Willy Brandt

"Frontstadt-Boss" und begehrter Gesprächspartner

Die SED-Genossen trauten ihren Augen nicht: Als sie am 25. August 1960 wieder einmal vor dem Kreisbüro der SPD in Friedrichshain agitierten, stand ihnen plötzlich Willy Brandt gegenüber. Ausgerechnet der Regierende Bürgermeister West-Berlins, der im "Neuen Deutschland" und anderen Propagandablättern regelmäßig als "Kriegstreiber" oder "Fronstadt-Boss" geschmäht wurde.

Ruhig und gänzlich unaggressiv erklärte Brandt, er habe keine Atomwaffen, "weder in der Tasche noch sonst wo", und hoffe, die DDR habe ebenfalls keine. Dann wandte sich der Regierungschef der westlichen Teilstadt normalen Ost-Berlinern zu. Sie waren vom Wochenmarkt auf dem Boxhagener Platz herübergekommen und riefen dem unerwarteten Besucher "Willy, bleib doch hier!" und ähnliche Parolen zu. Doch Brandt wollte die Situation nicht eskalieren lassen und stieg in seinen Wagen, um über die Sektorengrenze zurückzufahren.

Das Stadtoberhaupt hatte sich spontan zu dem Abstecher nach Friedrichshain entschieden, weil er vom drohenden Aufmarsch von SED-Parteigängern vor dem letzten SPD-Büro in Ost-Berlin gehört hatte. Vor 50 Jahren war zwar die Außengrenze Berlins nach Brandenburg bereits mit Zäunen "gesichert", aber die innerstädtische Demarkationslinie zwischen den drei westlichen und dem sowjetischen Sektor konnte nach einer Kontrolle noch in beide Richtungen passiert werden. Die DDR-Grenzer am Brandenburger Tor hatten keine Möglichkeit, Brandt die spontane Fahrt nach Ost-Berlin zu verweigern. Und auch die Stasi war überrascht, hatten doch Mielkes Mannen mit einer solchen Demonstration nicht gerechnet.

Applaus der Ost-Berliner

Für Ulbricht und Genossen war Brandts Besuch ein Fiasko: Ihnen jubelten höchstens eigens abgestellte FDJ-Kolonnen und SED-Anhänger zu - Willy Brandt dagegen bekam spontan und ohne jede Vorbereitung den Applaus ganz normaler Ost-Berliner. Noch einmal sollte so etwas nicht passieren. Tatsächlich blieb diese Stippvisite Willy Brandts letzter Besuch in Ost-Berlin für die nächsten sechs Jahre. Erst am 12. Oktober 1966 wagte sich der Regierende Bürgermeister erneut nach Mitte. Diesmal passierte er am Checkpoint Charlie die Mauer. Mit seiner Dienstlimousine und unter dem Schutz diplomatischer Immunität fuhr Brandt in die sowjetische Botschaft Unter den Linden, um dort mit Botschafter Pjotr Abrassimow zu sprechen.

Angesichts dieses Termins war klar, dass die Stasi sich nicht trauen würde, einen "Verkehrsunfall" oder Ähnliches zu inszenieren. Anderseits verließ Brandt seinen Wagen erst in der Botschaft, begegnete also keinen normalen Ost-Berlinern.

Im Visier der Stasi blieb der vermeintliche "Imperialist" Brandt auch nach seinem Wechsel nach Bonn zunächst als Außenminister, ab 1969 als Bundeskanzler. Zum Beispiel sorgte sich Mielke, ob beim "großen Bruder" KGB in Moskau "Brandts Friedens- und Entspannungsdemagogie" richtig, also negativ beurteilt werde. Weil mit Günter Guillaume ein Spitzel des MfS Brandts persönlicher Referent war, hatte Ost-Berlin Einblick in die Arbeit des Kanzleramts.

Nach dessen Festnahme 1974 musste Brandt zurücktreten, doch ausweislich der als "Rosenholz" bekannten HVA-Klarnamenkartei wurde Brandt weiterhin von mehreren Inoffiziellen Mitarbeitern ausgeforscht. Wie lange das geschah und wie intensiv, ist angesichts der vernichteten Akten der DDR-Auslandsspionage nicht zuverlässig zu rekonstruieren. Angesichts der Durchdringung aller westlichen Parteien ist anzunehmen, dass vertrauliche Informationen aus dem Umfeld des langjährigen SPD-Chefs und Präsidenten der Sozialistischen Internationale in Ost-Berlin von besonderer Bedeutung waren. Wahrscheinlich auch noch, als Brandt zu einem quasi-offiziellen Gesprächen mit Erich Honecker 1985 nach Mitte kam.