Gespräch

Karl-Heinz Kurras leugnet seine Schuld

Auf seinem Rad kommt er angefahren. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, als er die Journalisten sieht, die vor dem Spandauer Mehrfamilienhaus auf ihn warten. Dann schaut er geradeaus und schüttelt den Kopf.

- Nein, Karl-Heinz Kurras möchte an diesem Nachmittag nicht mehr mit der Presse sprechen. Nicht über den Tod des Studenten Benno Ohnesorg, den der ehemalige Polizist am 2. Juni 1967 erschoss, nicht über seine Enttarnung als Stasi-Agent, die so viel Wirbel ausgelöst hat. "Ich höre nicht gut, mir geht es nicht gut", sagt er kurz angebunden, nimmt seine Einkaufstüte und schickt gereizt hinterher: "Schicken Sie doch 20 Fotografen, vielleicht sage ich dann was" und "Meinen Hintern können Sie auch noch fotografieren". Danach verschwindet der 81-Jährige im Hausflur und geht die Treppe hinauf.

Eine Stunde später sitzt er in einem Gartenlokal und spricht doch mit einigen Journalisten. "Ich bin unschuldig", sagt er. Gefragt, ob er sich denn schuldig fühle wegen Ohnesorgs Tod, sagt er: "Ach, das interessiert mich doch nicht." Ob er denn ein schlechtes Gewissen habe wegen der Kollegen, die er verraten habe? "Wissen Sie, das ist doch nur ein Fall für die Jubelpresse. Die Polizei kann gegen mich nicht vorgehen und die Staatsanwaltschaft auch nicht, weil eine Verjährungsfrist eingetreten ist."

Nach seiner Pension gefragt erwidert Kurras: "Die steht mir rechtmäßig zu, und die kann man mir nicht nehmen, denn ich bin weder verurteilt noch gibt es eine Anklage." Angesprochen auf seine Leidenschaft für Waffen: "Ja, ich hatte Waffen. Diese habe ich bereits vor längerer Zeit abgegeben." Danach steht der Pensionär auf, bezahlt sein Bier, schließt ein paar unflätige Äußerungen an und fährt mit dem Fahrrad nach Hause.

Viele Nachbarn, die auch eine Eigentumswohnung in dem Block haben, sind genervt vom Medieninteresse der vergangenen Tage. Vom Ordnungsamt wurden schon Mitarbeiter angefordert, die etwas gegen die zugeparkte, ansonsten so ruhige Wohnstraße unternehmen sollen. Andere riefen schon einmal die Polizei um Hilfe, um diejenigen zum Verlassen des Grundstücks aufzufordern, die dort ihrer Meinung nach nichts zu suchen haben.

"Einfach nur ein alter netter Herr" - das ist Kurras für seine direkte Nachbarin. Seit sieben Jahren wohnt die 31-Jährige, die ihren Namen nicht sagen will, gegenüber seiner Wohnung. Von Kurras' Vergangenheit wusste sie nichts. "Die Älteren wohl schon, wenn nicht, haben sie da wohl etwas verdrängt." Sie selbst sagt: "Das ist ein altes Ehepaar, beide sind nicht gesund - man sollte einen Schlussstrich ziehen." Gerade hat sie sich eine Zeitung gekauft, um nachzulesen, wie der Stand der Dinge ist. "Eigentlich habe ich gerade vier Tage frei, um mich zu erholen", sagt die Altenpflegerin. "Jetzt mache ich mir Gedanken um meine Nachbarn." Die Geschichte nehme vor allem Kurras' Frau sehr mit, die schon "tränenüberströmt" im Treppenhaus gestanden habe. Zum Supermarkt traue sie sich nur mit Begleitung. Etwas später kommt Frau Kurras tatsächlich mit einem Taxi angefahren. Begleitet vom Taxifahrer verschwindet sie im Haus.

Detlef Braune wohnt auf der anderen Straßenseite. Er gehört zu den ältesten Anwohnern in der Gegend: Seit mehr als 32 Jahren lebt er an dieser Straße. "Wer hier wohnt und sagt, er wusste nicht, wer Karl-Heinz Kurras ist, der lügt", sagt der 66-Jährige. Die neuesten Enthüllungen über seinen Nachbarn, den er selbst jedoch nur vom Sehen kennt, vielleicht auch von einem Besuch in einer nahe gelegenen Kneipe, hat er mitverfolgt. Wirklich berühren tun sie ihn nicht. "Alle paar Jahre kam die Geschichte doch wieder hoch. Immer zum 2. Juni wurde sie wieder zum Thema." Ganz regelmäßig habe er den Nachbarn im Fernsehen sehen können.

"Die Pension steht mir rechtmäßig zu, die kann man mir nicht nehmen " Karl-Heinz Kurras