Gesundheit

Wie viele Krankenhäuser braucht Berlin?

Dieter Lenzen kämpft. Um die Exzellenz seiner Hochschule zu sichern, will der Präsident der Freien Universität das Klinikum Benjamin Franklin (UKBF) in Steglitz aus dem Verbund der Charité herauslösen und einen Teil zu privatisieren.

Ein ehrgeiziger Plan.

2003 hatte die erste rot-rote Koalition beschlossen, das alte Klinikum Steglitz, das Universitätsklinikum der Freien Universität (FU), mit der Charité zu fusionieren, nachdem zunächst die Schließung des UKBF in Rede stand. "Jetzt will Lenzen das Rad zurückdrehen", heißt es im Senat. Der selbstbewusste Universitäts-Präsident habe die Chance genutzt, um mit dem neuen Finanzsenator Ulrich Nußbaum im Senat einen möglichen neuen Verbündeten für seine Pläne zu gewinnen. Es dauerte einige Tage, ehe Nußbaum der rot-roten Linie wieder folgte und der Teil-Privatisierung eine Absage erteilte. Die Streit über die Krankenhausversorgung im Berliner Südwesten geht in eine nächste Runde.

Die schrillen Töne um die Zukunft der Universitätsmedizin in Steglitz lassen vergessen, dass es um die Berliner Krankenhäuser so ruhig geworden ist wie seit dem Mauerfall nicht mehr. Relativ lautlos arbeitet die Gesundheitsverwaltung der Senatorin Katrin Lompscher (Linke) seit Monaten an der Fortschreibung des Berliner Krankenhaus-Plans, der vom kommenden Jahr an in Kraft treten soll.

Noch vor drei Jahren war die Rede davon, 4000 Betten aufgeben zu wollen. Aber heute ist von der Aufregung früherer Jahre, als Nonnen und Ärzte gegen die Schließung von Kliniken und Bettenabbau auf die Straße gingen, nichts zu spüren. "Es wird keine Revolution gegenüber dem bisherigen Zustand geben", sagt Lompschers Staatssekretär Benjamin Hoff (Linke). Das bedeutet: Die etwas mehr als 20 000 Betten in den 50 Krankenhäusern, die im Plan aufgenommen sind und für die die Krankenkassen die Leistungen für die Patienten begleichen müssen, bleiben erhalten.

Nur im Detail sind einige Korrekturen im Angebot geplant. So soll es zusätzliche Betten für die Kinder- und Jugendpsychiatrie geben, auch die Altenheilkunde braucht mehr Raum. "Aufgrund der demografischen Entwicklung haben fast alle Krankenhäuser Anträge für geriatrische Abteilungen gestellt", sagt die Vorsitzende der Berliner Krankenhausgesellschaft, Brit Ismer. Ältere Patienten könnten dort nach Operationen weiter betreut werden können. Für die Krankenhäuser sei dies eine "strategische Überlegung". Im Jahr 2020 wird jeder fünfte Patient über 80 Jahre alt sein. 2005 war es nur jeder achte. Auch das Durchschnittsalter steigt, zuletzt von 51,8 Jahren 2005 auf 53 zwei Jahre später. Inzwischen liegen in zwei von drei Klinikbetten Menschen, die älter als 60 Jahre sind.

Die Kinder und Jugendpsychiatrien müssen erweitern, da immer mehr Kinder in sozial schwierigen Verhältnissen aufwachsen. Die Psychiatrien stoßen an ihren Kapazitätsgrenzen. Die Kinder- und Jugendpsychiatrischen Kliniken haben in einer Stellungnahme selbst eingeräumt, sie könnten keine adäquate Grundversorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher gewährleisten. Weniger Nachfrage wird es künftig auch für Frauenheilkunde und Geburtshilfe geben, der Bedarf für innere Medizin wird zunehmen, denn Herzkreislauferkrankungen und Krebs werden wegen des Alters der Patienten überdurchschnittlich häufig vertreten sein. Aber diese Anpassungen werden erst später berücksichtigt.

So ist trotz aller Anpassungen die Zeit der großen Verwerfungen in der Berliner Krankenhauslandschaft vorbei. Nach dem Mauerfall stellten die Krankenhäuser aus den beiden Stadthälften 40 000 Betten bereit. Berlin hatte den höchsten Versorgungsgrad, also Betten pro Einwohner, und die niedrigste Auslastung in ganz Deutschland. Entsprechend hoch waren die Kosten. "Dieser hohe Versorgungsgrad war nicht gerechtfertigt", sagt Staatssekretär Hoff und räumt damit ein, dass viele auch von den Linken mitgetragene Proteste der Vergangenheit unangemessen waren. Schließlich hat diese Struktur ungeheuer viel öffentliches Geld verschlungen.

Nach Jahren der "blutigen Verwerfungen", wie Hoff den Bettenabbau umschreibt, ist Berlin nun in der bundesdeutschen Normalität angekommen. Pro 1000 Einwohner sieht der bisherige Krankenhausplan 6,09 Betten vor, die im Durchschnitt an vier von fünf Tagen auch belegt sind. Das sind Spitzenwerte: Bundesweit hat Berlin die geringste Bettendichte und gleichzeitig höchste Bettenauslastung. Die Liegezeiten für die Patienten sind von mehr als 20 Tagen auf weniger als acht Tage zurückgegangen - seit die Krankenkassen den Kliniken nicht mehr die Tage bezahlen, die ein Patient dort zubringt, sondern für jede Art Krankheit oder Verletzung eine Pauschale überweisen.

Trotz der Rosskur und der Streichung von 23 000 Betten arbeiteten die Berliner Kliniken lange Zeit teurer als die Häuser im Rest des Landes, auch weil sie mehr Personal bezahlen mussten als andere. Noch 2004 lag der sogenannte "Landesbasisfallwert", für den das Krankenhausbudget durch die Zahl der Fälle geteilt wird, bei mehr als 3900 Euro und damit 600 Euro über dem Bundesdurchschnitt. Jetzt hat sich die Hauptstadt zwischen den anderen Ländern eingereiht. Der Fallwert beträgt für 2009 noch 2900 Euro. Berlin habe jetzt eine gute, normale Versorgung, sagt Hoff.

Das bestätigt die Chefin der Krankenhausgesellschaft. "Die Rationalisierungsprozesse sind weitgehend abgeschlossen", sagt Ismer. Auch die Personalausstattung sei auf "möglichst niedrigem" Niveau. Während 1998 noch 13 Patienten von einer Pflegekraft versorgt wurden, waren es 2007 schon 19 Patienten. "Hier ist das Ende der Fahnenstange erreicht", sagt Ismer.

Die Expertin will für die ferne Zukunft nicht ausschließen, dass doch wieder Kliniken geschlossen werden. Allerdings nicht, weil das der Krankenhausplan des Senats so vorsieht, sondern weil sich einige Betreiber für die Schließung bestimmter Standorte entscheiden könnten. Die Gesamtversorgung sei aber nicht gefährdet.

Auch in der Politik ist der Streit über die Dimension der Krankenhausversorgung Vergangenheit. Nun geht es aber noch um die Trägerstruktur. So ist die CDU, die die Teilprivatisierung des Universitätsklinikums Benjamin Franklin in Steglitz unterstützt, eher für private Kliniken. Die rot-rote Koalition setzt stärker auf öffentliche und frei-gemeinnützige Trägerschaft. Derzeit besetzt die Stadt über ihren kommunalen Klinikkonzern Vivantes und die Universitätsmedizin der Charité 46 Prozent des Marktes. Damit mischt der Staat im rot-roten Berlin auf dem regionalen Markt weniger stark mit als im Durchschnitt der anderen Städte. 40 Prozent halten frei-gemeinnützige Träger wie das Rote Kreuz oder kirchliche Organisationen. 14 Prozent bleiben für private Gesundheitskonzerne wie Helios. Der Anteil nicht-staatlicher Versorgung ist in Berlin höher als andernorts.

Ein Risiko bedroht jedoch den Frieden an der Krankenhausfront: Das Verwaltungsgericht urteilte jüngst zugunsten einer kleinen privaten Augenklinik, das seine Aufnahme in den Krankenhaus-Plan einklagte. Weitere kleine Anbieter streben dies ebenfalls an, damit sie auch Kassenpatienten behandeln dürfen. Sollte ein größerer Anbieter sich in den Plan klagen, stünde das gesamte System in Frage. Aber bisher hat sich noch kein wichtiger Akteur im regulierten Gesundheitswesen dazu hinreißen lassen, geltende Übereinkünfte derart in Frage zu stellen.

Die Debatten der Berliner Gesundheitspolitiker handeln eher davon, wie die Krankenhäuser am besten positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt wirken können. "Berlin und die Hauptstadtregion müssen sich zum Gesundheitszentrum Deutschlands entwickeln", fordert der CDU-Gesundheitsexperte Mario Czaja.

Der Sektor hat schon heute eine enorme Größe und Bedeutung: Mit mehr als 700 000 Patienten pro Jahr muss im Durchschnitt jeder fünfte Bewohner der Hauptstadt einmal ins Krankenhaus. 57 000 Menschen arbeiten direkt in den 50 Plan-Krankenhäusern und den 33 weiteren Häusern, die sich mit speziellen Angeboten an Privatpatienten und Selbstzahler wenden. Die Krankenhäuser setzen nach Daten des Gesundheitsnetzwerkes Berlin-Brandenburg in der Hauptstadt mehr als 2,3 Milliarden Euro um. Die Kliniken bilden eine wichtige Basis für die Berliner Gesundheitswirtschaft, die mehr als neun Milliarden Euro und damit deutlich mehr als jeden zehnten Euro zur Wirtschaftsleistung Berlins beisteuert.

Auch im Streit um die Charité und den Standort Benjamin Franklin in Steglitz geht es letztlich darum, wie viel Hochleistungsmedizin sich Berlin wo leisten muss, um in der Wissenschaft vorne zu liegen und entsprechende wirtschaftliche Effekte zu erzielen.

Niemand bestreitet, dass Berlins Südwesten mit Krankenhausbetten überversorgt ist. In der Nähe des Klinikums Steglitz liegen unter anderem das Helios-Klinikum Emil von Behring, das Auguste-Viktoria des städtischen Konzerns Vivantes und das Bethel Krankenhaus. Zu entscheiden bleibt für den Charité-Vorstand unter Karl Max Einhäupl und die Berliner Politik, welcher Träger das Haus des UKBF künftig betreiben soll. Denn das Gebäude, das 1959 bis 1969 entstanden ist, gilt unter Experten wegen seiner kompakten Bauweise als sehr gut geeignet, dort effizient Patienten zu versorgen. Betriebswirtschaftlich muss analysiert werden, was es kosten würde, nahe gelegene Vivantes-Standorte aufzugeben und das Haus an den kommunalen Konzern zu übergeben. Oder aber, es gibt genügend Bedarf nach normaler medizinischer Versorgung, um an diesem Standort weiterhin universitäre Hochleistungsmedizin zu betreiben.

Ein Strukturproblem, das die Klärung solcher überaus komplizierter Fragen erschwert, hat sich der Berliner Senat aber selbst organisiert. Die Gesundheitsverwaltung, wo die Experten für Krankenhaus-Planung und die Finanzierung des Gesundheitswesens sitzen, hat im Aufsichtsrat der Charité keinen Sitz. Die Ressorts für Wissenschaft und für Finanzen verfügen auf diesem Gebiet nicht über die nötigen Fachleute, um die Entwicklung der Uniklinik in ökonomischer Hinsicht qualifiziert und im Austausch mit der gesamten Krankenhausplanung zu steuern.

So kommt es, dass vor einigen Wochen der Senat wieder einmal durch Uneinigkeit in Sachen Charité auffiel, als der neue Finanzsenator Nußbaum seinem Wissenschafts-Kollegen Jürgen Zöllner im Charité-Aufsichtsrat in die Parade fuhr, das Investitionskonzept des Uni-Klinikums ablehnte und im Haushaltsplan das gewünschte Geld verweigerte. Es geschieht, was schon vorher geschah: Ein mit großen Hoffnungen geholter Charité-Vorstandschef wie Einhäupl wird im Berliner Politikbetrieb zerrieben. Während die Krankenhausplanung für die meisten Standorte klare Rahmenbedingungen für die weitere Zukunft setzt, bleibt für das 1200-Betten-Haus am Teltowkanal alles offen. Experten erinnern sich, schon 1995 Sanierungspläne für das Klinikum Steglitz studiert zu haben. Geschehen ist seither fast nichts.

"Beim Personalabbau ist das Ende der Fahnenstange erreicht" Brit Ismer, Vorsitzende der Berliner Krankenhausgesellschaft

"Im nächsten Krankenhausplan wird es keine Revolution geben" Benjamin Hoff, Staatsekretär für Gesundheit