Lebensverhältnisse

Armut in Deutschland: Der Westen rutscht ab

Der Osten ist arm, der Westen reich. Diese simple Formel galt lange in Deutschland und sie wird noch immer als quasi naturgesetzlich hingenommen. Doch die Entwicklung der Armut zwingt dazu, nicht mehr nur grob in Ost und West zu denken.

- Der gestern vorgestellte Armutsatlas des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, der auf Zahlen des statistischen Bundesamts basiert, fordert dazu auf, den Blick auf die enormen Unterschiede innerhalb der Regionen zu richten. Zum ersten Mal schlüsselt ein Bericht die Armutsbetroffenheit in den einzelnen Landstrichen auf und vergleicht die Ergebnisse. Es zeigt sich, die Probleme des Ostens - Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Armut - haben sich längst tief in den Westen gefressen. Die Statistiker haben das Land in 97 Raumordnungseinheiten unterteilt. Im Prinzip werden damit ein wirtschaftliches Zentrum und sein Umland beschrieben.

Deutschland ist heute dreigeteilt. Im Süden - in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg - beträgt die Armutsquote gerade einmal elf Prozent. In Nord-Westdeutschland - in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen sowie Bremen und Hamburg - sind fast 15 Prozent der Bewohner arm. In den fünf ostdeutschen Bundesländern sind es etwa 20 Prozent und damit jeder Fünfte. Bundesweit reichen die Extreme von 7,4 Prozent in Schwarzwald-Baar-Heuberg bis zu 27 Prozent in Vorpommern.

Extreme Gefälle in den Ländern

Anders als die ostdeutschen haben es die westdeutschen Länder innerhalb ihrer Grenzen mit einem extremen Gefälle zu tun. In Bayern bewegen sich die Quoten in einem Spektrum von 7,7 bis 15,1 Prozent; am einen Ende prosperiert der Großraum München, am anderen darbt die Gegend um Hof. Die größte Spreizung weist Niedersachsen auf. Während die Armutsquote im Schnitt bei 15,5 Prozent liegt, reicht sie innerhalb des Landes von 12,4 Prozent in der Südheide bis zu 20,3 Prozent in Ostfriesland.

Die Grundlage für die Erhebung bildet die Armutsrisikoquote der Europäischen Union, mit der auch die Bundesregierung rechnet. Arm ist demnach, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss - eine Festlegung, die häufig als willkürlich kritisiert wird. Ein Ein-Personen-Haushalt hat demzufolge 1274 Euro im Monat zur Verfügung. Als arm galt 2007, wer von weniger als 764 Euro leben musste. Für ein Paar mit Kind werden 1605 Euro angenommen. Eine Alleinerziehende gilt als arm, wenn sie weniger als 994 Euro im Monat zur Verfügung hat.

"Regionen werden abgehängt"

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider, erklärte, der Armutsatlas zeige, Deutschland sei sozial und regional tief zerrissen. "Wenn wir nicht sofort und massiv gegensteuern, wird die Verödung ganzer Landstriche nicht mehr aufzuhalten sein", sagte Schneider. Ganze Regionen seien in Gefahr, abgehängt zu werden.

Scharfe Kritik übte Schneider an der Bundesregierung. Er forderte eine konsequente Armutspolitik und stellte in diesem Zusammenhang den Sinn der Konjunkturprogramme in Frage. Diese würden in überproportional hohem Maße ausgerechnet jenen Regionen helfen, die ohnehin am wenigsten von Armut betroffen seien: Baden-Württemberg, Hessen und Bayern. Darüber hinaus kritisierte er die Umwelt- oder Abwrackprämie. "Sie kommt ausschließlich Konsumenten zugute, die sich einen Neuwagen überhaupt leisten können. An den verarmten Bevölkerungsschichten geht diese Maßnahme völlig vorbei", sagte Schneider.

Der Armutsatlas basiert auf Zahlen aus dem Jahr 2007. Damals erlebte das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung, die Arbeitslosenzahlen gingen stark zurück. Erwartungsgemäß verzeichnet der Bericht insgesamt einen Rückgang der Armut in Deutschland, von 14,7 Prozent (2005) auf 14,3 Prozent. Gut entwickelten sich vor allem Hamburg (minus 1,6 Prozentpunkte), Bremen und Berlin (je minus 2,2 Prozentpunkte). Brandenburg profitierte von der Ausstrahlung Berlins und der seiner eigenen Landeshauptstadt Potsdam. Das Land verbesserte sich ebenfalls um fast zwei Prozentpunkte gegenüber 2005.

Mit der Wirtschaftskrise steigt nun das Risiko, den Arbeitsplatz zu verlieren und in ärmere Schichten abzurutschen. Davon könnten nun genau jene Regionen betroffen sein, die bisher zu den wirtschaftlich stärksten gehörten; die südlichen Bundesländer, deren Wirtschaft stark vom Export ihrer Produkte abhängig ist. Derzeit leidet besonders Baden-Württemberg unter der Krise. So greift die Kritik des Wohlfahrtsverbandes an den Konjunkturprogrammen möglicherweise zu kurz, sollen sie doch gerade den Menschen in den krisengeschüttelten Branchen helfen.

Hilft mehr Hartz IV?

Freilich hilft dies den Bedürftigen in Ostfriesland oder Vorpommern nicht, weshalb der Wohlfahrtsverband gezielte Maßnahmen anregt, die auf die Probleme der jeweiligen Region Rücksicht nehmen. Als zentrale flächendeckende Maßnahme setzt sich der Verband jedoch für die Anhebung des Hartz-IV-Satzes auf 440 Euro ein. "Damit kann die Kaufkraft in den Regionen gestärkt werden, die am stärksten von Armut betroffen sind", so Schneider. Auch Vertreter der Grünen sowie der Partei "Die Linke" forderten umgehend mehr öffentlich geförderte Beschäftigungsverhältnisse sowie eine Erhöhung des Hartz-IV-Satzes. Während der Wohlfahrtsverband mehr individuelle Maßnahmen in den Regionen verwirklicht sehen will, hat er selbst für seine Berechnungen Deutschland über einen Kamm geschoren, indem er in jedem Bundesland eine Armutsgrenze von 764 Euro annahm. "Das Grundgesetz hat den Anspruch, dass im ganzen Land vergleichbare Lebensbedingungen herrschen sollen", begründet Ulrich Schneider diese Entscheidung. In Mecklenburg-Vorpommern aber liegt das mittlere Einkommen nur bei 1055 Euro, die Lebenshaltungskosten sind niedrig. Die EU und die Bundesregierung zählen hier deshalb zu den Armen, wer weniger als 633 Euro zur Verfügung hat - 60 Prozent des mittleren Einkommens. Damit gelten nur noch 13,6 Prozent der Bevölkerung als armutsbedroht. Im Armutsatlas des Wohlfahrtsverbandes erreicht das Land dagegen eine Quote von 24,3 Prozent. Arm wäre somit jeder Vierte.

* Das sind die 97 Wirtschaftszentren mit Umland, in die Deutschland statistisch eingeteilt wird.