Berliner Spaziergang

Der Unruhestifter

Müssen wir uns um ihn sorgen? Jahrzehntelang galt er als Unruhestifter der deutschen Publizistik, als einer, der aneckte, wo er nur konnte, der mit dem scharfen Messer seines Intellekts wenige verschonte. Natürlich kommen seine Sätze nach wie vor wie Schüsse aus der Wortkanone. Aber, aber ...

"Stellen Sie sich vor", sagt Autor und Journalist Henryk M. Broder fast ein wenig wehmütig, "früher hatte ich bei Lesungen 90 Prozent der Zuhörer gegen mich. Heute sind 90 Prozent auf meiner Seite."

Das muss ihm zu denken geben. Was hat er falsch gemacht?

Wahrheiten für die Ewigkeit

Treffen mit Broder im Wintergarten des Literaturhauses an der Fasanenstraße. Es ist zwölf Uhr mittags. Zum Frühstücken ist er noch nicht gekommen. "Ich brauche lange, um morgens zu mir zu finden. Das Aufstehen ist für mich harte Arbeit." Sein Tag beginnt mit einem Blick auf "Spiegel online" und auf www.achgut.com . Letzteres ist ein publizistisches Netzwerk, das von Broder und zwei Kollegen installiert wurde. Es steht für "Achse des Guten" und ist ein Forum namhafter Autoren. In der vergangenen Woche zum Beispiel schreibt Tobias Kaufmann an den hessischen SPD-Hoffnungsträger Thorsten Schäfer-Gümbel: "Lieber Herr Schäfer-Gümbel, ein sinkendes Schiff ist noch keine Marine ..." Das sind Wahrheiten für die Ewigkeit.

Broder erzählt, dass er kein großer Spaziergänger ist. "Meine Familie leidet darunter, dass ich nie Strecken zu Fuß zurücklege, die länger als 500 Meter sind. Aber die auch nur, wenn nach dieser Distanz ein Café oder eine Kneipe ist, wo man sich erholen kann." Das ist, denke ich, die ideale Voraussetzung für einen Sonntagsspaziergang. Mir fällt der Schriftsteller Wladimir Kaminer ein, der eigentlich keinen Schritt machen wollte und unsere Zusammenkunft in einem besseren italienischen Restaurant zu einem "Spaziergang durch die Speisekarte" umfunktionierte.

Heute ist Broder laufbereit. Wir werden es auf geschätzte drei Kilometer bringen - aus seiner Sicht eine heroische Leistung. Der Publizist und "Spiegel"-Autor möchte mit mir den Kurfürstendamm entlanglaufen. Das ist ungewöhnlich. Die meisten Flaneure wählen den Gendarmenmarkt, das Brandenburger Tor, das Holocaust-Mahnmal oder den Hackeschen Markt.

In West-Berlin fühlt er sich wohler als im Ostteil. "Ich möchte da nicht immer sein", sagt er, "fahre da zwar gern mal zu Terminen, aber bin auch froh, wenn ich wieder hier bin." Broder wohnt im bürgerlichen Schmargendorf. Als junger Mann war er mal in Ost-Berlin. "Das roch da wie früher in Kattowitz - nach Braunkohle und Desinfektionsmittel. Auch nach Rouladen. Es war ein Déjà-vu-Erlebnis, das einen nicht mehr bedroht. Trotzdem furchtbar. Wenn ich heute da hinfahre, ist es wie ein Ausflug, warte immer darauf, an der Grenze angehalten zu werden. Dieses beklemmende Gefühl werde ich wohl nicht los."

Manchmal läuft (!) er von seiner Wohnung zum Roseneck und setzt sich in die "Wiener Conditorei". Der Kuchen dort ist wunderbar, irgendwie auch die Porsche-Cayenne-Fahrer, die mit ihren im Sonnenstudio gegerbten Dieter-Bohlen-Gesichtern und aufgerissenen Hemden auch im Winter auf der Terrasse sitzen. "In Berlin kann man rumlaufen, wie man will - man wird kaum zur Kenntnis genommen. Am Bahnhof Zoo lief mal eine junge Frau im Pelz rum, hatte nichts drunter. Keiner hat geguckt. Nur ich. Hin und wieder laufe ich mit meinem türkischen Fes herum, weil ich denke, irgendjemand wird mich doch mal ansprechen. Macht aber niemand. Allenfalls Touristen aus der Provinz sind leicht irritiert und mustern mich. Zu einem Herrn, der sich an meiner Kopfbedeckung störte, sagte ich: "Erschrecken Sie nicht, in zehn Jahren tragen Sie auch so was."

Wir laufen zur Lewishamstraße, die nicht zu den beschaulichsten Straßen Berlins gehört. Hier fühlt sich Broder wohl. Vor allem nachts. Denn hier ist, inzwischen stadtbekannt, ein Obst-Gemüse- und Lebensmittelladen, der auch nachts geöffnet hat. Ein Russe offeriert köstlichen Käse und Brot. Eine Anlaufstelle für Nachteulen und passionierte Späteinkäufer. "Das gibt es nur in Berlin. Versuchen Sie mal in Köln, nach Geschäftsschluss eine grüne Gurke zu kaufen ..."

Ein Plädoyer gegen die Toleranz

Henryk M. Broder hat ein neues Buch geschrieben. Es heißt "Kritik der reinen Toleranz". Für den Berliner wjs-Verlag von Wolf Jobst Siedler junior ein weiterer Bestseller nach "Hurra, wir kapitulieren! Von der Lust am Einknicken". Das neue Werk aus Broders Schriftstellerei, das ihm jetzt für ihn so ungewohnten Zuspruch einbringt, ist ein Plädoyer gegen die Toleranz. "Ich halte Toleranz für keine Tugend, sondern für eine Schwäche - und Intoleranz für ein Gebot der Stunde", sagt er. Das sitzt!

Das Buch richtet sich gegen Menschen und Kulturen, die Toleranz erwarten, aber selbst zu Toleranz nicht bereit sind. "Toleranz ist eine Haltung, mit der sich viele gern schmücken", schreibt er, "wenn aber ,Ehrenmorde' als normale Verbrechen gelten, wenn Terroristen zu ,Widerstandskämpfern' werden, wenn ein Regierender Bürgermeister die Teilnehmer einer Sadomaso-Fete persönlich begrüßt und ein rechtskräftig verurteilter Kindermörder Prozesskostenhilfe bekommt, um einen Prozess gegen die Bundesrepublik führen zu können, weil ihm bei der Vernehmung Ohrfeigen angedroht wurden - dann wird Toleranz zu einem gesellschaftlichen Selbstmord auf Raten." Im Fadenkreuz seiner Kritik stehen vor allem die Gutmenschen. Ein alter Freund von Broder, der inzwischen verstorbene Eike Geisel, hat den Begriff mitgeprägt und in die Welt gesetzt. "Was macht den Gutmenschen eigentlich aus?", frage ich Broder. "Der Gutmensch ist nicht wirklich gut, weil er Gutes nur symbolisch tut. Er unterstützt Brunnenprojekte in Afrika, hat ein Patenkind in Somalia, trinkt Kaffee nur aus dem Dritte-Welt-Laden und kauft Hemden, deren Baumwolle garantiert nicht von Kinderhand gepflückt wurde."

Er erzählt von seinem Disput mit dem Symphonieorchester Osnabrück, das kulturelle Kontakte zum Iran unterhält, um das System von innen her aufzudröseln, wie es heißt. Alle sind getrieben von hehren Grundsätzen. Im Konzertsaal spielen sie auf, und draußen werden Schwule an Baukränen aufgehängt und Frauen gesteinigt. "Ich habe die Musiker gefragt, ob sie mir eine Diktatur nennen können, die nach einem Konzert zusammengekracht wäre ..." Das Schweigen der Gutmenschen. Einmal hat sich Broder mit der Schauspielerin Iris Berben angelegt, die plötzlich zur "Gesinnungsüberlebenden" (Broder) wurde und ankündigte, sie werde zum jüdischen Glauben übertreten, wenn Israel ernsthaft in Gefahr sei. "Na", sagt Broder, "diese Androhung wird die Araber bestimmt zutiefst geschockt haben."

Dass sich Broder nicht viel Freunde gemacht hat, zeigt seine große Sammlung von Prozessakten. Er streitet gern und macht daraus ein Spektakel. "Ich selbst bin ganz friedfertig", sagt er, "ich habe nur zwei bis drei Prozesse geführt. Es ging immer um Plagiate. Ansonsten kann mich jeder als Volltrottel beschimpfen - das ist mir völlig egal. Meistens werde ich verklagt. In erster Instanz darf die andere Seite gewinnen. Ich lasse sie zappeln, um sie in nächster Instanz plattzumachen." Gewonnen hat er auch einen Prozess gegen seinen Spezi Melzer, der eigentlich Broders Prozesskosten übernehmen müsste. Aber weil der Verleger zahlungsunfähig ist, soll Broder nun dessen Prozesskosten übernehmen. Das ist für einen, der erklärtermaßen kein Gutmensch ist, ein Schlag ins Gesicht.

Gewaltmarsch an die Kantstraße

Wir sind jetzt auf der Kantstraße. Für Broder ist das schon ein Gewaltmarsch. "Ich schätze mal, dass Sport in der Schule nicht Ihre Lieblingsdisziplin war?", frage ich. Er guckt mich etwas ratlos an: "Sport? Da habe ich mich selbst befreit. Bin einfach nicht hingegangen. Hätte eigentlich eine Sechs bekommen müssen. Aber sie haben mir eine Fünf gegeben - nehme an, weil meine Mutter im KZ war. Erstaunlich, wovon man so profitiert im Leben."

Man könnte vermuten, Broder hätte mit Fernsehen nix am Hut, läge damit aber falsch: "Bin ein manischer Gucker, vor allem das Vorabendprogramm - ein Spiegelbild unserer Gesellschaft: "Leute heute", "Hallo Deutschland", "Explosiv", "Exclusiv", "Brisant" und so weiter. Und ich bin süchtig nach "Desperate Housewives". War da mal auf einer Lesung, die ich wegen der Serie vorzeitig verließ. Neben mir saß Fürstin Gloria von Thurn und Taxis. Ich beichtete ihr den Grund meines Aufbruchs. Sie konnte das gut verstehen. Harald Schmidt übrigens ist für mich ein Gigant. Selbst wenn der mal gelangweilt und ungehalten ist, ist er noch besser als alle anderen."

Die Kneipenboheme genoss er

Savignyplatz! Broder läuft über seine Verhältnisse. Er zeigt mir das Haus, in dem früher sein Freund Fred Viebahn wohnte, bei dem er während seiner Berlin-Besuche unterkam. "Da oben vom Balkon aus beobachteten wir die Demos auf der Kantstraße, nahmen quasi die Parade ab." Er machte bei den 68ern nicht aktiv mit, genoss aber die Kneipenboheme: "Diener", "Zwiebelfisch" - und die "Drehscheibe" in der Pfalzburger Straße. "Da verkehrten viele Mitglieder der SEW. Die lebten im kapitalistischen Westen und schwärmten von den Segnungen des Sozialismus im Osten. Reiner Irrsinn."

Irrsinnig und amüsant zugleich findet Broder die Worthülsen unserer Sprache: "Mein Lieblingswort ist der ,Eventmanager', auch der ,Insolvenzverwalter'." Man könnte noch Begriffe wie "Zeitfenster", "zeitnah", "ein Stück weit ..." oder "Leerverkäufe" dazunehmen.

Über sein Elternhaus kann Broder nicht viel erzählen. "Es war schrecklich langweilig", sagt er, "Vaters Fürsorge für mich bestand darin, dass er meinen Freundinnen sagte, ich sei der Falsche für sie. Und wenn ich spät nach Hause kam, stand Mutter an der Tür mit ihrem beleidigten Gesicht und sagte: ,Warum tust du mir das an?'."

"In meinem Elternhaus ging es immer nur darum, was nützlich war. Hässlich konnte es sein. Keine Spur von Ästhetik oder gar Genuss. Von Wein habe ich noch heute keine Ahnung. Bei Wodka kenne ich mich aus. Finnischer und isländischer ist besonders gut. Aber Alkohol ist für mich irrelevant. Ich trinke nicht, ich rauche nicht. Ich liebe nur Cremeschnittchen. Und Frauen. Da gibt es drei Kriterien. Erstens: Aussehen. Zweitens: Aussehen. Drittens: Sie müssen mich gut finden. Dann können wir über die inneren Werte sprechen."

Ein "unheimlich peinlicher" Vater

Broder hat eine Tochter, die ist 20 und studiert. Ihr Abi machte sie mit 1,3. Das ließ den Alten skeptisch werden: "Da stellte sich mir die Frage der Vaterschaft." Bis vor etwa zwei Jahren fand die Tochter ihren Vater "unheimlich peinlich". "Ich konnte machen und sagen, was ich wollte - alles war ihr peinlich. Einmal drohte ich damit, sie in die Disco zu begleiten. Sie war entsetzt. War aber nur ein Spaß. Wenn ich da aufgetaucht wäre, hätten die Türsteher doch gemeint, ein Altenheim wäre abgefackelt."

Am Savignyplatz finden die Hunde der Anwohner ein stilles Örtchen. "Wir hatten auch mal einen Hund", sagt Broder, "dem haben wir das Leben gerettet, als ihn allerliebste Palästinenserkinder aufhängen wollten. War ein Mischling, halb Kna'ani, halb Saluki, eine Windhundrasse, die so gut wie nie bellt. Wir haben ihn Itzig genannt. Das ist der alte Schmähname für Juden. Itzig hat nur gebellt, wenn er orthodoxe Juden oder Araber sah."

Träume, Herr Broder? "Ja, zwei sogar. Ich würde gern das Bundesverdienstkreuz bekommen. Da könnte ich die Rede meines Lebens halten. Nicht so ein mickriges Gestammel wie Reich-Ranicki, als er den Fernsehpreis nicht annahm. Zweites: Ich möchte - jetzt in meinem Alter - eine Vorladung zur Musterung bei der Bundeswehr bekommen. Das stelle ich mir großartig vor."

Über die Knesebeckstraße gehen wir zum Kurfürstendamm zurück. Broder hat noch einen Termin. Bei einem Anwalt.

Henryk M. Broder: Geboren 1946 als Sohn jüdischer Eltern in Kattowitz (Polen). Das M. stand ursprünglich für Marcin, bevor es in Modest umgewandelt wurde. Aufgewachsen in Polen, Wien und Köln. Abitur und Studium der Volkswirtschaft und Sozialpsychologie. Autor der "St. Pauli Nachrichten", später in diversen seriösen Medien (WDR, Zeit, SZ). Moderator der Berliner Talkshow "Leute" (mit Elke Heidenreich). Seit 1995 Autor des "Spiegels", Kolumnist der "Weltwoche" und Verfasser zahlreicher Bücher, darunter "Der ewige Antisemit", "Die Irren von Zion", "Schöne Bescherung", "Kein Krieg, nirgends. Die Deutschen und der Terror", "Hurra, wir kapitulieren". Gerade erschienen: "Kritik der reinen Toleranz" (wjs Verlag). Broder ist Mitglied des Journalistennetzwerks "Achse des Guten". Sein Motto: "Warum denn sachlich, wenn es auch persönlich geht?" Broder lebt in Berlin.