Berliner Spaziergang

Im Namen der Toten

Ein Albtraum, dieser Spaziergang, hatte ich zunächst gedacht. Erst als Michael Tsokos erwähnt, er würde gern an der Spree spazieren gehen, atme ich auf.

Sehr tief. Herr Tsokos verbringt seinen Alltag mit Leichen. Er ist Berlins oberster Gerichtsmediziner. An die Luft! Ich verspreche, ihn am Eingangstor abzuholen.

Michael Tsokos (42) eilt auf uns zu, ein kräftiger Mann in Jeans, dunklem Sakko und wehendem Mantel. Er möge die Spree sehr, versichert er, diese ganzen zugigen Weiten um das Regierungsviertel, in dessen Nähe er seit zwei Jahren lebt und arbeitet. Die Gerichtsmedizin liegt an der Turmstraße im einstigen Krankenhaus Moabit. Seine Wohnung ist um die Ecke, was praktisch ist, wenn man täglich morgens um halb acht die erste Besprechung hat und oft bis spätabends bleibt.

Vielleicht mag Michael Tsokos das Zugige auch, weil er von der Ostsee kommt, aus Kiel, und lange in Hamburg gelebt hat. Er hat einen Hund und fährt Cabrio, luftige Hobbys, selbst sein norddeutscher Akzent klingt irgendwie frisch und winddurchweht, als wir aus seinem Institut zum "Kleinen Tiergarten" gegenüber stürmen. Wir haben nicht viel Zeit. Gerade hat es noch geregnet. Der Kleine Tiergarten ist eine Art große Verkehrsinsel mit Spielplatz und Fußgängertunnel.

Seine Arbeit hat nichts Glamourhaftes

Es wird ein Spaziergang im leichten Ton über das schwierigste Thema des Lebens: den Tod. In den gut 15 Jahren seines Berufslebens hat Tsokos rund 9500 Leichen obduziert und bei weiteren 14 000 Obduktionen zugesehen, ebenso bei 35 000 "äußeren Leichenschauen" in Krematorien. Er half bei der Identifizierung der Toten aus den Massengräbern in Bosnien und im Kosovo. Die Tsunami-Katastrophe in Thailand wurde sein härtester Einsatz. Tsokos und seine Kollegen bekamen 2005 für ihren Kampf, den Flutopfern wenigstens ihre Namen zurückzugeben, einen Bambi, den Medienpreis der Glamourwelt. Doch die Arbeit von Gerichtsmedizinern hat nichts Glamourhaftes. Das Aufschneiden und Auseinandernehmen von Leichen ist unvorstellbar. Ein Tabu.

Wohl gerade darum gibt es immer mehr Fernsehserien und Kriminalromane, deren Helden Gerichtsmediziner sind. "Leider wird dabei auch sehr viel Unsinn verbreitet", sagt Tsokos. Und doch ist er selbst eine Art Celebrity seiner Zunft. Im Gegensatz zu manchen Kollegen gibt er freimütig Interviews und scheut kein offenes Wort. Gerade hat er Journalistenfragen beantwortet, es ist der Tag, nachdem sich das "Phantom" in Luft aufgelöst hat, jene mysteriöse Serientäterin aus Süddeutschland, deren angebliche DNA-Spuren an rund 40 Tatorten gefunden wurden. Kein Zeuge hatte die Frau je gesehen, an den Tatorten wurden keinerlei weitere Übereinstimmungen gefunden. Offenbar waren mit fremder DNA verunreinigte Wattestäbchen schuld, sie enthielten Spuren einer Frau, die mit den Taten gar nichts zu tun hatte. "Davor haben wir Gerichtsmediziner schon lange gewarnt", kommentiert Tsokos, "da hat es an Kontrollen im Labor gefehlt." In Berlin hätte so etwas nicht passieren können, meint er, "wir führen Ausschlussdateien, in denen DNA-Daten von Personen gesammelt werden, die nicht tatrelevant sind und in die Irre führen könnten".

Tsokos' Sprache ist einfach, manchmal drastisch. Medizinische Fachsprache hält er für "Quatsch", er würde sie am liebsten abschaffen. Gerichtsmediziner sind gezwungen, sich verständlich auszudrücken: "Wenn Ermittler und Gericht uns nicht verstehen, könnte das fatale Folgen haben."

Auch sein erstes Buch, gerade erschienen, ist kein Fachbuch, sondern eine spannende Dokumentation von zwölf realen Fällen. Es geht um Wasserleichen, Köpfe ohne Körper, rätselhafte Suizide. Das Titelbild zeigt ihn im weißen Kittel vor schwarzem Hintergrund, er sieht ein bisschen aus wie George Clooney in "Emergency Room". "Dem Tod auf der Spur" steht darunter, das Ganze ist eine Anspielung auf jene Serien, mit denen er eigentlich nichts zu tun haben will. Er weiß natürlich genau, warum.

Auch wenn in Fernsehkrimis meist Schummerlicht herrscht - im Seziersaal ist es hell, versichert Tsokos. "Weiße Kacheln, Neonlicht." Niemand Fremdes darf hier einfach hineinspazieren. Auch wenn praktisch kein Fernseh-"Tatort" ohne jene Szene auskommt, in der Angehörige im Angesicht ihrer toten Verwandten umkippen, in Tränen ausbrechen oder theatralisch versteinern: "Das passiert bei uns nicht. Für die Identifizierung der Toten sind ja wir selbst zuständig, dazu brauchen wir keine Angehörigen."

Sein heutiger Tag hat mit einem Mann begonnen, den offenbar niemand vermisst hat. "Mindestens vier Monate lag er tot in seiner Wohnung. Er war regelrecht mumifiziert, die Organe waren dermaßen verfault, dass wir die Todesursache nicht mehr feststellen konnten, die Haut des Toten ...", an dieser Stelle dämpft er seinen Tonfall. Wir gehen hinter einer zierlichen, weißhaarigen Dame her. Er will niemanden erschrecken.

Motorradfahren wird verboten

Tsokos wirkt trotz seiner fatalen Themen manchmal fast fürsorglich. Immer hat er alles im Blick, das Kleinkind, das vor uns ins Beet plumpst, die Mutter, die wagemutig ihre zwei Kinder über eine Kreuzung lotst: "Kommt! Das Auto da hinten muss für uns anhalten!" - "Und wenn es nicht anhält?", murmelt Tsokos neben mir mit gerunzelter Stirn, "dann liegen die Kleinen bei uns auf dem Tisch." Er meint das nicht zynisch. Seinen Söhnen, sagt er entschlossen, wird er das Motorradfahren verbieten. Die beiden sind gerade drei und sechs. Sie leben in Hamburg, wo er sie jedes zweite Wochenende besucht. Zwar ist er als Jugendlicher selbst Moped gefahren, er hat es aufgegeben, als er die ersten Verkehrstoten sah. Seit er in Berlin wohnt, sieht er sogar Fahrräder kritisch. "Ohne Licht im Dunkeln würde ich hier nie fahren. Ich weiß, wie die aussehen, die das nicht überleben."

Womit wir wieder bei den Toten wären. Heute Morgen, sagt Tsokos, "konnten wir bei dem Leichnam immerhin feststellen, dass er nicht durch äußere Gewalt starb". Das "Immerhin" ist das eines Menschen, der an das Gute glaubt, auch wenn das Böse sein Job ist. Wenn es keinen toxikologischen Befund gebe, also keinen Hinweis auf Gift, könne der aktuelle Tote freigegeben werden zur Bestattung - Fall gelöst.

Doch oft ist es anders. Bei 40 bis 60 Prozent aller Obduktionen in Deutschland werde eine andere Todesursache festgestellt als bei der Leichenschau zunächst angenommen, kritisieren Tsokos und seine Kollegen. Gründe seien mangelnde Qualifikation und der Interessenkonflikt der Hausärzte, die das Gros der Leichenschauen durchführen: "Wenn ein Arzt den Tod einer Person feststellen muss, die er selbst behandelt hat, ist er befangen." Nur in drei bis fünf Prozent der Todesfälle in Deutschland werde überhaupt eine Obduktion durchgeführt: "Viel zu wenig." Rechtsmediziner gehen davon aus, dass deshalb bis zu 1200 Tötungsdelikte jährlich unentdeckt bleiben.

Wir sind inzwischen wieder an der Ampel an Alt-Moabit angekommen. Rund um den Kleinen Tiergarten liegen das Kriminalgericht, Untersuchungsgefängnis und zwei sterbende Einkaufsstraßen. Alles sieht hier verbraucht aus, die Läden, die Waren in den Schaufenstern, selbst die Menschen. Tsokos sagt, er mag die Gegend trotzdem. Vielleicht, weil ihm das Milieu vertraut ist. Im Gegensatz zu den Reichen und Schönen aus den Krimiserien erzählen die meisten von Tsokos' Leichen von Armut, Verzweiflung, Verwahrlosung - und oft von roher Gewalt. "Am häufigsten werden Menschen durch Stichverletzungen getötet, nicht mit Schusswaffen, wie man glauben könnte."

Am meisten zu schaffen machen ihm die misshandelten Kinder, sagt er, als wir das Innenministerium erreichen und an die Spree hinunterlaufen. Es ist plötzlich leise. Ein Polizeiboot tuckert vorbei. Wir sind nicht allein. Tsokos setzt sich dafür ein, auch mehr lebende Menschen zu untersuchen - er plant eine eigene Abteilung, in der Gewaltopfer so untersucht werden, dass man die Täter belangen kann. Ein Kapitel seines Buches hat Tsokos dem Mädchen Jessica aus Hamburg gewidmet. Die Eltern hatten ihre Tochter jahrelang im Dunkeln einsperrt und ließen sie grausam verhungern, es war einer der fürchterlichsten Fälle von Kindesmisshandlung, der je an die Öffentlichkeit kam. Tsokos, damals noch in Hamburg tätig, stellte fest, dass das Mädchen keine zehn Kilo mehr wog: "Sie hatte das Skelett einer Dreijährigen, die Windel, die sie trug, war mit Kabelbindern am Körper befestigt und seit Wochen nicht gewechselt worden." Im Magen fand er Wandputz. "Sie kratzte ihn von den Wänden, um überhaupt die Illusion von etwas Essbarem zu haben, während nebenan die Eltern mit der wohlgenährten Katze saßen." Die Details waren notwendig, damit das Gericht die grausamen Eltern verurteilen konnte. Das Kapitel "Jessica" entlässt den Leser ratlos - ebenso wie den Autor.

Den Tod zu erforschen ist spannend

Er sei ein Mensch, der viel Freude an seiner Arbeit habe, hat Tsokos in einem ganz anderen Zusammenhang gesagt - als es darum ging, warum er seinen Beruf wählte: Den Tod zu erforschen sei spannend. "Wir helfen, Mörder zu fassen und weitere Taten zu verhindern. Und für Angehörige von Vermissten ist es unglaublich wichtig, dass diese identifiziert werden - nur so können sie Abschied nehmen."

Sein Weg zur Medizin führte über Umwege. Er sei keines dieser Kinder gewesen, die tote Tiere anschleppen und sezieren, er guckt auf die Frage hin fast angewidert. Seine Kindheit war gut, so hört es sich an, obwohl er den Vater früh verlor. "Er war Grieche und fuhr zur See", sagt er, als beflügele es irgendwie, einen Seemann zum Vater gehabt zu haben. Seine Mutter ist Ärztin. Mit ihr besuchte er auch die Moorleichen von Schleswig, ein historisch wie medizinisch lehrreiches Gruselkabinett, das sich wohl kein norddeutsches Kind entgehen lässt. Dass er Arzt wurde, hat er lange als Zufall abgetan. In den 80er-Jahren wurden Bundeswehrsoldaten für den sogenannten Medizinertest zwei Tage vom Dienst freigestellt, also bewarb er sich während seiner Zeit als Wehrpflichtiger - und wurde genommen.

"Vielleicht", überlegt er heute, "hätte ich mich aber früher für Naturwissenschaften interessiert, wenn man sie in der Schule so spannend vermittelt hätte, wie ich sie jetzt erlebe."

Michael Tsokos berät Politiker und Fachgremien vom Bestattungsgesetz bis hin zur sachgerechten Überprüfung von DNA. Vor allem aber ist er auch Lehrer. So ist auch die Ausstellung im medizinhistorischen Museum der Charité zu verstehen, die gerade unter Tsokos' Leitung erstellt wurde. Welche Todesarten rufen welche Flecken und Merkmale hervor? Was sagen Tierfraß und Muschelbesatz bei Wasserleichen aus? Was sind Strangulationsmerkmale? Fotos zeigen Tsokos' Kollegen bei einem blutüberströmten Toten in der heilen Welt eines gekachelten Badezimmers. Ein aufgeschlitzter Bauch wird aufgeklappt wie ein Buch. Ein Mann im Papieroverall balanciert im Seziersaal auf einer Leiter und fotografiert einen Toten. Die Bilder, die nachgestellten Körperteile und echten Präparate sind dermaßen anschaulich, dass die Ausstellung erst ab 16 Jahren freigegeben ist.

Die technische Seite der Trauerarbeit

Wie spricht man über den Tod? Sachlich, meint Michael Tsokos. Seine Sprache ist wie seine Werkzeuge, unter denen sich Sägen befinden, aber auch Skalpelle, haarfeine Pipetten und der Computer für die vielen Laborergebnisse, die in der Gerichtsmedizin eine immer größere Rolle spielen. Wird er gefragt, wie er mit dem Grauen umgeht, erwähnt er einen imaginären Schalter, den er umlege. Der zigtausendfache Tod lässt sich nicht psychisch verarbeiten. Menschen wie Michael Tsokos können nur die technische Seite der Aufarbeitung des Todes übernehmen. Die seelische "Trauerarbeit" können sie den Hinterbliebenen natürlich nicht abnehmen. Das kann niemand.

Als wir wieder am Institutseingang stehen, erzählt Tsokos, er werde sich am Abend die Ausstellung der "Weltmeister der Präparatoren" im Naturkundemuseum ansehen. Die Vorfreude ist ihm anzumerken - das Interesse des Wissenschaftlers. Ablenkung vom Grauen des Tages brauche er abends nicht, er lächelt über diese Frage.

Sein Beruf, sagt er dann, bereite ihm keine Albträume. Nie.

Michael Tsokos, geboren 1967 in Kiel, leitet seit 2007 das Institut für Rechtsmedizin der Charité und das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin-Moabit. Zuvor war er Oberarzt an der Hamburger Rechtsmedizin. Auf dem Seziertisch von Tsokos? Institut landen alle Toten, bei denen eine nicht natürliche Todesursache vermutet wird. Darunter war 2008 auch Eisbären-Ziehvater Thomas Dörflein, dessen natürlichen Herztod Tsokos feststellte. Tsokos studierte Medizin in Kiel, spezialisierte sich auf den postmortalen Nachweis von Infektionskrankheiten. Anfang 2007 löste er den langjährigen Leiter der Berliner Institute ab, Prof. Volkmar Schneider. Mit Tsokos zog ein anderer Führungsstil ein: Neue Aufgabengebiete statt Personaleinsparungen, Öffnung gegenüber den Medien. In seinem jetzt erschienenen Buch "Dem Tod auf der Spur" schildert Tsokos zwölf seiner spektakulärsten Fälle (Ullstein, 8,95 Euro).