Berliner Spaziergang

Der Mann aus Moskau

Unser Autor Bernd Philipp im Gesprächmit Wladimir Kotenew

"Diplomatie ist die Kunst der Konfliktentschärfung, zwei oder mehr Gruppen jedweder Art so zufriedenzustellen, dass jeder denkt, als Sieger hervorgegangen zu sein."

Sinan Gönül, Aphoristiker

Gott, ist mir das peinlich: Ich komme zu spät und lasse Seine Exzellenz eine Viertelstunde lang warten. Nicht meine Schuld. Jemand hatte mir zunächst einen anderen Treffpunkt genannt. Ich war pünktlich am falschen Ort. Unangenehm ist es mir trotzdem. "Das macht doch nichts", sagt Wladimir Kotenew zur Begrüßung. Ich bin erleichtert. Man hatte mir gesagt, dass er in gewissen Situationen auch ungemütlich werden kann.

Wir treffen uns nun also im Grunewald, am Forsthaus Paulsborn. Von hier aus wollen wir einmal um den Grunewaldsee laufen. In Mauerzeiten war das ein von West-Berlinern heftig frequentierter Rundweg. Kotenew wohnt in der Nähe, und der See ist seine bevorzugte Spazierroute, wenn er denn mal Zeit hat. Gern auch in Begleitung von Freunden und Berlin-Besuchern. Gelegentlich ist er dort auch schon dem Bundespräsidenten begegnet. "Ein sehr guter Mann", meint Kotenew, "wenn wir uns im Vorübergehen sehen, wechseln wir ein paar Worte miteinander - und dann zieht jeder weiter. Der Bundespräsident wird auch in Russland sehr geschätzt."

Wladimir Kotenew gilt als Russlands wichtigster Vertreter in Deutschland. "Putins bester Mann", hieß es in einigen deutschen Zeitungen. Der Botschafter der Russischen Föderation und seine Frau Maria Kotenewa gehören zu den gewichtigen Vertretern auf dem gesellschaftlichen Parkett in Berlin. Ein Paar mit internationalem Flair, freundlich, verbindlich. Gastgeber, deren Feste in der russischen Botschaft Unter den Linden zu den jährlichen Höhepunkten gehören. Die Kotenews brachten Glanz in die bis dahin oft dröge Diplomatenszene.

Opulente Feiern in der Botschaft

Die Feiern in der Botschaft sind mitunter so üppig, dass man denkt, der Zar habe diese ausstatten lassen, um dann auch selbst zu erscheinen. Russland ist bekanntlich ein weites, schönes Land. Und wenn die Russen mit Gästen feiern, dann richtig.

"Exzellenz", frage ich, "früher war Diplomatie etwas Mystisches, das schwer zu durchschauen war."

"Diplomatie findet heute nicht mehr in geheimen Zirkeln statt, sondern in der öffentlichen Diskussion mit Menschen aus Politik, Wirtschaft, Kultur - aus allen Bereichen", antwortet Kotenew.

So also erklärt sich die Partybegeisterung des Botschafterpaares. Feiern als Beziehungskatalysator und -anbahner. Wer zum Beispiel in die Botschaft zum Russisch-Deutschen Ball eingeladen ist, der zu einem Höhepunkt im gesellschaftlichen Leben der Stadt avancierte, ist in der Regel auf der Karriereleiter oben angekommen. Wer aus Wirtschaft und Politik keine Einladung erhält, übt sich dann auch schon mal in Relativierungen, vielleicht mit einem "Ich hätte sowieso keine Zeit gehabt ...". Champagner- und Kaviardiplomatie in Berlin! Kotenew, bei solchen Anlässen in offizieller Diplomatenuniform der Russischen Föderation, begrüßt jeden Gast persönlich und vermittelt ihm den Eindruck, dass die Veranstaltung nur durch eben diesen Gast geadelt wird.

Kindheit in Neu-Delhi

Ich frage den Botschafter nach seiner Kindheit, die er in Moskau und Neu-Delhi verbrachte, wo sein Vater in diplomatischen Diensten stand. "Ich hatte eine sehr glückliche Jugend", sagt Kotenew. "Die Eltern haben viel gearbeitet, und wenn meine Schwester und ich aus der Schule kamen, war das Essen vorbereitet, wir mussten es nur warm machen. Mutter war Redakteurin und konnte sehr gut schreiben. Auch durch meinen Vater habe ich begriffen, was Fleiß bedeutet. Die Eltern haben viel für unsere Bildung getan, weil sie wussten: Um die Welt zu verstehen, muss man sich viel Wissen aneignen. Unsere schulische Ausbildung war humanistisch, nicht wissenschaftlich ausgerichtet. Im Alter von sechs Jahren begann ich, Bücher zu lesen, mit elf oder zwölf Balzac, Maupassant, Shakespeare, auch Thomas Mann auf Russisch. Später dann in deutscher Sprache: Goethe, Heine, Rilke, Herder - die Liebe zur deutschen Dichtung habe ich mir bis heute erhalten."

Mit seinen schulischen Leistungen machte er den Eltern, die gütig-streng waren, oft eine Freude. "Bei einem besonders guten Zeugnis gab es ein Geschenk", erinnert sich Kotenew, "aber ein Lob der Eltern war viel wichtiger ..."

Als Wladimir sechs Jahre alt war, zogen die Kotenews für vier Jahre nach Neu-Delhi, wo sein Vater in der russischen Botschaft arbeitete. "Da habe ich durch Angriffe der pakistanischen Streitkräfte den Krieg erlebt. Wir mussten die Zimmer verdunkeln, zum Glück fielen keine Bomben auf die Botschaft. Was sich mir als Kind besonders eingeprägt hat: die unbegreifliche Armut in Indien, das pure Elend. Die Russen waren ja auch nicht reich, aber es waren alle versorgt - und es langte immer für Bildung und medizinische Betreuung."

Wir gehen langsam. Der Grunewaldsee, an dessen Ufer edle Hunderassen Auslauf haben und wo Damen im Winter gern ihre Pelze zur Schau tragen, gehört zum Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Teile des südöstlichen Ufers, das von Kurfürst Joachim II. errichtete Jagdschloss sowie das historische Jagdrestaurant und Haus Paulsborn gehören zum Ortsteil Dahlem des Bezirks Steglitz-Zehlendorf. Eine Berliner Sonderheit.

"Ich liebe Hunde", erzählt der Botschafter, "wir haben zwei, Kaukasische Schäferhündinnen, die bei meinen Schwiegereltern im Landhaus bei Moskau leben. Die haben ein großes Grundstück, da hat man eben auch Hunde. Die eine habe ich selbst erzogen, die gehorcht aufs Wort. Auf die jüngere hatte ich keinen Einfluss, die geht noch zur Schule ..."

Erster Aufenthalt in Ost-Berlin

1977 war Kotenew das erste Mal in Ost-Berlin als Student im Rahmen eines Austauschprogramms. "Wir waren auch in Dresden, haben die Ruinen der Innenstadt dort gesehen. Auch Bilder, die man nicht vergessen kann." Ich frage ihn: "Mit welchem Gefühl kamen Sie als junger Russe nach Berlin? Von hier ging das Unheil durch die Nazis aus." "Ich habe damals ja Politikwissenschaften studiert und machte das Diplom an der Hochschule. Wir haben gelernt, dass nicht nur die Geschichte wichtig ist, sondern auch die Gegenwart. In Berlin standen sich ja die beiden Weltmächte direkt gegenüber. Die Mauer, der Kalte Krieg - es ging in unseren Köpfen um die Frage, wie ein heißer Krieg zu verhindern ist. Übriges: Die Lebensverhältnisse in der Hauptstadt der DDR haben mich überrascht. Es gab, sieht man mal von Südfrüchten ab, eigentlich alles zu kaufen. Fleisch und Wurst waren von besserer Qualität als bei uns in der Sowjetunion ...", meint zumindest der Botschaft.

1979 trat Kotenew in den diplomatischen Dienst, war im Konsulat tätig und lernte auch den Westen Berlins kennen. "Es war nicht meine erste Begegnung mit dem Westen, als Student war ich schon zweimal in London gewesen, beobachtete den Wachwechsel vor dem Buckingham Palace. West-Berlin beeindruckte mich ebenfalls. Wir sprachen von der sogenannten Konsumgesellschaft. War auch im KaDeWe, für uns ein Schaufenster des Westens."

Eindrücke aus dem KaDeWe

Das Angebot empfand er als erstaunlich, aber auch als erdrückend. "Es hat mich nicht gereizt. Außerdem waren wir überzeugt davon, dass das eines Tages auch bei uns so sein würde, nur eben zu anderen gesellschaftlichen Bedingungen. Geschichtlich hat sich dann herausgestellt, dass das eine Täuschung war. Dass die Menschen es nicht verstanden haben, wirklich die Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen wie in der Marktwirtschaft. Aber damals sahen wir das anders. Geld war nicht so wichtig. Es ging nicht um die Frage, was ich mir für eine Yacht kaufe und ob ich mir einen Jaguar zulege." "Das hat sich ja inzwischen geändert", werfe ich ein, und der Botschafter lächelt, diplomatisch.

Ich frage ihn, warum es in Berlin kein russisches Spitzenrestaurant gibt. Er weist darauf hin, dass man in Berlin sehr wohl gut russisch essen kann, zum Beispiel im Hotel "Astoria", unweit der Friedrichstraße. "Es ist so: Erstens haben wir hier in der Botschaft einen sehr guten russischen Koch, und zweitens: Wenn wir Besuch aus Russland bekommen, möchte der nicht russisch, sondern deutsch essen. Die freuen sich, wenn sie ein Eisbein serviert bekommen. Russen lieben die deftige deutsche Küche."

Aber sie lieben auch den russischen Wodka, der bei Feiern in randvollen Gläsern kredenzt wird. Das Nationalgetränk gilt als Grundnahrungsmittel. In Berlin kannte man früher vor allem "Wodka Schilkin", dann kam "Wodka Gorbatschow" und "Wodka Jelzin". Und wie wäre es mit "Wodka Putin"? "Den gibt es auch, allerdings nur bei uns in Russland. Der heißt ,Putina'. Es ist übrigens nicht so, dass die Russen ausschließlich Wodka trinken - inzwischen genießen viele auch einen guten Wein, einen Cognac oder einen Whisky." Mag sein, wer sich das leisten kann. Der arme Bauer, der sich nach der Arbeit einen Cognac gönnt, dürfte wohl die Ausnahme sein.

Kotenew gilt als eloquent, gebildet, charmant. "Mit welcher Frage könnte ich Sie denn zornig machen?", frage ich. "Zornig? Mich können Sie nicht zornig machen, weil ich zu Zorn nicht neige. Ich werde gelegentlich unruhig, wenn man mir das Wort im Munde umdreht. Sie können mich fragen, was Sie wollen. Ich schildere Ihnen dann meinen Standpunkt. Aber wenn Sie mich nicht verstehen wollen und immer dasselbe fragen, werde ich ungeduldig."

Russland in den Medien

Dann kommen wir zum Thema Zeitungen und Fernsehen. "Die westlichen Medien", sagt der Botschafter, "machen mich manchmal traurig, weil sie mit Klischees arbeiten. Russland wird meistens nur von der negativen Seite gezeigt. Ich wünsche mir mehr Berichte über das, was in meinem Land geleistet wurde. Natürlich nehmen wir Kritik wichtig, und man kann auch die Regierung kritisieren. Aber alle Dinge nur schwarz-weiß ohne Nuancen zu sehen, kann nicht gut sein. In der öffentlichen Wahrnehmung ist Russland immer der Goliath, der den David bedroht. Und wenn rollende Panzer gezeigt werden, sind es in den westlichen Medien immer russische Panzer. Das ist doch schon sehr einseitig."

Wirklich immer einseitig? "Hört auf, die Russen zu provozieren" - unter dieser Überschrift schrieb Rolf Hochhuth in der "Welt am Sonntag" einen Beitrag, in dem er sich dagegen aussprach, Ukraine und Georgien könnten Mitglieder der Nato werden. Die Vereinigten Staaten bezeichnet der Schriftsteller und Bühnenautor als "West-Europas Vormundschaftsbehörde". Hochhuth fragt, wie es dazu kommen konnte, Russland herauszufordern, "wie sich das im 18. und 19. Jahrhundert seine damals bedeutendsten ,Anrainer' Friedrich II. und Bismarck niemals erlaubt hätten". Dieser Beitrag stand, wie gesagt, in einem westlichen Medium. So viel zum Thema Einseitigkeit. Natürlich muss man berücksichtigen, dass der russische Botschafter in Deutschland konsequent die Interessen seines Landes vertritt, wessen auch sonst?

Wir haben den Grunewaldsee einmal umrundet. "Wenn es nicht noch so früh wäre und wir mehr Zeit hätten, müssten wir jetzt eigentlich noch im Restaurant Paulsborn einen Glühwein trinken. Das mache ich im Winter gern auch mit meinen russischen Gästen." Wie schön: Glühwein eint die Nationen. Bei so viel Harmonie zwischen Deutschen und Russen versteht sich auch die Grußadresse des Botschafters ans neue Jahr: "Ich wünsche unseren Völkern weiterhin eine friedliche, prosperierende und kulturmäßig intensive Zukunft." Das Wort zum Sonntag. Exzellenz, so soll es sein. Darauf einen Glühwein. Oder doch besser einen Wodka?

Wladimir W. Kotenew: Geboren 1957 in Moskau. Kindheit in Moskau und Neu-Delhi. Studium der politischen Wissenschaften. Absolvent der Fakultät für internationale Beziehungen an der Moskauer Staatlichen Universität für intern. Beziehungen beim Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR. Seit 1979 im diplomatischen Dienst. Tätigkeit im Zentralapparat des Außenministeriums: Konsularverwaltung, Abteilung Europa, Abteilung DDR. Tätigkeit im Außenministerium der Russischen Föderation. Berater, später stellvertretender Leiter im Büro des Ministers. Auslandsposten: Generalkonsulat der UdSSR in den westlichen Sektoren Berlins. Botschaft der UdSSR in der DDR. Kulturattaché der Botschaft der UdSSR in Österreich. Gesandter der Botschaft der Russ. Föderation in der Schweiz und in Liechtenstein. Mai 2001 bis April 2004 Direktor der Abteilung für Konsulardienste des Außenministeriums. Seit April 2004 Botschafter der Russ. Förderation in Deutschland. Kotenew und Ehefrau Maria sprechen perfekt Deutsch. Das Paar hat zwei erwachsene Kinder.