Mein Tagebuch

Wie ein SA-Quartier zum Jüdischen Theater wurde

Den unerschütterlichen, trotz ewig ausbleibender Staatsförderung frohgemuten Impresario Dan Lahav kenne ich schon lange. Seine Idee, in Berlin ein jüdisches Theater zu gründen, ist jetzt ein Jahrzehnt alt. Heute bin ich hinaus nach Neukölln, wo das "Bimah" allmählich zum Begriff wird.

Stille Seitenstraße. Das Vorderhaus, als sei es symbolisch gemeint, in Blau gestrichen, der Farbe des Zionismus. Im Hof dann der Eingang zum Theater, flankiert von zwei Berliner Bären aus Stein. Lahav probt in dem herrlich originalen ehemaligen Ballsaal gerade den Uralt-Thriller "39 Stufen". Aber er fängt sofort zu erzählen an, wie alles gekommen ist.

Wo wir uns befinden? Erst war dies ein Ballsaal in der aufstrebenden Stadt Neukölln. "Prachtsäle" steht auf einem alten Foto. Nach 1933 wurde es ein Quartier der SA und der SS. Und ab 1938 dann die Tanzschule Meisel - einer aus der Familie, Will Meisel, war früher erfolgreicher Operettenkomponist gewesen, mit Hits wie "Berlin bleibt doch Berlin".

Lahav war als junger Mensch ans israelische Nationaltheater Habimah gegangen. Aus einer Schauspieler-Karriere wurde nichts, obwohl er doch das Theater von Kind an im Sinn getragen hatte. Die Großmutter Peska Bauer war Opernsängerin in Hamburg gewesen. Nun, als Emigrantin im jungen Israel, sang sie ihrem Enkel jede Nacht zum Einschlafen erst das "Schma Israel", dann der Reihe nach alle großen Opern vor. "Statt mit Muttermilch bin ich mit Arien aufgezogen worden!" Der größere Teil der Familie, vor den Nazis nach Belgien geflüchtet, war im Holocaust umgekommen. Dans Mutter Jona, eine erfolgreiche Rekordläuferin in der zionistischen Sportbewegung, konnte sich nach Israel retten.

30 Jahre ist Dan Lahav nun in Berlin. Die Sehnsucht nach den Familienwurzeln hat ihn hergetrieben. Er hat eine bewegte Berliner Vergangenheit als Galerist, Organisator jüdischer Kulturtage und Künstleragent hinter sich.

Als die Mauer fiel, brannte der alte Theaterehrgeiz mit ihm durch. Er gründete sein "Jüdisches Theater". Er spielte tapfer am Steinplatz. Als er dort vor einigen Jahren heraus musste und verzweifelt mit seiner 90-jährigen Mutter telefonierte, sagte sie: "Alles wird gut". Am nächsten Tag starb die Mutter. Aber fast zur gleichen Stunde fand er sein neues Quartier in Neukölln. Die Adresse: Jonasstraße 22 . "Jonasstraße?", sagt Lahav, "wissen Sie, was das bedeutet? Jonas Straße! So hat meine Mutter am Ende doch noch gezaubert!"

Bis morgen,

Ihr

Christoph Stölzl

christoph.stoelzl@morgenpost.de