Finanzkrise

Die Rettung kam in letzter Minute

Lange Zeit hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Dramatik unterschätzt. Sie wolle den Banken keinen "Blankoscheck" geben, sagte sie noch in der vergangenen Woche. Von Fall zu Fall, hieß es, wolle man die Krise lösen, von einer "kontrollierten Eskalation" war die Rede. Doch davon kann seit dem Wochenende, seit Sonnabendabend, keine Rede mehr sein.

- Denn da platzte der 35-Milliarden-Euro-Rettungsplan für den Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE). Und deshalb trat Angela Merkel schon gestern Nachmittag, einige Stunden vor dem für 20 Uhr angesetzten Krisengipfel, kurz vor die Presse. Einsilbig. Fragen ließ sie nicht zu: "Die Bundesregierung sagt am heutigen Tag, dass wir nicht zulassen werden, dass die Schieflage eines Finanzinstitutes zur Schieflage des ganzen Systems wird", sagte Merkel. "Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind."

Es sind historische Worte. Denn damit hat die Kanzlerin indirekt 511 Milliarden Euro garantiert, die inländische Privatpersonen Ende August auf deutschen Bankkonten liegen hatten. Vorbei ist die Zeit, immer erst dann zu agieren, wenn ein Haus umfällt.

Warnung vor einer Kettenreaktion

Angela Merkel hat vermutlich schon am Sonnabend beim Gipfel in Paris erkannt, dass die Bundesregierung ihre Strategie ändern muss. Zumal Bundesbank-Präsident Axel Weber und der oberste Bankenaufseher Jochen Sanio am vergangenen Montag in einem Schreiben an den Finanzminister deutlich gemacht hatten, was eine Pleite des Münchner Immobilienfinanzierers für den Finanzplatz Deutschland bedeuten würde - in dem Glauben, dass es so weit nie kommen würde. Von einer "Kettenreaktion" an den Finanzmärkten war da die Rede, dem Zusammenbruch des Einlagensicherungsfonds der privaten Banken, der unmöglich würde 17 Milliarden Euro stemmen können. Der gesamte Pfandbriefmarkt, ein wichtiges Refinanzierungsinstrument deutscher Kommunen, würde zusammenbrechen, öffentliche Versorgungswerke in Mitleidenschaft gezogen.

Entsprechend geladen und angespannt war die Lage gestern in Berlin. Alle Krisenmanager waren spontan in die Hauptstadt geflogen: Bundesbank-Präsident Weber, Bankenaufseher Sanio, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Die Kanzlerin wollte das Schicksal des Bankenplatzes Deutschland nicht mehr einer Verhandlungsrunde fernab in Frankfurt/Main überlassen, sondern selbst am Tisch sitzen. Die Zeit drängte: Eine Einigung musste unbedingt vor Öffnung der Börsen in Asien um 2 Uhr hiesiger Zeit erfolgen. Der Druck wirkte: Um 22.56 Uhr kam die erste Eilmeldung: Die Hypo Real Estate wird gerettet. Dem taumelnden Immobilienfinanzierer werden neben dem bisher von Bundesbank und Finanzsektor zur Verfügung gestellten Kreditlinien weitere 15 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Damit werde das Institut stabilisiert und der Finanzplatz Deutschland in schwierigen Zeiten gestärkt, hieß es in einer Erklärung. Der vom Bund zur Verfügung gestellte Bürgschaftsrahmen von bis zu 35 Milliarden Euro bleibe unverändert. Bis zu einer Gesamthöhe von 14 Milliarden Euro trägt der Finanzsektor 60 Prozent und der Bund 40 Prozent der möglichen finanziellen Belastungen, die sich aus einer Inanspruchnahme der Garantie ergeben könnten.

Noch einen Tag vorher war ein zu Beginn der vergangenen Woche vereinbartes, 35 Milliarden Euro schweres Rettungspaket für die HRE kläglich gescheitert. In einer Telefonkonferenz hatte Hugo Bänziger, der Risikovorstand der Deutschen Bank, den zugeschalteten Kollegen mitgeteilt, wie die Lage wirklich aussieht. Das Liquiditätsloch betrage im schlimmsten Fall kurzfristig nicht 15 Milliarden Euro, sondern 20 Milliarden, berichtete Bänziger. Und bis Ende 2008 seien voraussichtlich 50 Milliarden Euro an Kredit notwendig und nicht wie ursprünglich gedacht 35 Milliarden Euro bis Ende 2009.

Die Banker und Bankenaufseher waren fassungslos. Wie konnte es sein, dass sich das Management der Hypo Real Estate so vertan hatte bei seinen ursprünglichen Angaben? Oder war Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) schuld, der schon am letzten Montag von "Zerschlagung" der Hypo Real Estate gesprochen hatte?

Fakt ist, dass die Ratingagentur Standard & Poor's bereits am vergangenen Montag einen weiteren Sargnagel eingeschlagen hatte, als sie die HRE herunterstufte. Denn seither haben Investoren, die Anleihen amerikanischer Kommunen halten, das Recht, im großen Umfang diese an die Hypo Real Estate und ihre Töchter zurückzureichen und dafür im Gegenzug Bares zu bekommen. Liquiditätsfaziliäten nennt sich das. Eine Summe von 15 Milliarden Euro zusätzlich soll es sein. Auch in Bankenkreisen ist der Zorn auf das Hypo-Real-Estate-Management deshalb groß: "Es ist unerklärlich, warum das Management diese Gefahr nicht gesehen hat", sagte einer der Beteiligten.

Staat soll Vertrauen schaffen

Nach Ansicht von Ökonomen und Bankern hätte die Bundesregierung ihre Strategie schon viel früher ändern müssen. "Der Einzige, der jetzt noch Vertrauen schaffen kann, ist der Staat", sagte Dirk Schiereck von der Universität Darmstadt. Für die Kanzlerin und den Finanzminister ist das eine bittere Erkenntnis. Auf einmal lagen Lösungsansätze auf dem Tisch, die so bislang kaum jemand gewagt hatte zu denken. Sogar von Verstaatlichung großer Banken war die Rede.

Die Kanzlerin hatte gestern die Wahl zwischen Pest und Cholera. Allen Beteiligten war klar: Von der Entscheidung muss ein Signal ausgehen. Dabei sind die Wähler, die Bürger, die Sparer gar nicht einmal die alleinigen Adressaten. Entscheidend ist derzeit, den Geldmarkt wieder in Gang zu bekommen. Dort, wo sich die Banken kurzfristig refinanzieren können, passiert seit Freitag vergangener Woche nämlich so gut wie gar nichts mehr.

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