Extremismus

Der Fall Mannichl und die Suche nach der Wahrheit

In seinen ersten beiden Arbeitstagen widmete sich der Passauer Polizeichef Alois Mannichl der liegen gebliebenen Schreibtischarbeit. Dreieinhalb Wochen nach dem Messerattentat an seiner Haustür ist Mannichl noch nicht ganz genesen.

- Zwar seien die Verletzungen verheilt, aber gelegentlich brauche er noch Schmerzmittel. "Auf der psychischen Seite bleiben Narben", sagte er. Mit einem komischen Gefühl gehe er nun morgens aus dem Haus. Mannichl hatte den Mann, der ihn niederstach, als Skinhead beschrieben, der ihn als "linkes Bullenschwein" beschimpfte. Keinen Zweifel lässt er auch heute daran, dass aus seiner Sicht der Messerstecher aus der rechtsextremen Szene stammt. "Ich weiß, wo die geistigen Brandstifter sind."

Die Ermittler des bayerischen Landeskriminalamts (LKA), das vor zwei Wochen den Fall Mannichl übernahm, sind davon nicht ganz überzeugt. "Ein rechtsextremer Hintergrund für die Tat lag zu Beginn der Ermittlungen sehr nah", sagte LKA-Sprecher Karl-Heinz Segerer der "Morgenpost". "Heute gehen wir andere, weitere Wege." Mehr Informationen will Segerer nicht preisgeben: "Wir sagen gar nichts mehr ohne die Zustimmung der Staatsanwaltschaft." Der Druck auf die Ermittler ist enorm, auch wenn Mannichl seine Kollegen in Schutz nimmt und zur Geduld mahnt: "Der Täter hinterlässt ja keine Visitenkarte an der Tür."

Intern ist nun davon die Rede, dass im Rotlichtmilieu ermittelt wird und auch in der linksradikalen Antifa-Szene. Von Antifaschisten könnten die Tatermittlungen bewusst in die rechtsradikale Szene gelenkt worden sein. Denn obwohl die erst 20- und später 50-köpfige Sonderkommission "Fürstenzell" unter Hochdruck arbeitete - ein heiße Spur, die in die rechtsradikale Szene führt, ließ sich nicht finden.

Der Fall Mannichl war daher Ende Dezember Gegenstand einer zweitätigen Beratung von Staatsanwälten und Ermittlern beim bayerischen Landespolizeipräsidenten Waldemar Kindler. Danach übernahm das LKA die Ermittlungen und fing wieder von vorne an. "Wir sind immer noch dabei, uns einen Überblick zu verschaffen", sagte LKA-Sprecher Detlef Puchelt kürzlich der "Morgenpost". Vorsichtig deutete er ein Versäumnis der Polizeiarbeit an: "Die neue Soko-Leitung war der Meinung, dass die Untersuchung des weiteren Umfelds des Wohnhauses wichtig sei."

Vergangenen Sonntag ließ das LKA also die weitere Umgebung von Mannichls Reihenhaus, angrenzende Grundstücke und einen Spielplatz in Fürstenzell, auf Spuren absuchen. 30 Beamte waren im Einsatz. Nach der Tat am 13. Dezember war nur Mannichls Grundstück untersucht worden. Drei Wochen danach stellten die Kriminalisten nun Zigarettenkippen und "Kleinkram" sicher, die derzeit in den LKA-Laboren geprüft werden.

Bei ihrer Suche nach der Wahrheit denken die Fahnder über mehr und mehr Ungereimtheiten nach. Mannichl hatte den Täter als einen etwa 1,90 Meter großen Mann mit auffallenden Tattoos, Glatze und einem Leberfleck beschrieben. Doch keinem der Nachbarn ist am Tattag ein solcher Mann aufgefallen. Mannichl wurde an einem Sonnabendabend niedergestochen, da sind normalerweise viele Anwohner zu Hause. Außerdem ist die Eigenheimsiedlung in Fürstenzell gut einsehbar, die Häuser sind im Kreis um einen Innenhof angeordnet. Mannichl wohnt in der Mitte.

An der Tatwaffe, einem Messer aus dem Haushalt des Polizeichefs, das auf dem Fenstersims lag, fanden sich keine Abdrücke, weil der Täter Handschuhe trug. Warum aber verdeckte der Täter seine auffälligen Tätowierungen nicht, die grüne Schlange, die sich vom Nacken zum linken Ohr zieht, und das große schwarze Kreuz mit dem Pfeil auf der rechten Wange? War er doch immerhin so weitsichtig, Fingerabdrücke an der Tatwaffe zu vermeiden. Und warum kann sich Mannichl - seit mehr als 30 Jahren im Polizeidienst - zwar an die Tattoos, nicht aber an das Gesicht des Mannes erinnern, der ihn zunächst beschimpfte, bevor er zustach?

Auch das Küchenmesser als zentrales Beweisstück wird nun noch einmal eingehend von Gerichtsmedizinern untersucht. Zunächst hieß es, in der Gegend wäre es Brauch, in der Adventszeit Messer auszulegen, mit dem sich Passanten Lebkuchen abschneiden könnten, die an den Haustüren hingen. Doch an der Fürstenzeller Eigenheimsiedlung laufen kaum Passanten vorbei. "So einen Brauch gibt es hier nicht", sagte kürzlich ein Bewohner der Siedlung. Allerdings habe an den Adventssonntagen ein kleiner Markt auf dem Innenhof stattgefunden, bei dem die Anwohner vor ihren Türen Süßigkeiten angeboten hätten. Drei Tage vor der Tat gab es noch einmal einen kleinen Umtrunk auf dem Grundstück, als das zehnte Adventskalendertürchen an Mannichls Haus geöffnet wurde. Möglicherweise vergaßen die Mannichls das Messer im Eingangsbereich. Ob sich an dem Küchenmesser verdächtige Spuren befinden, dazu will das LKA sich derzeit nicht äußern. "Wir haben Fingerabdrücke und auch DNA-Spuren sichergestellt", sagte Puchelt - allerdings ohne sich konkret auf die Tatwaffe zu beziehen.

Weil von einem Lebkuchenmesser die Rede war, muss sich Mannichl in rechtsradikalen Internetforen als "Lebkuchenheini" beschimpfen lassen. Das Bayerische Verwaltungsgericht, das die NPD-Demonstration am vergangenen Sonnabend durch Passau genehmigt hatte, untersagte explizit das "Mitführen von Lebkuchenmännern". Die Lebkuchen seien dazu geeignet, die Ehre Alois Mannichls zu verletzen, so das Gericht. Die NPD hatte zwei Säcke vorbereitet.

Auch wenn es manchmal so wirkt, der Passauer Polizeidirektor war keineswegs nur ein Feind der Rechtsradikalen. Auch in der linksradikalen Szene gilt Mannichl als verhasst. Bei Ausschreitungen ließ er Radikale unabhängig von ihrer politischen Orientierung festnehmen. Auf der Beerdigung des Rechtsextremisten Friedhelm Busse im Juni 2008 habe Mannichl die Nazis relativ unbehelligt gelassen, aber ein paar Antifaschisten seien gleich festgesetzt worden, beschweren sich Linke in einem Internetforum. Die Ermittler ziehen nun auch die Möglichkeit in Betracht, dass ein Linksextremist das Attentat verübte, bewusst die verhasste rechte Szene anschwärzte und die Verletzung Mannichls billigend in Kauf nahm. Auch im schwarzen Gothic-, Rocker und Punkmilieu wird gefahndet. Eine Spur, die in die Passauer Eishockeyszene führte, wird dagegen nicht mehr weiterverfolgt. Dass sich die Ermittler zu früh auf einen Täterkreis festgelegt haben, ist offenkundig. Gesucht wird längst nicht mehr nur nach dem Mann mit dem Tattoo - es könnte aufgemalt gewesen sein.

Dass der Erfolgsdruck die Ermittler und die Staatsanwaltschaft nervös macht, zeigt die Reihe von möglichen Mittätern, die nach tagelanger Vernehmung wieder freigelassen wurden. Darunter ein Münchner Paar, das zu den ultrarechten Freien Nationalisten zählt. Eines nämlich ist klar, auch wenn dies niemand öffentlich sagen will: Sollte der Täter nicht aus ihren Kreisen stammen, könnten sich die Rechtsextremisten als unschuldige Opfer inszenieren.

"Auf der psychischen Seite bleiben Narben" Polizeichef Alois Mannichl

"Wir sind immer noch dabei, uns einen Überblick zu verschaffen" Detlef Puchelt, LKA-Sprecher

"Ich weiß, wo die geistigen Brandstifter sind" Polizeichef Alois Mannichl