Bundesversammlung

50 Zentimeter Raum pro Wahlmann

So gut gefüllt ist der Plenarsaal des Bundestages nur bei der Wahl des Bundespräsidenten: Wenn die 14. Bundesversammlung heute Mittag das künftige Staatsoberhaupt wählt, müssen hier 1244 Wahlleute Platz haben. Um 12 Uhr wird die Bundesversammlung eröffnet.

Der Wahlvorgang kann gut zwei Stunden dauern. Denn die Schriftführer des Bundestags werden jeden Wahlmann und jede Wahlfrau einzeln zur geheimen Stimmabgabe aufrufen - nach Alphabet. Sollte gleich im ersten Wahlgang ein Bewerber die nötige Mehrheit erhalten, dürfte noch vor 15 Uhr feststehen, wer als zehnter Bundespräsident ins Schloss Bellevue einziehen wird. Wenn nicht, wird es zu einer Entscheidung im Laufe des späten Nachmittags oder frühen Abends kommen. Im dritten Wahlgang genügt die einfache Mehrheit.

Damit das Ergebnis nicht - wie bei der Wiederwahl Horst Köhlers im Mai 2009 - frühzeitig per Twitter bekannt wird, haben die 42 Schriftführer der Zählkommission eine Art Ehrenerklärung abgegeben. "Der Bundestagspräsident sollte schließlich das Ergebnis bekannt geben, sonst beschädigen wir uns nur selbst", sagte der Obmann der Schriftführer, Jens Koeppen (CDU), der Morgenpost. Außerdem werde er selbst ein bisschen Obacht geben - "und schauen, ob jemand irgendwie mit dem Handy arbeitet".

Als Favorit für die Wahl gilt Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU), der für Union und FDP antritt. Die Regierungsparteien haben eine Mehrheit von 21 Stimmen in der Bundesversammlung. Für SPD und Grüne geht der parteilose Theologe Joachim Gauck ins Rennen. Als Zählkandidaten bewerben sich Luc Jochimsen (Linke) und der von der rechtsextremen NPD nominierte Frank Rennicke.

Seit dem Rücktritt von Horst Köhler am 31. Mai organisiert die Bundestagsverwaltung die Veranstaltung bis ins letzte Detail. Gestern waren im Reichstag alle Vorbereitungen abgeschlossen. Unterhalb der Fraktionsebene im Reichstagsgebäude, im Plenum, hatten Techniker die lila-blauen Sessel der Parlamentarier aus den Halterungen geschraubt. Nun steht der Plenarsaal voll schwarzer Bürostühle. Sie sind weniger bequem als die Sessel, aber immerhin bieten sie jedem Mitglied der Bundesversammlung 50 Zentimeter Platz. Jeder Wahlmann erhält 60 Euro Aufwandsentschädigung, dazu werden Hotelkosten in Höhe von 170 Euro übernommen sowie ein Hin- und Rückflug in der Business-Kategorie bzw. eine Zugfahrt erster Klasse. Die Besucherkapazität des Reichstags wird heute fast ausgeschöpft. In dem Gebäude dürfen sich aus Sicherheitsgründen nur 3300 Menschen zur selben Zeit aufhalten. Jedes Mitglied der Bundesversammlung darf einen Gast mitbringen, und fast alle werden das auch tun. Dazu kommen 89 Ersatzdelegierte. Auf der Besuchertribüne werden 150 Journalisten und 350 Gäste der Fraktionen sitzen. Zudem haben sich Ehrengäste angesagt: Altbundespräsident Roman Herzog und Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher.