berliner Morgenpost: Herr Köller, was hat Berlin falsch gemacht?

Olaf Köller: Wenn man sich die Veränderungen zu den Vorjahren anschaut, ist Berlin auf einem guten Weg. Berlin ist besser geworden, aber trotzdem Letzter geblieben, weil alle anderen Bundesländer sich auch verbessert haben. Es gibt Bereiche, da steht Berlin nicht schlecht da, bei der Forschungsorientierung zum Beispiel oder bei der Betreuung von Schülern. Berlin hat mit die meisten Ganztagsschulen bundesweit. Was allerdings die Schulqualität angeht, sieht es weiter schlecht aus.

Berliner Morgenpost: Bremen hat sich deutlich verbessert. Woran liegt das?

Olaf Köller: Bremen hat nach dem sehr schlechten Abschneiden bei Pisa 2000 sehr viel unternommen. Viel Geld wurde zum Beispiel für die Förderung besonders benachteiligter Schüler ausgegeben. Mit großem Erfolg. Gegenwärtig gibt es zudem eine Initiative zur Verbesserung der vorschulischen Bildung.

Berliner Morgenpost: Sieger beim Bildungsmonitor sind Sachsen und Thüringen, Länder, die viel für die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer getan haben. Was hat Berlin da bislang versäumt?

Olaf Köller: In Sachsen und Thüringen hat die Förderung der sogenannten MINT-Fächer Tradition. Zu DDR-Zeiten wurde besonders viel Wert auf den naturwissenschaftlichen und mathematischen Unterricht gelegt. Mädchen wurden in diesen Bereichen besonders gefördert. Die Lehrer waren entsprechend qualifiziert, was sich noch immer auswirken dürfte. Berlin ist aber dabei, aufzuholen. An der Humboldt-Universität wird zum Beispiel großer Wert darauf gelegt, die Lehrerausbildung für die MINT-Fächer zu stärken. Ich warne allerdings davor, sich zu sehr auf diesen Teilbereich zu konzentrieren. Auch der Fremdsprachenunterricht muss gut sein.

Berliner Morgenpost: Was ist das Erfolgsgeheimnis von Sachsen?

Olaf Köller: Dort gibt es seit 20 Jahren stabile Strukturen im Bildungsbereich, die immer weiter optimiert worden sind. Die Lehrerschaft hatte viel Ruhe dazu. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass es dort vergleichsweise wenig Schüler mit Migrationshintergrund gibt.

Berliner Morgenpost: Berlin reformiert den Oberschulbereich. Haupt-, Real- und Gesamtschulen sollen zu Sekundarschulen fusionieren. Daneben wird es nur noch Gymnasien geben. Ist das der richtige Weg?

Olaf Köller: Angesichts sinkender Schülerzahlen ist das richtig. Die Strukturreform wird aber nicht alle Probleme lösen. Wir brauchen gute Ideen, wie leistungsheterogene Schülergruppen unterrichtet werden, und viel interne wie externe Differenzierung.

Berliner Morgenpost: Was sollte Berlin jetzt vor allem tun?

Olaf Köller: Die Strukturreform sollte umgesetzt werden. Ansonsten sollte man nicht nach dem Gießkannenprinzip fördern, sondern Geld systematisch für die Förderung besonders benachteiligter Schüler ausgeben. Zudem könnten die Stundentafeln so umgebaut werden, dass mehr Lernzeit für die Kernfächer bleibt. Förderbedarf muss früh diagnostiziert werden.