Gedenken

Zwei, die für die Freiheit starben

Freiheit ist ein eigenwilliges Gut: Viele Menschen fühlen sich von ihr überfordert, während andere sie brauchen wie die Luft zum Atmen. Heute vor genau 49 Jahren schloss die SED das letzte Schlupfloch Richtung Freiheit aus der DDR.

Mit der Abriegelung der innerstädtischen Sektorengrenze zwischen West- und Ost-Berlin wurde die sozialistische Diktatur zum Gefängnis für alle Ostdeutschen, die ohne Freiheit nicht existieren konnten.

Zwei von ihnen waren Ida Siekmann und Winfried Freudenberg. Beide wollten ihr Leben nicht drangsaliert von einer Ideologie verbringen. Beide waren bereit, dafür ein besonders hohes Risiko einzugehen. Beide kamen um beim Versuch, die Grenze quer durch Berlin zu überwinden. Die 58-jährige Frau starb am 22. August 1961, der 32-jährige Mann am 8. März 1989. Sie sind die erste und der letzte Mauertote.

Beide stürzten in den Tod, starben also nicht wie die bekannteren Maueropfer Günter Litfin und Chris Gueffroy durch Kugeln der Grenzer. Doch verantwortlich für Siekmanns und Freudenbergs gewaltsames Ende war ebenfalls die menschenrechtswidrige Grenzsperrung, die das Politbüro befohlen hatte, weil der DDR die Bürger scharenweise davonliefen.

Für Ida Siekmann war bis zum 12. August 1961 der Schritt über die Sektorengrenze eine tägliche Selbstverständlichkeit. Denn sie wohnte in der Bernauer Straße, im Haus Nummer 48. Da die Bezirksgrenze und damit die Demarkationslinie zwischen sowjetischem und französischem Sektor hier identisch war mit der Häuserfront, wohnte sie in Ost-Berlin, verließ ihr Haus aber Richtung West-Berlin. Kurz nach dem 13. August verschlossen Volkspolizisten die Haustür und brachen einen Durchgang in den Hof der Häuser zur Kremmener Straße. Nun war Ida Siekmann nicht nur von Freunden und Verwandten im Westen abgeschnitten, sondern wurde auch scharf kontrolliert.

Es drohte die Deportation

Winfried Freudenberg wuchs in der DDR auf, in Lüttgenrode am Harz. Zwar war er noch nicht einmal ganz fünf Jahre alt, als die Berliner Mauer errichtet wurde, kannte also anders als Ida Siekmann das Gefühl der Freiheit nicht. Doch weil er im Grenzgebiet zu Hause war, spürte er die Unfreiheit umso stärker. Spätestens 1988 stand für ihn fest, dass er sein Leben nicht weiter in der DDR verbringen wollte. Doch keinesfalls wollte Freudenberg ohne seine große Liebe Sabine in den Westen. Deshalb kehrte er von einem genehmigten Verwandtenbesuch zurück in die DDR - um mit ihr gemeinsam zu flüchten.

In den Tagen nach der Grenzsperrung am 13. August 1961 wurde die Situation für Ida Siekmann immer unerträglicher. In den Häusern an der Bernauer Straße patrouillierten nun Grenzpolizisten und Angehörige der Betriebskampfgruppen. Einige ihrer Nachbarn hatten sich bereits in Richtung Westen in Sicherheit gebracht. Einige kletterten aus den Fenstern im Hochparterre, andere seilten sich aus höheren Stockwerken ab. Einige sprangen auch - in die Sprungtücher, mit denen West-Berliner Feuerwehrmänner in jenen Tagen oft bereitstanden in der Bernauer Straße. Meist warfen die Bewohner der Grenzhäuser Zettel hinunter auf den Bürgersteig, mit der Uhrzeit, zu der sie flüchten wollten. Mitnehmen konnten sie nur, was sie aus den Fenstern warfen.

Sechs Tage nach Beginn der Absperrung erfuhr SED-Chef Walter Ulbricht aus einem Geheimbericht, dass sich "Schwerpunkte des illegalen Verlassens der DDR" gebildet hätten. Allein "50 Haushalte in der Bernauer Straße" seien "aufgelöst" worden; die Bewohner hätten "vermutlich illegal die DDR verlassen". Das konnte so nicht weitergehen. Also ließ Ulbricht die Haustüren und Kellerfenster Richtung Westen mit Balken und Brettern verbarrikadieren, die Hausflure mit zusätzlichen Wachen besetzen. Wer noch fliehen wollte aus der Bernauer Straße, musste zuerst seine Wohnungstür verrammeln. Denn sobald sich eine Flucht ankündigte, kam ein Greiftrupp der Stasi, um das zu verhindern. Die Bewohner der Grenzhäuser ahnten, dass sie bald ausquartiert werden sollten; das hatte die SED schon 1952 mit den Bewohnern von Dörfern an der innerdeutschen Grenze getan - und die Deportation entlarvend "Aktion Ungeziefer" genannt. Viel Zeit blieb den Menschen also nicht mehr.

Winfried und Sabine Freudenberg gingen ihre Flucht 28 Jahre später geradezu generalstabsmäßig an. Weil er beim Ost-Berliner Energiekombinat arbeitete, besaß er einen Schlüssel für die Erdgasreglerstation am S-Bahnhof Blankenfelde in Pankow. Hier wollten die Freudenbergs einen aus Plastikplanen zusammengeklebten Ballon von 13 Meter Höhe und elf Meter Durchmesser mit Gas füllen. Er sollte sie gemeinsam über die Mauer in Richtung Westen schweben lassen. Über einer geeigneten Fläche sollte dann die Hülle per Schnur geöffnet werden. Das entweichende Gas hätte den Auftrieb langsam reduziert und eine sanfte Landung in der Freiheit ermöglicht.

Was genau der Anstoß für Ida Siekmanns Flucht war, wurde nie bekannt. Vielleicht rüttelte eine Patrouille an ihrer Wohnungstür, vielleicht hatte sie einen Albtraum. Jedenfalls warf sie am Morgen des 22. August 1961 gegen 6.45 Uhr einige Pakete aus dem Fenster ihrer Wohnung im dritten Stock auf den Bürgersteig. Darunter waren auch einige Federbetten. Dann stieg sie, einen Tag vor ihrem 59. Geburtstag, auf das Fensterbrett und ließ sich fallen - ohne auf die West-Berliner Feuerwehr zu warten.

Blutlache auf dem Bürgersteig

Doch einen Sturz aus mehr als zwölf Meter Höhe konnten die wenigen Decken nicht abfedern. Sie brach sich zahlreiche Knochen, mehrere Blutgefäße rissen, noch auf dem Weg ins Lazarus-Krankenhaus starb sie. Im Bericht der Ost-Berliner Volkspolizei hieß es lakonisch: "Am 22. August 1961, gegen 6.50 Uhr, stürzte sich die alleinstehende Ida Siekmann aus dem Fenster ihrer im Vorderhaus, 3. Stock, gelegenen Wohnung auf die Straße. Die S. wurde durch die Westfeuerwehr abtransportiert. Die Blutlache wurde mit Sand abgedeckt."

Die Reaktion in West-Berlin illustriert der Bericht der Morgenpost vom 23. August 1961: "Ein Menschenleben haben gestern Ulbrichts brutale Maßnahmen gegen unsere Landsleute im Ostsektor Berlins gefordert." Noch ahnte niemand, dass Ida Siekmann nur die erste von ingesamt 136 Toten an der Berliner Mauer sein sollte. Hinzu muss man die Opfer der innerdeutschen Grenze und der anderen Sperranlagen entlang des Eisernen Vorhangs rechnen sowie die Flüchtlinge, die schwimmend oder in Booten über die Ostsee zu entkommen suchten und dabei elendig ertranken. Insgesamt dürften rund 1000 Menschen durch das Grenzregime ums Leben gekommen sein - eine genaue Zahl gibt es nicht, weil ein wissenschaftliches Forschungsprojekt bisher erst zu den Toten rund um Berlin abgeschlossen wurde.

Am 8. März 1989 war der Ballon der beiden Freudenbergs erst zum Teil gefüllt, als kurz nach zwei Uhr morgens ein Streifenwagen der Volkspolizei mit quietschenden Reifen vor der Reglerstation hielt. Beide Eheleute würde er noch nicht tragen können. Sabine und Winfried entscheiden sich für Plan B: Nur er sollte in den Westen flüchten - und sie dann per Familienzusammenführung nachholen. Also startete Winfried und trieb tatsächlich wie geplant mit dem leichten Wind aus Nordost über die Mauer. Sabine verließ die Reglerstation unentdeckt und irrte stundenlang durch Ost-Berlin.

Was weiter geschah, wird sich nie ganz aufklären lassen. Vielleicht versuchte Freudenberg über dem Flughafen Tegel, per Reißleine die Hülle seines Fluggeräts zu öffnen. Offenbar versagte dieses improvisierte "Ventil". Möglicherweise um sich am Boden bemerkbar zu machen, warf der Ballonfahrer Ballast ab - und stieg noch höher. In zwei Kilometer Höhe geriet er in eine Luftströmung Richtung Süden. Gegen 7.30 Uhr morgens stürzte er in den Garten eines Hauses in Berlin-Zehlendorf. Sein Körper wurde laut Obduktionsbericht zerschmettert: Fast jeder Knochen war gebrochen, kein Organ unverletzt.

Die Stasi wartete bereits

Kurz zuvor hatte die Stasi Sabine Freudenberg in ihrer Wohnung festgenommen. Ihr Mann hatte die Tasche mit der Heiratsurkunde und anderen Papieren am Startplatz liegen gelassen. Wegen "versuchter Republikflucht" erhielt die junge Frau eine Bewährungsstrafe - da sie zustimmte, in der DDR zu bleiben.

Den Leichnam ihres Mannes, der von West-Berlin in den Osten überstellt wurde, ließ die Stasi einäschern und unter strikter Bewachung in Lüttgenrode beisetzen. Ida Siekmann fand ihre letzte Ruhe auf dem Städtischen Friedhof Seestraße im Wedding. Am Ort ihres Todes vor dem Haus Bernauer Straße 48 errichtete der Senat ein schlichtes Gedenkzeichen: drei Holzlatten, umwickelt mit Stacheldraht. Es war das erste von Dutzenden Mahnmalen für die Opfer der Mauer.