Architektur

Neues Museum zeigt sein Inneres

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Isabell Jürgens und Gabriela Walde

Nofretete hat ihr eigenes Reich im Neuen Museum. Über die imposante Freitreppe, die den Besucher großzügig empfängt, wird der Besucher durch die Südkuppel, den Römischen- und den Bacchus-Saal wandern, um in den majestätischen Nordkuppelsaal mit seinem Lichtauge zu gelangen - dort wird die antike Königin thronen - ganz allein, stolz und allansichtig in ihrem Glaskäfig.

Ihr Blick fällt über den Flur hinweg auf Helios - den Gott der Sonne.

Der Umbau für das Neue Museum ist abgeschlossen, nächste Woche erfolgt die offizielle Schlüsselübergabe, anschließend wird am ersten Märzwochenende das wiederaufgebaute, noch leere Haus auf der Museumsinsel seine Türen für drei Tage, vom 6. bis 8. März, dem Publikum öffnen. Die Spannung ist groß. Motto: noch 222 Tage bis zur feierlichen Eröffnung am 16. Oktober. Eines der teuersten, ambitioniertesten und auch künstlerisch anspruchsvollsten Museen Europas, einst von Friedrich August Stüler erbaut, steht vor seiner Wiedereröffnung. Über 70 Jahre nach seiner Zerstörung wird es dann wieder das Schatzhaus des Ägyptischen Museums und des Museums für Früh- und Vorgeschichte sein. Damit kehrt auch Nofretete dahin zurück, wo ihre Erfolgsgeschichte begann.

Symbol der Wiedervereinigung

Für Dietrich Wildung, Chef des Ägyptischen Museums, nicht nur ein entscheidender Höhepunkt im Masterplan, sondern vor allem das Symbol für die Wiedervereinigung der Sammlungen auf der Museumsinsel. "Auch diese Wiederherstellung des Gebäudes gehört zur Wiederherstellung politischer Identität" im zwanzigsten Jahr des Mauerfalls, findet er.

Die reine Architektur selbst wird für diese Tage zum Exponat, darf und soll bestaunt werden. Da muss sich die Architektur ihren Kritikern stellen, und sie wird ihre Liebhaber begeistern. "Ich will die Schäden nicht verdecken, die Verluste sichtbar lassen und, wo es möglich ist, behutsam ergänzen", erklärt Stararchitekt David Chipperfield sein Sanierungskonzept der "historischen Ehrlichkeit". Die alte Pracht des Meisterwerks aus dem Jahre 1842 könne nicht wieder hergestellt werden, erteilt er Nostalgikern, die einen originalgetreuen Wiederaufbau wünschten, eine krasse Absage. Das Unesco-Weltkulturerbe habe besseres verdient als einen nachgebauten Pseudo-Stüler, begründet der Brite seine Haltung, die in ihrer "konservatorischen Brutalität" nicht nur seine Kritiker von der Gesellschaft Historisches Berlin (GHB) entsetzte.

Die Verantwortlichen von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Staatlichen Museen zu Berlin, des Landesdenkmalamtes sowie des Bundesamtes für Bauwesen bringen dagegen in seltener Einigkeit ihre Begeisterung zum Ausdruck, lobten anlässlich des Richtfestes vor anderthalb Jahren das "Sanierungskonzept, das im großen Respekt vor der historischen Leistung des Architekten Stülers und der erhaltenen Originalfragmente künstliche Nachbildungen des Verlorenen unterlässt".

An dieser Position hat sich bis heute nichts geändert. Auch, wenn auf der Straße eine ganz andere Meinung herrscht. Einen Vorgeschmack auf Volkes Urteil gab der Tag der offenen Tür zum Richtfest im September 2007, als 15 000 Besucher die Gelegenheit zum Baustellenbesuch nutzten. Doch während sich damals noch viele Berliner im ausgelegten Gästebuch zurückhaltend äußerten - "erst mal sehn, wie es aussieht, wenn es fertig ist" - dämmert nun angesichts der frisch sanierten Fassade den Passanten an der Museumsinsel schon heute, was sie im Inneren erwartet. "Wieso ist das Baugerüst schon runter? Muss da nicht noch verputzt werden?" fragt sich nicht nur Manfred Pikser (69) aus Hannover beim Blick über die Spree. "Das sieht doch aus wie gleich nach dem Krieg!"

Auch die im Januar gestartete Online-Umfrage der Berliner Morgenpost zeigt wenig Sympathie für den Flicken-Look. Auf die Frage "Wie wünschen Sie sich die Fassadengestaltung des Neuen Museums?" gaben 81 Prozent der bislang 2555 Teilnehmer an, sie wünschten ein komplett neu verputztes Gebäude. Nur 13 Prozent dagegen fanden Chipperfields Restaurierungs-Konzept "genau richtig".

Die umstrittene Sanierung, die bis heute 233 Millionen Euro gekostet hat, hat Chipperfild bei seinen Kritikern, allen voran den der Gesellschaft Historisches Berlin (GHB) den Ruf eines "Ruinen-Romantikers" eingetragen.

Ein Kontrast neben dem anderen

Und in der Tat, der Besucher hat es nicht ganz leicht sich in den einzelnen Etagen im Neuen Museum zu orientieren bei den oft unüberschaubaren Raumfluchten, die Chipperfield scheinbar willkürlich aneinandergefügt hat. Die vielen unterschiedlichen Eindrücke sind überwältigend. Chipperfield setzt einen Kontrast nach dem anderen, alt neben neu - und umgekehrt. All die Nischen, die fein freigelegten Fresken, die nicht ergänzt wurden, die porösen Einschusslöcher an den blassen Wänden, dort die von Dreck und Feuchtigkeit befreiten Fußbodenmosaike, 250 000 Steine wurden dafür bearbeitet. In fast allen Räumen des Museums bleibt so die Geschichte als Bruch lesbar. Wo einst teure Wandmalereien die Antike feierten, dominiert - wie beispielsweise im lichten Treppenhaus - nun Beton, Natursandstein, Glas oder Marmor, poliert oder unpoliert. Wo einst Säulen farbig strahlten, bleiben sie nun karg verputzt als bloße Stützkonstruktion sichtbar.

Viele Fragen werden auftauchen, eine Frage aber bleibt zentral: Fügt sich das Neue mit der historischen Substanz zu einem harmonischen Ganzen? Und wie wird das Gebäude wirken, wenn die wertvollen Kunstwerke erst einmal hier eingezogen sind? Werden sie sich mit der Architektur vertragen?

Das Publikum kann sich im März selbst ein Urteil bilden. Ob die nur 47 Zentimeter hohe Büste der Nofretete vor dieser Kulisse ihre Wirkung auf den Betrachter entfalten kann, dass wird sich erst nach ihrem Einzug am 17. Oktober zeigen. Doch die schöne Herrscherin wird es in ihrem künftigen Zuhause sicher leicht haben. Dietrich Wildung hat sein Konzept für das Ägyptische Museum in der Präsentation im Alten Museum bereits "1:1" durchgespielt: Besucherführung, Lichtdramaturgie, Ausstellungstechnik und Vitrinendesign. Ihm war klar, dass eine zeitgemäße Ausstellungspräsentation nicht mehr als historischer Verlauf dargestellt werden könne, wie es weltweit in Museen üblich war. Es geht nicht mehr um den Mythos, sondern um die künstlerische Sicht auf die Skulpturen. Ein optimistischer Wildung: "Einen Flop wird es nicht gehen, wir haben alles ausprobiert."