Gesundheit

Die Patienten werden durchleuchtet

Am Donnerstag wird in der Praxis des Allgemeinmediziners Peter Hecking in Düren eine Festgesellschaft zusammenkommen. Sie wird beobachten, wie ein kleines Gerät aus hellgrauem Plastik an einen Computer angeschlossen und anschließend eine Chipkarte hineingeschoben wird.

- Vielleicht spricht jemand von einem historischen Tag und davon, dass Ärzte und Patienten von dem Gerät profitieren könnten. Und dass man selbstverständlich auf die Sicherheit achten werde.

Der Plastikkasten, um den es geht, ist ein Lesegerät für die elektronische Gesundheitskarte. Es ist das erste, das nicht mehr für Testzwecke, sondern im Alltag eingesetzt werden soll - deshalb der Trubel in Heckings Praxis. In gut einem halben Jahr werden Millionen von Menschen in Nordrhein-Westfalen eine solche Gesundheitskarte haben, in den Monaten darauf immer mehr Bundesbürger. Die Karte soll später der Schlüssel zu elektronischen Patientenakten werden, die über das Internet geführt werden. Sie soll Ärzten, Pflegern und den Patienten selbst helfen, im Dschungel aus Diagnosen, Rezepten und Medikamenten den Überblick zu behalten. Man kann die Veranstaltung in Düren aber auch anders sehen: als weiteren Schritt auf dem Weg zum gläsernen Patienten.

Zwar kommt die Einführung der Gesundheitskarte nur mühsam voran. Es gibt technische und organisatorische Schwierigkeiten. Vor allem die Ärzteschaft probt immer wieder den Aufstand gegen das von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) initiierte Projekt. Unabhängig davon aber sind private Unternehmen längst dabei, das Ziel der Bundesregierung, die elektronische Verwaltung medizinischer Daten, auf eigene Faust zu erreichen. Elektronische Informationen können - wenn sie zentral erfasst werden - über das Internet viel leichter aktualisiert und von verschiedenen Orten aus eingesehen werden. Das soll Doppeluntersuchungen sparen und damit viel Geld.

Eine Datenbank wird angelegt

In den USA ist der Softwarekonzern Google im Mai dieses Jahres in das Geschäft mit Gesundheitsdaten eingestiegen. "Google Health" bietet jedem, der sich dort anmeldet, die Möglichkeit, seine medizinischen Daten online zu verwalten. Patienten können eine Liste ihrer Pillen und Tabletten anlegen und sich erinnern lassen, sie einzunehmen. Sie können in einer Datenbank nachschauen, welche der Medikamente sich vertragen. Es gibt Informationen über Krankheiten oder die Möglichkeit, nach Ärzten zu suchen. Man kann ärztliche Befunde speichern oder sie von Ärzten oder Krankenhäusern in die Krankenakte einfügen lassen. Jeder Nutzer kann seinem Arzt erlauben, ganz oder teilweise in die Akte zu schauen. All das ist kostenlos. Google finanziert den Dienst über Werbung.

"Unser Ziel ist der selbstinformierte und selbstbestimmte Patient", sagt Google-Chef Eric Schmidt. Millionen Menschen nutzten die Google-Suchmaschine, um medizinische Informationen zu bekommen. "Und die meisten dieser Menschen vertrauen dem Internet mehr als ihrem Arzt", sagt Schmidt.

Bereits seit Oktober 2007 bietet der Softwareriese Microsoft ein ähnliches Produkt mit Namen "HealthVault" an. Dieser "Gesundheitstresor" ist eine Plattform, von der aus man Programme zur Datenverwaltung wählen und kombinieren kann. Auch "HealthVault" gibt es bisher nur in den USA. "Wir sind dabei, für Deutschland ein eigenes Geschäftsmodell zu entwickeln", sagt Jens Dommel, Bereichsleiter Gesundheitswirtschaft bei Microsoft. Derzeit liefen die Marktforschung und die Suche nach Kooperationspartnern wie beispielsweise Krankenkassen. "Wir wollen die Menschen unterstützen, ihre eigenen Gesundheitsmanager zu werden", sagt auch Microsoft-Manager Dommel.

Mehr Sensibilität für die Gesundheit

Diese "wissenden Patienten", wie er sie nennt, muss man sich so vorstellen wie den wissenden Bankkunden, der seine Aktienkurse am Computer beobachtet. Nur dass es die Kurve des Blutdrucks, des Cholesterinspiegels oder des Körpergewichts ist, die sich am Bildschirm aufbaut. "Damit steigt die Sensibilität für die eigene Gesundheit", glaubt Dommel.

Ist das so? Will jeder Patient wissend sein? Und: Kann er die Daten wirklich überblicken? Vor allem aber: Will er seine Krankenakte ins Internet stellen, auch wenn sie durch ein Passwort geschützt ist? Selbst bei Google und Microsoft ist man sich nicht sicher. Beide Unternehmen erproben ihre Programme noch immer in umfangreichen Feldtests. "Die Sicherheit der Daten technisch zu gewährleisten ist kein Problem", sagt Microsoft-Mann Dommel. "Die entscheidende Frage ist, ob die Kunden das nötige Vertrauen zu uns haben."

"Wir wollen wissen, ob eine solche Akte einen Nutzen für die Versicherten hat", sagt auch Birgit Fischer, Vizechefin der Barmer Ersatzkasse. Vor einem Jahr hat die Kasse einen Test begonnen, bei dem ihre Versicherten Daten im Internet ablegen können. Das Programm "LifeSensor" wurde 2005 von der badischen Firma ICW entwickelt. Die Funktionen sind die gleichen wie bei Google und Microsoft, auch das Sicherheitsversprechen ist ähnlich groß. 1000 Barmer-Patienten haben sich bislang auf das Experiment eingelassen. Über ihre Erfahrungen sei noch nichts bekannt, sagt ein Sprecher der Krankenkasse. Die AOK liebäugelt ebenfalls mit einer elektronischen Gesundheitsakte. "Wir prüfen, ob wir das auch anbieten", sagt Jens Hansel, Internet-Koordinator des AOK-Bundesverbands. Derzeit aber seien die Vorbehalte der Versicherten noch sehr groß. Nach Angaben von "LifeSensor"-Hersteller ICW speichern schon mehr als 100 000 Bundesbürger ihre Gesundheitsdaten mit dem Programm. Regionale Arztnetze nutzten es bereits erfolgreich als gemeinsame Datenbasis. Den Patienten kostet ein Jahresabo 60 Euro. "Unser Ziel ist es, damit Geld zu verdienen", sagt ICW-Sprecher Dirk Schuhmann. Später solle das Programm mit der elektronischen Gesundheitskarte bedient werden können.

Technischer Aufwand ist hoch

Bis jetzt aber weiß noch niemand, ob die elektronischen Patientenakten tatsächlich so viele Vorteile haben, wie ihnen zugeschrieben werden. Dafür spricht, dass sich Ärzte besser abstimmen können und Wechselwirkungen von Medikamenten leichter erkannt werden können. Auf der anderen Seite ist der Aufwand für den Betrieb der Systeme deutlich höher als beim alten Papierordner. "Der Kostenvorteil ist nicht nachgewiesen, der Vorteil für die Gesundheit der Patienten wird nur vermutet", sagt AOK-Fachmann Hansel.

Vor allem die Sicherheitsbedenken machen die elektronischen Patientenakten so umstritten. "Es ist ein Unterschied, ob Daten weltweit verfügbar sind oder nur in einem begrenzten Raum wie einer Arztpraxis", sagt Dietmar Müller, Sprecher des Bundesdatenschutzbeauftragten. Der Grundgedanke der elektronischen Gesundheitsakten sei zwar nicht schlecht. Medizinische Daten seien aber noch sensibler als Bankdaten, weshalb die Sicherheit noch höher sein müsse. Mit der elektronischen Gesundheitskarte und der Patientenakte etabliere die Bundesregierung ein System, das dem gerecht werde.

Martin Grauduszus, Chef der Freien Ärzteschaft, wirft dem Staat und den Krankenkassen "Datengier" und "Größenwahn" vor. Es gehe ihm nicht darum, den Einsatz von Computern zu verteufeln, beteuert er. "Sind aber medizinische Daten erst einmal an einem Ort gebündelt, wie es ja die elektronische Patientenakte vorsieht, weckt das Begehrlichkeiten." Der Staat wolle immer mehr über seine Bürger wissen. Und nicht nur der Staat: Auch Versicherungen, Pharmafirmen oder die Arbeitgeber von Patienten haben Interesse an deren Daten. Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, warnt: "Wir Ärzte sollten genau prüfen, wie die vom Gesetzgeber vorgesehene elektronische Vernetzung von Praxen, Krankenhäusern und Apotheken ausgestaltet wird."

Bisher hätten die Patientenakten immer beim Arzt oder im Krankenhaus gelegen, sagt der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, Leonhard Hansen. "Man kann es so sehen, dass der Patient mit der elektronischen Gesundheitskarte jetzt zum ersten Mal wirklich selbst Herr seiner Daten wird." Hansen wird am Donnerstag bei dem kleinen Festakt in Düren natürlich dabei sein.