Interview mit Aygül Özkan

"Es lohnt, sich anzustrengen"

| Lesedauer: 8 Minuten

Es ist eine Premiere: Aygül Özkan soll neue Sozialministerin in Niedersachsen werden. Die CDU-Politikerin wäre damit die erste Ministerin in Deutschland mit Migrationshintergrund. Mit der 38-Jährigen sprach Ulrich Exner über ihre Karriere, die späte Einsicht der CDU und die umstrittenen Äußerungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin (SPD).

Berliner Morgenpost: Frau Özkan, Sie sind ja noch gar nicht so lange dabei in der Politik. Und schon Ministerin. Wohin soll das denn führen?

Aygül Özkan: Hoffentlich auf einen guten Weg.

Berliner Morgenpost: Wenn es so weitergeht, sind Sie bald Kanzlerin.

Aygül Özkan: Da würde dann schon noch ein bisschen mehr dazugehören. Außerdem haben wir ja eine gute Kanzlerin.

Berliner Morgenpost: Aber denkbar wäre es aus Ihrer Sicht? Eine Bundeskanzlerin, die Muslimin ist und Migrationshintergrund hat?

Aygül Özkan: Die Religion sollte jedenfalls keine Rolle spielen bei der Auswahl. Und natürlich kann auch jemand mit Migrationshintergrund Kanzlerin sein. Unsere Welt ist nun mal so. Deutschland ist ein Zuwanderungsland.

Berliner Morgenpost: Das zu erkennen, hat sich Ihre Partei, die CDU, in den vergangenen Jahren recht schwergetan.

Aygül Özkan: Finde ich auch. Die Einsicht kam spät. Aber dann hat sie auch sehr schnell die richtigen Schritte gemacht.

Berliner Morgenpost: Und ist mit Ihrer Berufung schon am Ziel?

Aygül Özkan: Nein. Wir alle sind noch nicht am Ziel. Ein Beispiel: Wir brauchen an unseren Gerichten dringend mehr Richter mit Migrationshintergrund. Damit die Betroffenen auch sehen, hier entscheidet nicht eine fremde Autorität, sondern wir gehören da auch zu.

Berliner Morgenpost: Eine türkischstämmige Kanzlerin müsste für einen EU-Beitritt der Türkei sein, oder?

Aygül Özkan: Ach, wissen Sie, der EU-Beitritt wird in der deutschen Integrationsdebatte einfach überstrapaziert. Beitritt oder Nicht-Beitritt, das hat mit den Problemen der türkischstämmigen Menschen, die hier leben, nur sehr wenig zu tun.

Berliner Morgenpost: In der Türkei ist der Beitrittswunsch sehr intensiv.

Aygül Özkan: Aber wir machen Politik für die Menschen, die hier leben.

Berliner Morgenpost: Angela Merkel hat sich bei diesem Thema sehr klar positioniert. Sie lehnt einen Beitritt der Türkei zur EU ab. Haben Sie mit ihr schon über das Thema gesprochen?

Aygül Özkan: Nein. Sie ist die Kanzlerin, sie muss zu diesem Thema Stellung nehmen. Aber es ist müßig, darüber auf kommunaler oder Länderebene zu debattieren. Das bringt die Menschen kein Stück weiter.

Berliner Morgenpost: Sie sind die erste deutsche Ministerin mit Migrationshintergrund. Kommt das zu früh, zu spät, genau richtig?

Aygül Özkan: Genau richtig. Wir haben jetzt ganz viele junge Menschen in der dritten und vierten Generation der Einwanderer. Die brauchen Vorbilder, damit sie sehen können: Sie können alles werden in diesem Land. Es lohnt sich, sich anzustrengen.

Berliner Morgenpost: Warum tun sich Migranten aus der Türkei schwerer mit der Integration als andere?

Aygül Özkan: Ein wesentlicher Grund ist, dass wir in den Familien immer noch diesen Verbundgedanken, dieses sehr starke Zusammengehörigkeitsgefühl haben. Der verhindert manchmal, dass die Kinder rechtzeitig die Sprache lernen, frühzeitig am Bildungssystem teilnehmen.

Berliner Morgenpost: Sind Sie in diesem Zusammenhang für eine Kita-Pflicht?

Aygül Özkan: Zunächst einmal müssen wir den Eltern mit Migrationshintergrund zeigen, dass es attraktiv ist, ihre Kinder in die Kita zu geben. Wir müssen ein Umdenken auslösen. Dann bedarf es gar keiner Kita-Pflicht.

Berliner Morgenpost: Das wird nicht ganz einfach. Türkischstämmige Einwanderer haben schlechtere Abschlüsse, eine höhere Analphabetenrate, mehr Hartz-IV-Empfänger. Wie schaffen Sie es, diese Menschen für Bildung und attraktive Kitas zu gewinnen?

Aygül Özkan: Nein, einfach ist das nicht. Aber versuchen müssen wir es. Wir müssen uns einzelne Familien aus den türkischen Communities heraussuchen, die dann als Multiplikatoren wirken können. Wenn Sie erst mal einen in der Klasse haben, der weiß, dass es gut ist für die Kinder, wenn er zum Elternabend geht, der sieht, dass es sich lohnt, sich mit unserem Schulsystem zu befassen, dann nimmt der auch bald drei weitere Eltern mit.

Berliner Morgenpost: Wollen Sie auch mit materiellen Anreizen arbeiten, um dieses Engagement auszulösen?

Aygül Özkan: Vielleicht. Aber ein Anreiz könnte ja auch eine besondere Förderung der Kinder sein. Wir brauchen Anreize, die bewirken, dass sich die Eltern engagieren.

Berliner Morgenpost: Sie selbst hatten engagierte Eltern und waren nie eines dieser "Kopftuchmädchen", über die Berlins früherer Finanzsenator Thilo Sarrazin gelästert hat. Wie haben Sie diese Debatte empfunden?

Aygül Özkan: Ich glaube nicht, dass Sarrazin über die Menschen wirklich urteilen konnte, über die er da sprach. Außerdem waren seine Aussagen, Stichwort: Gemüseläden, schlicht falsch.

Berliner Morgenpost: War das für Sie persönlich herabsetzend, was er gesagt hat?

Aygül Özkan: Ja, absolut.

Berliner Morgenpost: Die Probleme, die Sarrazin damals umrissen hat, gibt es aber.

Aygül Özkan: In der Tat.

Berliner Morgenpost: Haben Sie sich schon mal mit dem Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky in Berlin unterhalten?

Aygül Özkan: Nein. Noch nicht. Aber bei ihm merkt man, dass er seine Mitmenschen in Berlin-Neukölln gut kennt. Deswegen hat er auch so viel Rückhalt. Man muss eben ganz genau hingucken und nicht verallgemeinern und Pauschalurteile fällen.

Berliner Morgenpost: Das von der schwarz-gelben Koalition geplante Betreuungsgeld hält Buschkowsky für blanken Zynismus.

Aygül Özkan: Mit Verlaub, das geht mir jetzt zu sehr in die konkrete inhaltliche Arbeit. Ich bin ja noch nicht mal im Amt.

Berliner Morgenpost: Am Dienstag bekommen Sie Ihre Ernennungsurkunde.

Aygül Özkan: Und dann werden wir das Thema im Kabinett debattieren und uns eine Meinung bilden.

Berliner Morgenpost: Das wird nicht alles sein, was auf Sie zukommt: Sie müssen sich um die Pflegeheime kümmern im weiten Niedersachsen, um Familienkassen und den Kneipp-Verein. Sie müssen sich mit Innenminister Uwe Schünemann streiten ...

Aygül Özkan: Ob ich mich streiten muss, weiß ich nicht. Ich bin gar kein streitender Mensch.

Berliner Morgenpost: ... über Integration, Abschiebung und die Frage, wer wann wo Kopftuch tragen darf. Haben Sie denn gar keine Angst zu scheitern?

Aygül Özkan: Nein. Keine Angst. Ich weiß, dass man scheitern kann. Aber ich habe keine Angst davor.

Berliner Morgenpost: Sagen zu müssen, ich schaffe das nicht?

Aygül Özkan: Natürlich gibt es Rückschläge. Bisher war ich Abgeordnete, da konnte man viel fordern. Jetzt werde ich Regierung sein und Dinge umsetzen müssen. Da wird nicht alles klappen. Aber wenn ich Angst hätte, sollte ich besser gar nicht anfangen.

Berliner Morgenpost: Wären Sie eigentlich lieber Wirtschaftsministerin geworden?

Aygül Özkan: Ich hätte mich vor der Verantwortung jedenfalls nicht gedrückt.

Berliner Morgenpost: So sind Sie die Sozialtante. Typisch Frau, oder?

Aygül Özkan: Nein. Wir haben hier in Hamburg einen Sozialsenator, keine Frau.

Berliner Morgenpost: Typische Männerfrage: Was machen Sie eigentlich mit Ihrem siebenjährigen Sohn? Er in Hamburg, Sie in Hannover. Das wird doch ganz oft traurig, oder?

Aygül Özkan: Das war auch der schwierigste Teil der Entscheidung, weil das schon immer wehtut im Herzen, wenn man sich häufiger nicht sieht.

Berliner Morgenpost: Was hat er zu Ihrer Berufung gesagt?

Aygül Özkan: Er ist superstolz.