Gipfeltreffen

Obamas Offensive: Der Präsident übernimmt die Führung

| Lesedauer: 10 Minuten
Margaret Heckel

Zwei Soldatinnen im Kampfanzug bewachen den Hubschrauber des amerikanischen Präsidenten, sechs Soldaten haben die "Air Force One" jede Sekunde im Blick. Wer auf dem Prager Flugplatz an den Flugzeugen der US-Delegation vorbeirollt, sieht die Demonstration einer Weltmacht.

- Und in diese Rolle wächst nun auch ihr oberster Repräsentant hinein, US-Präsident Barack Obama.

Gestern in Prag hat er unter dem Jubel Zehntausender Zuhörer ein überaus ambitioniertes Ziel ausgegeben. "Wir werden damit anfangen, unser Atomwaffenarsenal zu reduzieren", sagte der 47-Jährige. Im Namen der USA gab er "ein Versprechen ab, eine Welt ohne Atomwaffen schaffen zu wollen". Dieses Ziel werde aber "nicht leicht und schnell zu erreichen" sein und "Geduld und Beharrlichkeit" erfordern. Solange es weltweit noch nukleare Waffen gebe, könnten auch die USA darauf nicht verzichten, räumte Obama ein. Schließlich gehe es um den effektiven Schutz des Bündnisses und der Umsetzung der kollektiven Nato-Verteidigung.

Kultstatus in Europa

Während die Umfragewerte für Obama in den USA angesichts der tiefen Wirtschaftskrise derzeit nach unten gehen, genießt er in Europa immer noch Kultstatus. So anders im Ton, so frisch und jugendlich, so begeisternd im öffentlichen Auftritt. Er komme, "um zuzuhören", wiederholte er immer wieder vor Beginn seiner einwöchigen Europareise. Das hat er getan - wer auch immer ihn getroffen hat, scheint angetan von seiner offenen Art.

Hinzu gekommen ist in diesen Tagen jedoch, dass er von Treffen zu Treffen auch Führung übernommen hat. "Seine charismatischen Fähigkeiten kannten wir schon, nun haben wir auch seine operativen Fähigkeiten kennengelernt", heißt es in der Umgebung der deutschen Bundeskanzlerin. Und die scheinen auch Angela Merkel (CDU) überzeugt zu haben. Sie sei sehr zufrieden, wie ihre mehrfachen Gespräche gelaufen sind, Obama verhandele sicher, ruhig und zuverlässig.

Für den US-Präsidenten war diese Gipfelwoche eine einzigartige Gelegenheit, die wichtigsten Staats- und Regierungschefs im Schnelldurchgang zu treffen. Ob bei einem formell angesetzten Gespräch oder ein, zwei Minuten beim Gang zum obligatorischen Familienfoto: So viel Möglichkeit der Kommunikation war selten. Obama hat sie genutzt - und schon das allein wird mithelfen, die Welt sicherer zu machen.

Denn auch unter Staatschefs ist der persönliche Kontakt absolut essenziell: Kann man schnell mal zum Telefonhörer greifen, um mit dem französischen Präsidenten etwas zu klären? Oder muss ein formeller Termin ausgemacht werden und die 20 Minuten des Telefonates vergehen damit, dass Floskeln ausgetauscht werden?

Diese Dimension des Regierens findet immer im Verborgenen statt. Gerade weil die Öffentlichkeit so wenig darüber weiß, wird sie oft unterschätzt. Nach allem, was nun aber in Europa zu sehen war, ist Obama in dieser Disziplin sehr gut. Ein klassisches Beispiel dafür war seine Pressekonferenz mit Angela Merkel am Freitag in Baden-Baden.

Obama war die Nettigkeit in Person: Sobald die Kanzlerin zu reden begann, drehte er sich zu ihr um, um ihr konzentriert zuzuhören. Als ein US-Journalist fragte, ob die Deutschen mit ihrem riesigen Exportüberschuss nicht mindestens ebenso Schuld an der Wirtschaftskrise hätten wie die Amerikaner, straffte sich Merkel, als wolle sie zum Angriff übergehen. Doch Obama wehrte ab: "Die Deutschen könnten doch nichts dafür, dass sie so gute Produkte herstellen, die die Amerikaner dann hinterher kaufen wollen." Auch die Kanzlerin entspannte sich wieder. "Wir lieben den Wettbewerb um die besten Produkte", fügte sie an.

Endgültig für sich gewonnen haben dürfte er die Kanzlerin jedoch mit einer anderen Bemerkung. Nur wenige Minuten blieben den beiden noch bis zum nächsten Termin, doch der Präsident beantwortete jede Frage sehr ausführlich. Als Merkel drankam, wies sie ihn auf die Zeitnot hin: "Wir müssen jetzt bald los." Wenig hasst die Kanzlerin mehr, als zu spät zu kommen. Sie hält das für außerordentlich unhöflich.

Fähig auch zur Selbstironie

Gerade wenn sie im Ausland ist, weist sie ihre Gesprächspartner deshalb schon mal mehr oder weniger dezent darauf hin, wenn sie mit der Zeit überziehen. Nur selten jedoch reagieren die anderen Staats- und Regierungschefs überhaupt darauf. Nicht so Obama. "Das war wohl ein Signal, dass meine Antworten zu lang waren", sagte er der Kanzlerin mit einem breiten Lachen. Ganz offensichtlich ein feinfühliger Mann, der sogar mit der Begabung zur Selbstironie ausgestattet ist.

So wichtig der Sympathiefaktor auch ist, noch wichtiger ist die inhaltliche Politik. Und auch da hat Obama interessante Akzente gesetzt. Angefangen von seinem Eingeständnis beim G-20-Gipfel in London, dass die USA an der Finanzkrise schuld seien, über die Einigung auf den neuen Nato-Generalsekretär, die Atomwaffen-Initiative und bis hin zu seinem Bekenntnis, den Klimawandel zu bekämpfen. "Das waren wichtige Impulse und ein ambitioniertes Arbeitsprogramm", war die Einschätzung in mehreren Delegationen.

Am schwersten dürfte ihm dabei das Schuldbekenntnis in der Finanzkrise gefallen sein. Es war kurz vor Ende des Weltfinanzgipfels in London, als der italienische Präsident Silvio Berlusconi den amerikanischen Präsidenten ansprach. "Ich möchte Barack Obama meine Glückwünsche übermitteln", sagte er laut einem Protokoll des Nachrichtenmagazins "Spiegel". Die Wirtschaftskrise habe in den USA begonnen, Obama müsse es jetzt richten: "Wir wünschen ihm alles Gute, für die Bürger der USA und der ganzen Welt."

Der US-Präsident begann etwas umständlich. Es sei schön zu sehen, wie hier gute Arbeit geleistet werde. Vor zehn, 20, 30 Jahren sei es nicht selbstverständlich gewesen, dass Länder, die traditionell Feinde waren, zusammen Probleme lösten. Dann wurde seine Stimme leiser. Andere Beobachter erzählten, es sei sichtbar gewesen, dass die folgenden Worte ihm schwergefallen wären: "Es stimmt, was mein italienischer Freund gesagt hat, dass die Krise in den USA begonnen hat. Ich übernehme die Verantwortung, auch wenn ich damals noch gar nicht Präsident war." Auch die Staats- und Regierungschefs waren über diese klaren Worte verblüfft. In dieser Deutlichkeit kam dieses Eingeständnis unerwartet. Ein weiterer Pluspunkt für Obama.

Ganz klar wieder die Weltmacht repräsentierte Obama dann beim Nato-Gipfel. 27der 28 Nato-Länder hatten sich auf den dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen als neuen Nato-Generalsekretär geeinigt. Doch die Türkei lehnte ihn ab. Und da eine derartige Entscheidung einstimmig getroffen werden muss, gelang es den türkischen Regierungsvertretern fast, den Gipfel zum Scheitern zu bringen. Erst im Laufe des Sonnabends schienen sie dann einzusehen, dass die Einheitsfront der anderen nicht zu knacken war. Ein letztes Gespräch von Obama und Rasmussen mit dem türkischen Premier brachte schließlich den Durchbruch. Obama hatte den Gipfel gerettet.

Auch am nächsten Tag in Prag stand er im Mittelpunkt. Der Prager Hradschin glich einem Fahnenmeer. Fast 30 000 Menschen fanden sich gestern dort ein, um mit tschechischen und mit noch mehr US-Fähnchen Obama zu seiner einzigen öffentlichen Rede auf der einwöchigen Europatour zu begrüßen. 26 Minuten dauerte der Auftritt, danach wurde Obama gefeiert wie ein Popstar. Er hatte für die zumeist jungen Leute eine "Botschaft der Hoffnung" mitgebracht: die erstmals wohl konkrete Aussicht auf eine atomwaffenfreie Welt. Die USA seien "jetzt bereit zu führen", sagte der amerikanische Präsident. Das solle auch für die Abrüstung gelten. Der Kalte Krieg und die Gefahr eines Atomkrieges seien seit 20 Jahren vorüber, so Obama. Doch die Gefahr eines Atomwaffenangriffs sei seither sogar noch größer geworden, weil mehr Staaten über diese Waffen verfügten. Die Atommacht USA werde deshalb für "eine Welt ohne Atomwaffen" eintreten und dafür sorgen, dass jeder Mensch im 21. Jahrhundert frei von Angst eines Nuklearkrieges leben kann. "Wir können nicht allein erfolgreich sein, aber wir können anführen." Und sicherlich gehe die Umsetzung nicht so schnell. "Vielleicht nicht einmal in meinem Leben", räumte der 47-Jährige ein. Aber alle zusammen sollten jene Stimmen ignorieren, die sagen, das gehe nicht. Die Antwort müsse lauten: "Yes, we can!"

Bundeskanzlerin Merkel jedenfalls war von diesem Arbeitsprogramm sehr angetan: "Im Blick auf den Iran ist das ein ganz wichtiges Signal, dass wir weniger Atomwaffen wollen und nicht mehr", sagte sie in Prag. Auch Obamas Ankündigungen für mehr Klimaschutz seien sehr hilfreich, insbesondere vor dem großen Kyoto-Nachfolgetreffen gegen Ende des Jahres in Kopenhagen. "Die Schwellenländer werden nur dann zu langfristigen Klimazielen bereit sein, wenn die USA ihre Mittelfristziele zu erreichen versuchen."

Merkel kämpft um ihren Ruf

Die Vorbereitung der Konferenz in Kopenhagen war auch Thema des Gesprächs der Kanzlerin mit Obama in Baden-Baden. Schon jetzt deutet sich an, dass die beiden hier sehr eng zusammenarbeiten werden. Merkel hat einen Ruf als "Klimakanzlerin" zu verlieren. Und für Obama geht es um die Hoffnungen der vielen Millionen Menschen, die ihn gewählt haben mit seinem Versprechen einer "green recovery" - einem möglichst schnellen Wirtschaftsaufschwung mit klar ökologischer Komponente.

Noch gestern Nachmittag flog Obama dann in die Türkei weiter. Die Kanzlerin hatte ihr Programm so geplant, dass sie kurz vor Obama Prag verließ. Denn sobald er sich auf den Weg zu seinem Flugzeug macht, wird der Luftraum über Prag für alle abgesperrt. Dann hätte auch die deutsche Kanzlermaschine warten müssen.