Islamkonferenz

Ein Dialog, viele Konflikte

Am Ende werden zwei Erklärungen zur Lage im Iran vorgetragen, an denen sich noch einmal die Schwierigkeit der Deutschen Islamkonferenz (DIK) zeigt. Die eine Erklärung stammt von jenen neun muslimischen Teilnehmern, die keinem Verband angehören, darunter die Anwältin Seyran Ates und der Schriftsteller Navid Kermani.

- Sie haben sich gestern in einem kurzen Aufruf zum "Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit im Iran" bekannt, protestieren "gegen die Menschenrechtsverletzungen" dort und unterstützen die Haltung der Bundesregierung gegenüber Teheran. Doch aus dem Lager der muslimischen Organisationen, von denen fünf in der DIK vertreten sind, schließt sich diesem Bekenntnis einzig der Verband der Islamischen Kulturzentren an.

Die zweite Erklärung zur Repression im Iran wird erst auf Nachfrage abgegeben. Ayyub Axel Köhler vom Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland (KRM) soll auf der Abschlusspressekonferenz erklären, warum sich die anderen Verbände dem Aufruf nicht angeschlossen haben. "Unser Verband mischt sich nicht in die inneren Angelegenheiten eines Landes ein", sagt Köhler. Zwar fügt er hinzu, dass "wir Menschenrechte und Meinungsfreiheit einfordern". Doch abermals wird deutlich, wie mühsam es ist, islamischen Verbänden Freiheitsbekenntnisse abzuringen - und wie tief die Gräben zwischen ihnen und den ungebundenen Muslimen sind.

Es geht um Respekt und Toleranz

Diese Schwierigkeiten haben die DIK geprägt, seit sie 2006 von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) ins Leben gerufen worden ist. Das 30-köpfige Gremium, in dem 15 Staatsvertretern ebenso vielen Muslimen - mit und ohne Verbandsbindung - gegenübersitzen, lässt zweierlei rasch deutlich werden. Erstens: Die muslimischen Organisationen beginnen zu mauern, wenn es nicht darum geht, Toleranz und Respekt von der deutschen Mehrheitsgesellschaft einzufordern, sondern innerhalb des Islams für Meinungsfreiheit und Demokratisierung zu kämpfen.

Streit unter den Muslimen

Zweitens repräsentieren diese Verbände dabei nur eine Minderheit der in Deutschland lebenden rund vier Millionen Muslime. Bloß 20 Prozent von diesen, so hat gerade eine Studie im Auftrag der DIK ergeben, sind überhaupt in religiösen Vereinigungen oder Gemeinden organisiert. Viele Einwanderer aus islamischen Ländern sind gar nicht religiös. Und wer sich, wie die unorganisierten Muslime in der DIK, seit Langem in Deutschland integriert hat, kann mit jenen Verbänden wenig anfangen, die sich im Dachverband des Koordinierungsrats der Muslime in Deutschland (KRM) zusammengeschlossen haben.

Wegen dieser Differenzen werden in der DIK meist nicht etwa Auseinandersetzungen zwischen den 15 deutschen Staatsvertretern und dem vermeintlichen Block "des" Islam geführt. Vielmehr kommt es immer wieder zu heftigen Konflikten zwischen den liberalen, ungebundenen Muslimen und den Vertretern der Verbände, die sich entweder wie die Ditib am türkischen Staat oder wie der Islamrat an einem traditionalistischen Religionsverständnis orientieren.

Diese innermuslimischen Auseinandersetzungen werden alsbald zum eigentlichen Reiz der DIK. So lobt die Frauenrechtlerin und Verbandskritikerin Seyran Ates am gestrigen Donnerstag, als die DIK zu ihrem vierten und vorerst letzten Plenum zusammentrifft, noch nie hätten Muslime so offen miteinander gestritten wie hier. Ähnlich sagt Schäuble bei seinem Resümee der DIK, die er nach der Bundestagswahl unbedingt fortsetzen will, dass es "ohne Streit keine Gemeinsamkeit und keinen Zusammenhalt" gebe. "Das muss man sich erarbeiten." Im Ausland werde die DIK als ein überaus wichtiger Beitrag zur Integration und zur Bindung der Muslime an den demokratischen Rechtsstaat sehr geschätzt.

In der Tat kann die Konferenz einiges vorweisen. So distanzierten sich die Teilnehmer rasch und einhellig von jedem Versuch, in Deutschland ein islamisches Sonderrecht für Muslime nach dem Muster der Scharia einzuführen, was in Großbritannien oder den Niederlanden zeitweise ernsthaft diskutiert wurde. Auch bekannten sich die Verbände früh zur uneingeschränkten Anerkennung des Grundgesetzes und akzeptierten, dass Islamunterricht an Schulen im Einklang mit der deutschen Werteordnung stehen muss.

Dass sich in der DIK trotzdem vieles noch verbessern muss, veranschaulichen die letzten Beschlüsse. So einigte man sich gestern auf einen Text über "religiös begründete schulpraktische Fragen", wo es zum Schwimmunterricht heißt, dass es ab der Pubertät "eine besondere Schutzwürdigkeit von Glaubensgrundsätzen sowie Bekleidungsvorschriften" gebe. Wenn Muslimas nicht in Badekleidung vor ihren Mitschülern auftreten dürfen, solle der Schwimmunterricht nach Geschlechtern getrennt erteilt werden. Und wenn "das gemeinsame Duschen in einem Raum auch für muslimische Schüler und Schülerinnen desselben Geschlechts ein Problem" sei, dann sollten "Abtrennungen mit Vorhängen eingerichtet werden".

Hinzu kommt an diesem Donnerstag, dass andere Beschlüsse nicht von allen Verbänden mitgetragen werden. Der Islamrat verweigert sich einer Stellungnahme über "Deutsche Gesellschaftsordnung und Wertekonsens", wo sich alle anderen für Toleranz auch der Muslime untereinander und für die Gleichberechtigung von Mann und Frau aussprechen. Ebenso bleibt der Islamrat außen vor, als die DIK Empfehlungen zum Kampf gegen den Extremismus abgibt und sich für größere Transparenz der Moscheegemeinden und "eine enge Kooperation mit den Sicherheitsbehörden" ausspricht.

Freilich wird es ohne die Verbände auch nicht gehen. Denn solange die Muslime in Deutschland keine Organisationsformen entwickeln, in denen die meisten Gläubigen repräsentiert werden, so lange wird es nicht möglich sein, an den Schulen einen deutschsprachigen Islamunterricht nach christlichem Muster anzubieten. Indes ruft die DIK dazu auf, alle Möglichkeiten zu prüfen, wie man dennoch zum regulären Islamunterricht kommen könne. Doch schlagen einige DIK-Mitglieder vor, dass man sich gar nicht am christlichen Religionsunterricht orientieren, sondern auf einen staatlichen Islamkundeunterricht setzen solle, der bloß Wissen über die Religion vermittelt. Dann freilich könnten die Muslime ihre Gläubigkeit in der Schule nicht zeigen.

Die Bedeutung der Religion hat auch die DIK selbst bewegt. So verließ der Schriftsteller Feridun Zaimoglu im Februar 2007 die DIK, weil er dort den unspektakulären muslimischen Alltagsglauben nicht genügend repräsentiert fand. Denn den erkennt man weder bei den orthodoxen Verbänden noch bei jenen ungebundenen Teilnehmern, von denen viele mit Religion kaum etwas am Hut haben. Wird in solcher Runde über den Islam diskutiert, so ist das, als wolle man das Christentum thematisieren, indem man Bischof Mixa und Kardinal Meisner mit Leuten diskutieren lässt, die aus der Kirche ausgetreten sind.