Afrika

Kontinent der ungelösten Konflikte

Afrikas Herz blutet. Der Kern des Kontinents mit den Staaten Demokratische Republik Kongo, Zentralafrikanische Republik, Sudan und Tschad versinkt seit Jahrzehnten immer wieder in einem Sumpf aus Krieg und Gewalt. Zuletzt flammten die Kämpfe im Osten Kongos wieder auf. 250 000 Menschen sind aktuell auf der Flucht.

- In den drei Kriegen im Kongo und seinen Nachbarstaaten starben seit 1996 insgesamt fünf Millionen Menschen.

Und vor der Küste Somalias, einem Land, in dem jegliche staatliche Ordnung und Autorität in einem Gewirr aus Milizen und Rebellenclans verloren gegangen ist, entführen moderne Freibeuter nach Gutdünken Frachter und Kreuzfahrtschiffe.

Das blutende Herz Afrikas ist eine riesige Wunde, die dem gesamten übrigen Kontinent das Leben schwer macht. Allein die vier erwähnten Staaten mit seit 15 Jahren andauernden Kriegen, haben zusammenhängend eine Fläche von gut sieben Millionen Quadratkilometern. Das entspricht ungefähr der Größe Brasiliens.

Die 53 unabhängigen Staaten Afrikas umfassen insgesamt rund 30 Millionen Quadratkilometer. Rund ein Fünftel der Landfläche der Erde. In diesen Staaten leben derzeit rund 950 Millionen Menschen. Das Bruttoinlandsprodukt beträgt im Schnitt 970 Dollar. Das heißt, die Menschen haben drei Dollar am Tag zum Leben.

Positive Ansätze von Gewalt überlagert

Dabei ist der Kontinent reich an Bodenschätzen. Sehr reich sogar. In vielen Ländern gibt es üppige Goldvorkommen, im Süden und im Westen auch Diamanten. Im Sudan und im Kongo schlummert das für die Handyproduktion wertvolle Coltan im Boden. Länder wie Nigeria gehören zu den größten Öl- und Erdgasproduzenten der Welt. Simbabwe wiederum wird auch als Kornkammer Afrikas bezeichnet. Und dennoch warnt gerade dort das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen vor einer verheerenden Hungersnot. Knapp die Hälfte der Bevölkerung hat im Land des Despoten Robert Mugabe zu wenig Nahrung zum Überleben.

In den vergangenen Jahren gab es viele positive Entwicklungen in Afrika: Die Staaten haben sich zu einer Afrikanischen Union nach dem Vorbild der EU zusammengeschlossen, um besser auf Krisen reagieren zu können. Der Erfolg blieb aber mäßig. Kleine Länder wie Ghana sind Vorbilder in Sachen Demokratie und Wirtschaftswachstum - mit einem Pro-Kopf-Einkommen von mehr als 3200 Dollar. Mosambik an der Westküste hat die Transformation zu einem stabilen, demokratischen Staat nach einem der fürchterlichsten Bürgerkriege der afrikanischen Geschichte geschafft.

Doch Bürgerkriege und zunehmende politische Gewalt, wirtschaftlicher Stillstand oder sogar Kollaps verbunden mit erbärmlicher Armut und Hungersnöten, grassierende Epidemien wie Aids und schließlich starke Tendenzen von Staatsverfall überlagerten die positiven Ansätze.

Aktuell werden auf dem afrikanischen Kontinent laut Arbeitsgemeinschaft für Kriegsursachenforschung der Universität Hamburg (Akuf) elf Kriege und bewaffnete Konflikte geführt (siehe Karte). Die Unterscheidung, erklärt der Afrika-Experte der Akuf, Wolfgang Schreiber, besteht per Definition darin, dass bei Kriegen immer ein Staat beteiligt sein muss und sich die bewaffnete Auseinandersetzung kontinuierlich über einen längeren Zeitraum erstrecken muss.

Der schlimmste dieser Kriege findet mit wenigen Unterbrechungen seit 1996 im Kongo statt. Hintergrund ist der Hass nach dem Völkermord in Ruanda 1994. Damals wurden je nach Schätzungen 500 000 bis 750 000 Tutsi von Extremisten der Hutu erschossen, mit Macheten erschlagen oder erstochen. Fünf Millionen Menschen sind bei diesen Kriegen bereits gestorben. Jetzt flammen die Kämpfe wieder auf. Angestiftet hat sie der Rebellen-General Laurent Nkunda. Ein Warlord. Er rechtfertigt die Gewalt damit, dass die Tutsi-Minderheit im Osten des Landes von radikalen Hutu-Milizen bedroht wird, von denen manche an dem Gemetzel in Ruanda 1994 beteiligt waren. Der General sagte gestern, er werde bald die Macht über das gesamte Land übernehmen und Kongo in fünf Jahren unter seiner Führung im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sitzen.

Sorge vor neuem Zentralafrika-Krieg

Afrika-Experte Schreiber nennt diese Vorstellungen "Größenwahn". Aber das sei häufig anzutreffen im Kongo. Nkunda wolle die Macht in der Hauptstadt. Vor seiner Rebellen-Karriere war er General in der desolaten kongolesischen Armee. "Da wird man nicht reich", sagt Schreiber. "Also versucht er, mit seiner Miliz über den Kampf an die Macht in Kinshasa zu kommen." Die schwache Regierung dort gerät deshalb schwer unter Druck und hat beim südlichen Nachbarstaat Angola um Hilfe gebeten. Die Folge könnte ein neuer Zentralafrika-Krieg sein, wie er schon einmal 1998 bis 2000 geführt wurde. Damals waren sechs Staaten der Region an den Kämpfen beteiligt. Dabei ging es vor allem um Macht und den damit verbundenen Zugriff auf die immensen Rohstoffreichtümer der Region. Das ist auch der Grund für die Gewalt im Sudan. 2003 erhoben sich dort Rebellen gegen die Zentralregierung in der Hauptstadt Khartum. Seitdem kamen 300 000 Menschen ums Leben. Rund 2,7 Millionen wurden vertrieben - die meisten davon von den arabischen Reitermilizen, den "Dschandschawid" - "und das alles", sagt Rolf Hofmeier vom Institut für Afrikakunde (IAK) in Hamburg, "im Auftrag der sudanesischen Regierung".

Ein Friedensvertrag beendete 2003 den 21 Jahre dauernden Bürgerkrieg im Süden des Sudan. Der Deal sah so aus: Autonomie für die Rebellenregion sowie 50 Prozent aus den milliardenschweren Öleinnahmen des größten Erdölproduzenten Afrikas. "Doch das fanden die Volksgruppen in Darfur ungerecht", sagt Hofmeier. "Sie fühlten sich um ihren Anteil betrogen, bildeten Rebellengruppen, um bei der Regierung ihre Ansprüche anzumelden". Womit sie nicht gerechnet hatten war, dass die Regierung ihnen die Dschandschawid auf den Hals hetzen würde. "So geriet der Aufstand der Stämme in Darfur völlig außer Kontrolle". Die UN klagte die Regierung in Khartum vor drei Jahren als "Terrorregime" an und bezeichnete die Vorgänge in Darfur als "Völkermord".

Inzwischen sind rund 8000 UN-Soldaten in der Region stationiert. Es sollten eigentlich 26 000 sein. Doch bislang konnten sich die UN-Mitglieder nicht einigen, wer die Soldaten stellen soll. Doch auch diese "Unamid"-Truppe hat dafür gesorgt, dass die schlimmsten Exzesse aufgehört haben. Am vergangenen Wochenende kam es jedoch wieder zu heftigen Kämpfen.

Viele Kämpfe hat auch Somalia gesehen, das Rückzugsgebiet und die Operationsbasis der Piraten am Horn von Afrika. In Somalia führt die schwache Zentralregierung in Mogadischu einen Krieg gegen islamische Rebellen. Inzwischen steht die Regierung vor dem Zusammenbruch, weil die Aufständischen weite Teile im Süden des Landes unter ihre Herrschaft gebracht haben.

22,5 Millionen HIV-Infizierte

Die Rebellen der Organisation Al Schabab (Die Jugend) rückten am Wochenende auch in der Hafenstadt Barawe ein und stehen nur noch 16 Kilometer vor der Hauptstadt Mogadischu. Eine zweite Gruppe, der als gemäßigter geltende Rat der Islamischen Gerichte, kämpft ebenfalls um die Macht in Mogadischu. Der seit 17 Jahren andauernde Zerfall jeder staatlichen Ordnung in Somalia begünstigt die Aktivitäten der Piraten vor der Küste des ostafrikanischen Landes, die allein in dieser Woche schon acht Schiffe gekapert haben. Russland forderte jetzt sogar die Nato und die Europäische Union auf, die Stützpunkte der somalischen Piraten an Land anzugreifen.

Ein Brennpunkt in Westafrika ist der Konflikt um die Ölförderung in Nigeria. Dort rief die Bewegung für die Emanzipation des Niger-Deltas im September einen "Ölkrieg" aus, bei dem auch immer wieder westliche Konzerne wie Shell angegriffen werden. Ölinteressen bestimmen auch die Politik in Mauretanien, das seit August wieder von einer Militärjunta regiert wird.

Zu all den Kriegen und der Gewalt kommen in weiten Teilen des Kontinents noch extreme Armut und Hungerkrisen. Simbabwe, wo das Despoten-Regime von Robert Mugabe dafür gesorgt hat, dass die gesamte Wirtschaft einschließlich der Nahrungsmittelproduktion am Boden liegt. Mugabe hat alle weißen Farmer enteignet und mit Gewalt aus dem Land verjagen lassen. Jetzt liegen die Äcker brach. Experte Schreiber betont jedoch, dass Afrika trotz allen Elends Fortschritte gemacht habe. "Vor wenigen Jahren noch gab es 20 Kriege auf dem Kontinent. Jetzt sind es elf. Afrika ist wesentlich ruhiger geworden". Im südlichen Afrika gebe gar keine Kriege mehr. Dort ist das größte Problem inzwischen allerdings auch etwas gänzlich anderes, jedoch ebenso tödlich wie Gewehrkugeln: 22,5 Millionen Menschen dort sind mit dem HI-Virus infiziert.