Berliner Spaziergang

"Berlin hat mich überwältigt"

| Lesedauer: 13 Minuten

Unser Morgenpost-Autor Bernd Philipp im Gespräch mit Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité

Auffällig ist es schon, dass oft erfolgreiche Menschen sich als Schüler nicht gerade durch besondere Leistungen hervortaten. Möglicherweise waren sie nicht sehr konzentriert, schauten bereits in eine andere Welt und sahen Zusammenhänge, die die anderen nur ahnen konnten. Angesichts seiner fulminanten Karriere als Neurologe, Hirnforscher und Hochschullehrer kann er heute als Vorstandsvorsitzender der Charité nur lächeln. "Heimatkunde, Diktate und Vokabel-Lernen langweilten mich, was auch dazu führte, dass ich mehrmals die Schule wechseln musste. Erst in den letzten drei Jahren habe ich durch gute Leistungen in den Naturwissenschaften, aber auch in Deutsch und Geschichte Boden gutgemacht und ein Abitur hingelegt, das mir sofort die Zulassung fürs Medizinstudium ermöglichte." Spätzünder nennt man solche Leute. Sie kommen langsam, aber gewaltig.

Wir sind im Charlottenburger Westend verabredet, wollen in der "Wiener Conditorei" früh um halb sieben ein kleines Frühstück zu uns nehmen. Aber um diese Zeit ist das Café noch nicht geöffnet. Auch die Sonne schläft noch. Es ist dunkel. Die Straßen sind leer. Einhäupl will mir seinen Kiez zeigen.

Wir gehen zur Oldenburgallee. Hier hatte der Münchner seine erste Adresse in Berlin. In der Straße wohnt Senator Sarrazin, denkt sich beim Morgenkaffee vielleicht gerade neue Sparmaßnahmen für Hartz-IV-Empfänger aus. Man sagt ja immer: Der frühe Vogel fängt den Wurm.

Mit Knallkörpern Fenster zerschossen

Einhäupl wohnt mit seiner Frau, die auch Ärztin ist, aber nicht praktiziert, sondern Bücher aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, wieder in Westend. Dort, wo jede Straße nach einem Baum benannt ist und auf "...allee" endet.

"Als Kind", erzählt Einhäupl, "habe ich mir in der Garage meines Vaters ein kleines Chemielabor eingerichtet. Da habe ich versucht, das herzustellen, was wohl allen Kindern Freude macht: Knallkörper. Hat nicht immer alles geklappt, manchmal krachte es fürchterlich, und es gingen ein paar Scheiben zu Bruch. Dann hat Vater mir die Ohren lang gezogen, aber verboten hat er mir meine Versuche nie. Ich hatte übrigens auch einen beachtlichen Zoo mit kleinen Tieren. Die Garage wurde so zu einem Ort großer Entdeckungen ..."

Jetzt laufen wir die Marathonallee bis zur Preußenallee, wo am Dienstag (und auch freitags) immer ein schöner Wochenmarkt ist. Um diese Zeit werden natürlich gerade mal die Buden aufgebaut. Wir sind einfach zu früh dran. Schauen mal kurz rein ins Anbetungskloster St. Gabriel, wo die Nonnen den Heiland preisen. "Anbetung ist der Jubel." Eine Karte mit dieser Aufschrift hängt im Aushang des Klosters an der Ecke Bayernallee.

Mein Flaneur erzählt, dass er meistens morgens um halb sieben das Haus verlässt und in die Charité fährt. Heim kommt er erst wieder, wenn die Damen und Herren vom "Heute-Journal" und den "Tagesthemen" längst Feierabend haben. Das Fernsehen ist für ihn ohnehin kein reizvolles Medium. "Mein erstes TV-Ereignis war für mich das WM-Finale von Bern 1954. Ich war mit meinen Eltern bei Freunden, die schon ein eigenes Gerät hatten. Fasziniert hat mich weniger der sportliche Aspekt, sondern die Tatsache, dass man das Ereignis direkt mitverfolgen konnte. Natürlich war ich mit Radiohörspielen groß geworden. Im Bayerischen Rundfunk gab es die Serie ,Gestatten, mein Name ist Cox'. Da habe ich keine Folge verpasst."

Ich erinnere mich daran, dass meine Lieblingsserie die Hörfunkreihe "Es geschah in Berlin" war. Spannende Kriminalfälle. Man kam damals - anders als heute im Fernsehen - ohne Kommissare im Doppelpack, ohne Spurensicherung, ohne DNA-Analysen und ohne Gerichtsmediziner aus, die beim Sezieren ein fröhliches Lied pfeifen, um ihren Frust zu kompensieren. Ohnehin ja eine grauenvolle Vorstellung - morgens wach zu werden und daran denken zu müssen, dass man den lieben langen Tag Leichen piken muss.

Am S-Bahnhof Heerstraße gehen wir links die Heerstraße entlang zum Theodor-Heuss-Platz, der als Platz durch den Autoverkehr nicht so recht wahrnehmbar ist.

Als Einhäupl an die Spitze der Charité berufen worden ist, sprachen die Medien von einer Herkules-Aufgabe, die er auf sich geladen habe. Der Schuldenberg der Charité ist immerhin auf einen zweistelligen Millionenbetrag angewachsen. Eine Menge Geld. Aber vielleicht noch zu wenig, um die Regierung zu veranlassen, ein Rettungspaket zu schnüren.

"Warum haben Sie sich das angetan - und freiwillig so viel Arbeit auf sich genommen?", frage ich ihn. Da muss der dynamische Mann, dem man nicht ansieht, dass er die 60er-Hürde genommen hat, nicht lange nachdenken.

Charité muss sich neu strukturieren

"Die Charité", sagt er, "ist eine der größten Universitätskliniken Europas. Sie hat das Potenzial, auch eine wissenschaftlich führende Einrichtung zu werden. Aber durch Veränderungen wie Fusionen, Entzug von 90 Millionen Landesmitteln, Tariferhöhungen und steigenden Energiekosten hat sie auch gewaltige Belastungen zu bewältigen und muss in kurzer Zeit ihre Probleme lösen, muss sich neu strukturieren. Sonst besteht die Gefahr, dass Politik und externe Berater die Richtung bestimmen. Die Chancen, das zu verhindern und die Zukunft der Charité, die von den Berlinern geschätzt und von der internationalen Wissenschaft geachtet wird, zu sichern, war für mich Grund genug, das Angebot wahrzunehmen."

Dieser "Herkules" - bescheiden, freundlich, aufmerksam, ausgestattet mit Charme und hintergründigem Witz, wie Mitarbeiter ihm bescheinigen - gilt als ein sanfter Macher und zugleich als kompromissloser Entscheider. Als Direktor der Klinik für Neurologie an der Charité (seit 1993) und als Vorsitzender des Wissenschaftsrats (2001-2006) hat er seine Führungsqualitäten unter Beweis gestellt. Ich überlege mir, wie das sein muss, wenn der Chef von Hause aus Psychiater ist. So einem kann man ja kaum was verbergen.

Wir sind die Reichsstraße hochgelaufen und rechts in die Kastanienallee eingebogen, die genau auf den wunderschönen Branitzer Platz führt. Von hier aus sind es vielleicht 200 Meter bis zum Spandauer Damm, wo sich das ehemalige Krankenhaus Westend befindet, das jetzt als DRK-Klinikum Westend geführt wird. Einhäupl fragt mich, ob ich ihn nicht in die Charité begleiten möchte. Das alte Gelände der Klinik sei ein Hort der Medizingeschichte und habe mehrere Nobelpreisträger hervorgebracht.

Berlin ist überwältigend

Eigentlich gehören Krankenhäuser nicht zu den von mir bevorzugten Spazierstätten, aber ich fahre gern mit. Auf der Fahrt dorthin erzählt er mir, dass er 1966 eine Klassenfahrt nach Berlin gemacht hat und untergebracht war in einem Schülerheim in Kreuzberg. "Mein erster Eindruck war überwältigend", erinnert er sich. "Wie es ist, in einer eingeschlossenen Stadt zu leben, konnte man sich ja in München nicht vorstellen. Auch dort zu sein, wo wichtige Abschnitte der deutschen Geschichte stattfanden - von Preußen angefangen bis zur deutschen Teilung und der Wiedervereinigung -, hat mich ungemein fasziniert. Das tut es noch heute. Berlin ist für mich die einzige deutsche Metropole. Frankfurt, Hamburg, München - alles schöne Städte, aber das sind keine Metropolen wie Berlin."

Einhäupl. Ein seltener, ungewöhnlicher Name. "Wo kommt der denn her?", frage ich. "In der Oberpfalz, wo viele meiner Vorfahren Landwirte waren, ist der Häupl die Bezeichnung für einen Kohlkopf. Der Name ist vermutlich ein Hinweis auf die frühere landwirtschaftliche Tätigkeit meiner Ahnen. Wo das ,Ein' herkommt, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es wenige sind, die diesen Namen tragen, und dass sie alle zu meiner Familie gehören." Jahrzehntelang hat er an der Uni gelehrt und in seiner Praxis behandelt. Das macht er - in reduziertem Umfang - auch heute noch neben seiner Vorstandstätigkeit. "Am Patienten bleiben zu können war für mich die wesentliche Voraussetzung dafür, den Job anzunehmen", sagt er.

Ich stelle ihm eine Frage, die was zu tun hat mit seinem Fachgebiet als Arzt (Neurologie, Psychiatrie, Hirnforschung). "Woran müsste ich denn erkrankt sein, dass mein Hausarzt zu mir sagt: ,Bei Professor Einhäupl sind Sie in besten Händen. Wenn einer Ihnen helfen kann, dann der?'"

"Eine ungewöhnlich hypothetische Frage", findet der Professor und führt lächelnd aus: "Da könnte ich Ihnen eine Menge anbieten. Also, gut. Zum Beispiel Parkinson."

"Na, bitte", sage ich, "woran erkennen Sie meine Erkrankung?"

Einhäupl: "Ich sehe das am Gang. Sie haben dann eine ,gebundene Körperhaltung', wie wir sagen. Sie nehmen Ihre Arme nicht mit, schwingen sie nicht. Laufen nach vorn gebeugt. Ihr Gesichtsausdruck ist starr. Ihr Blick geht ins Leere. Sie machen beim Sprechen längere Pausen, reden undeutlich. Sie nuscheln. Die Diagnose ist relativ leicht. Sogar beim U-Bahn-Fahren könnte ein Neurologe schnell Leute mit einer Parkinson-Erkrankung erkennen." Manche wissen vielleicht gar nicht, dass sie diese Krankheit haben.

Parkinson, erfahre ich, ist nicht eine Krankheit, sondern ein Sammelbecken für mehrere Krankheiten: Demenz, Störung des vegetativen Nervensystems, auch Verdauungsstörungen können eine Krankheit begleiten. Die Störungen sind höchst unterschiedlich und unterschiedlich zu therapieren. Es kann Menschen jeden Alters treffen, aber es gibt eine deutliche Zunahme vom 50. Lebensjahr an. Heilen kann man Parkinson nur ganz selten. Aber Medikamente und eine individuelle Therapie können lindernd wirken und den Patienten zu einer respektablen Funktionalität verhelfen.

Experte für Parkinson-Erkrankung

"Ich will mal ein Beispiel nennen. Als ich den Schauspieler Ottfried Fischer vor rund zehn Jahren bewusst auf dem Bildschirm wahrgenommen habe, war ich überzeugt davon, dass der Parkinson hat. Erst vor gut einem Jahr hat er über seine Erkrankung gesprochen. Das war mutig und hilft vielen weniger prominenten Patienten, mit ihrer Krankheit umzugehen."

"Parkinson - warum wollen Sie das denn eigentlich alles so genau wissen?", fragt mich Professor Einhäupl. "Na ja", sage ich, "find ich sehr interessant. Und weil Sie Experte auf diesem Gebiet sind, habe ich mir eben Parkinson ausgewählt ..."

Jetzt zeigt sich der Psychiater Einhäupl. Er meint: "Dann ist ja gut. Hätte ja auch sein können, dass Sie wirklich glauben, an Parkinson erkrankt zu sein, und sich deshalb Informationen einholen, ohne über Ihre Erkrankung zu sprechen. Kommt nicht selten vor!"

Seine Aussage stimmt mich sehr nachdenklich. Als Hypochonder bin ich ja im Grunde dankbar für jeden Hinweis auf eine neue Erkrankung. Aber zu Hause google ich mir sicherheitshalber doch mal Parkinson heraus. Bin sehr angespannt, während der Rechner das Material zusammenstellt. In der Aufregung bemerke ich ein leichtes Zittern der rechten Hand. Wie ich lese, möglicherweise ein Anzeichen für ..." Was mich beruhigt: Professor Einhäupl hat mir auch gesagt, dass man Parkinson heute gut behandeln kann und dass viele Symptome auch bei harmlosen Erkrankungen vorkämen. Übrigens: Alexander von Humboldt, Naturforscher und einer der bedeutendsten Wissenschaftler der Menschheit, litt auch an Parkinson. Wenn das kein Trost ist.

Karl Max Einhäupl: Geboren 1947 in München. Dort aufgewachsen. Nach dem Abitur Studium der Humanmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. 1974 deutsches und amerikanisches Staatsexamen. 1975 Promotion an der LMU mit einer Arbeit zur Kreislaufphysiologie und Biochemie. 1977 klinische und wissenschaftliche Ausbildung am Münchner Klinikum Großhadern. Nach Studienaufenthalt in den USA Habilitation im Fachgebiet Neurologie mit einer Arbeit über Thrombosen der Hirnviren. 1988 Professor an der LMU, Schwerpunkt Neurologische Intensivmedizin. 1992 Direktor der Neurologie an der Berliner Charité. Einrichtung verschiedener Forschungsbereiche (u.a. Diagnostik von Erkrankungen des zentralen Nervensystems). Mitbegründer der "Arbeitsgemeinschaft für Neurologische Intensivmedizin" bei der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. 1998 auf Berufung des Bundespräsidenten zum Mitglied des Wissenschaftsrats Deutschland. 2000 Wahl zum Vorsitzenden der Wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrats. 2001 Wahl zum Vorsitzendes des Wissenschaftsrats. 2008 Wahl zum Vorstandsvorsitzenden der Universitätsklinik als Nachfolger von Detlev Ganten. Die Charité, die 2010 das 300-jährige Jubiläum begeht, hat zurzeit rund 15 000 Mitarbeiter. Professor Dr. Einhäupl praktiziert an der Charité weiter als Neurologe. Er ist parteilos. Verheiratet, Vater von drei Söhnen. Wohnt in Charlottenburg.