Berliner Spaziergang

Die Verfechterin der Heiterkeit

| Lesedauer: 15 Minuten

Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: Ein Spaziergang mit der Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen

Berliner Spaziergang:

Silvia Bovenschen hat mich gewarnt. "Ich bin ein Risiko", hat sie am Telefon gesagt, mit dieser tiefen, rauchigen Stimme, die ein wenig an Hildegard Knef erinnert. "Ich rate Ihnen von mir ab, aber Sie müssen selbst wissen, was Sie tun."

Es war von Anfang an klar, dass es kein Spaziergang werden würde, höchstens eine kleine Spazierfahrt mit dem Elektroroller, den sie besitzt, seit ihr das Gehen schwerfällt. Und es dauerte, bis wir einen Termin fanden, der nicht mit einem ihrer Arzt- oder Klinikbesuche kollidierte. Noch an diesem Morgen war nicht sicher, ob sie es schaffen würde, gesundheitlich, denn Silvia Bovenschen hat multiple Sklerose - eine Krankheit, so unberechenbar wie ein verletztes Tier.

Ein paar Stunden später stehe ich vor dem Charlottenburger Haus, in dem sie wohnt. Neben der Tür parkt der Elektroroller. Es ist ein heißer Nachmittag, die Straße ist leer, die Sonne hat die Menschen aus der Stadt getrieben.

Es gäbe viele Gründe, um für ein Treffen mit Silvia Bovenschen auch größere Risiken einzugehen als das einer Absage in letzter Minute: Sie hat bei Adorno studiert, ihre Promotionsarbeit "Die imaginierte Weiblichkeit" gilt als Standardwerk des deutschen Feminismus, sie gehört seit Langem zu den angesehensten Literaturwissenschaftlern des Landes. Nach Büchern über Hexen, Mode und Überempfindlichkeit veröffentlichte sie vor zwei Jahren sehr persönliche Reflexionen über ihr eigenes Älterwerden ("Älter werden"), die nach euphorischem Lob von der Kritik zum Bestseller wurden, dieses Jahr erstmals auch Erzählungen. Kurz: Silvia Bovenschen ist eine erfolg- und facettenreiche Intellektuelle, daran besteht kein Zweifel. Doch deswegen bin ich nicht gekommen, auch wenn ich versucht habe, es mir einzureden.

Ich bin hier, weil Silvia Bovenschen nicht nur über das Älterwerden, sondern auch über Krankheit und Tod schreibt. So offen und frei von Selbstmitleid, dass man das Gefühl bekommt, man könnte ihr all die Fragen stellen, die man sich bei Verwandten und Freunden verkniffen hat.

Ich bin hier, weil ich annehme, dass sie weiß, wovon sie spricht.

Ich bin hier, weil sie MS hat.

Die Angst vor dem Verfall aushalten

MS ist eine unheilbare Erkrankung des zentralen Nervensystems. Ärzte nennen sie die "Krankheit mit den tausend Gesichtern", wenn sie Laien das Wesen von MS erklären wollen: Je nachdem, welche Nerven betroffen sind, kann MS zu Seh- und Empfindungsstörungen führen, zu Lähmungen, zu einem Leben im Rollstuhl. Es muss aber nicht so kommen, bei dieser Krankheit ist nur eines sicher: MS zwingt Menschen, sich sehr früh mit einer Frage auseinanderzusetzen: Wie halte ich die Angst vor dem Verfall des eigenen Körpers in Schach?

Der Haken ist nur, dass jemand wie Silvia Bovenschen sich nicht auf eine Krankheit reduzieren lässt, das dämmert mir spätestens in dem Moment, in dem sie die Tür öffnet.

Silvia Bovenschen ist eine Erscheinung, eine sorgfältig komponierte Erscheinung. Sie trägt ausschließlich Beerentöne, Himbeere das Hemd, Brombeere die Hose, Preiselbeere die Schuhe, die Nägel hat sie kirschrot lackiert, passend zum Lippenstift und einer Handtasche, die hinter ihr auf einem Tischchen liegt. Ihre Haare sind akkurat gefärbt, dunkel mit hellen Strähnen, selbst die Brille ist besonders, hellgrün, mit Gläsern, die in der Sonne mitdunkeln. Sie sieht jünger aus als 62 und so, als wäre sie viel unterwegs, auf Vernissagen, Empfängen, unter schicken Menschen.

Sie bittet uns herein, wir reden über den schönen Tag und dass es sich lohnen würde rauszugehen. Als es darum geht, wohin und wie weit, landen wir, schneller als erwartet, das erste Mal bei der Krankheit.

"Mein Radius ist sehr klein geworden", sagt Silvia Bovenschen, während sie ihre Sachen zusammensucht. Sie geht ohne Stütze, in kleinen, vorsichtigen Schritten. "Ich komme schon rum, in verschiedene Kliniken, aber dann bin ich Paket, und eine Stadt muss man sich ja erlaufen."

Sie hat uns in einen großen, mintfarben gestrichenen Raum geführt. Ein Tresen trennt die Küche vom Wohnzimmer, auf mehreren kleinen Tischen stapeln sich Magazine, Ausstellungskataloge und DVDs, an den Wänden hängen großformatige Ölbilder von Sarah Schumann, der Malerin, mit der sie hier seit 2003 lebt. "Wir kennen uns seit 30 Jahren, und wir haben immer gesagt, im Alter ziehen wir zusammen", sagt Bovenschen. "Die Frage war nur: Wann ist Alter? Es ergab sich dann von selbst."

Sie ist eine chronische Untertreiberin: Bei einem Besuch zu Weihnachten bekam Bovenschen einen so schweren MS-Schub, dass sie sich nicht mehr imstande sah, nach Frankfurt zurückzukehren und ihren Haushalt alleine zu führen. "Ich bin dann umgezogen worden. Interessante Erfahrung, wenn du am Telefon gefragt wirst: Willst du diese Unterhose wirklich mitnehmen?"

Schauspielerin wollte sie werden

Es war nicht das erste Mal, dass sich Silvia Bovenschens Leben durch die Krankheit wendete. Eigentlich hatte sie Schauspielerin werden wollen, doch als sie mit Anfang 20 erfuhr, dass sie MS hat, suchte sie einen Job, der sich im Sitzen ausüben ließ. Sie fand ihn an der Universität Frankfurt, wo sie 20 Jahre lang Literaturwissenschaft lehrte. Seit einiger Zeit wirkt die Krankheit in die andere Richtung: Sie führte sie weg von der Wissenschaft.

Als Bovenschen nach ihrem Umzug aus Frankfurt darauf wartete, dass auch ihre Bücher in Berlin eintreffen, wandte sie sich einer Frage zu, für die sie die Bücher nicht brauchte: Wann habe ich schon in jungen Jahren gemerkt, dass ich älter werde? Sie machte sich Notizen über Schönheitsoperationen, "Runzelsex" und andere Sumpfgebiete der Endlichkeit und veröffentlichte sie 2006 unter dem Titel "Älter werden". "Es hat mir Spaß gemacht, ohne Fußnoten zu arbeiten", sagt Bovenschen.

Ihre Bücher sind mittlerweile angekommen, bis auf die Sekundärliteratur, die hat sie schon beim vorletzten Umzug aussortiert. Sie stehen im Flur, der von der Küche abgeht, die Regale reichen bis zur Decke.

"Eigentlich sind sie nur noch Tapete", sagt Bovenschen, ohne dass es bitter klingt. "Ich kann nicht mehr auf Leitern steigen, und ich kann meine liebe Freundin auch nicht für jedes einzelne Buch auf eine Leiter hetzen. Aber die Gesamtausgaben habe ich natürlich schon noch, und wenn ich da was haben will, wird es mir auch heruntergereicht."

Als wir die Wohnung verlassen, bittet Silvia Bovenschen um meinen Arm. Zuerst versuche ich aus Versehen, mich bei ihr unterzuhaken. Sie kommentiert es nicht, wahrscheinlich ist sie ungeschickte Helfer gewohnt, ich werde trotzdem rot. Sie wartet, bis ich den Arm richtig halte, dann hängt sie sich ein.

Vor der Tür steigt sie auf das vierrädrige Elektromobil, das sie nur "das Ding" nennt, und lenkt es aus dem Hauseingang heraus auf den Bürgersteig. "Es macht richtig Spaß", sagt sie, "das muss ich zugeben." Im Schritttempo fährt sie die Straße entlang, ich laufe nebenher, das Aufnahmegerät über ihrem Lenker, wir müssen ein seltsamer Anblick sein.

Ich stelle ihr all die Fragen, die ich mir notiert habe. Und sie antwortet. Sagt, dass sie keine Gralshüterin des Feminismus sein will, dass an 68 einiges gut und vieles furchtbar war, dass sie ekelfest genug ist, um sich von der Romantik in "Feuchtgebiete" rühren zu lassen. Irgendwann frage ich dann, ob sie "Älter werden" aus Angst vor dem Älterwerden geschrieben hat.

"Ich war nie eine, die vor dem Spiegel hockt und guckt, ob da schon wieder 'ne Falte ist", sagt sie und lacht, dann zögert sie kurz - "aber die Angst vor dem Ende ist doch da, vielleicht für ganz fromme Menschen nicht, aber ich bin nicht fromm." Als Silvia Bovenschen zum letzten Mal richtig Angst hatte, Panik besser gesagt, weil die Ärzte nach den Jahrzehnten mit MS auch noch Krebs diagnostizierten, schrieb sie drei Wochen durch. Es waren zum ersten Mal Geschichten, Geschichten übers Verschwinden, die aus Bovenschen, der Wissenschaftlerin und Essayistin, eine Schriftstellerin machten.

Der Tod bringt sie aus der Fassung

Wir gehen im Schatten der großen Bäume am Lietzensee-Ufer entlang, es ist nicht allzu viel los, hin und wieder kommen uns Leute entgegen, die meisten nicken Bovenschen zu, bevor sie vorbeigehen.

Die Hauptfigur in "Verschwunden" sitzt im Rollstuhl und bittet ihre Freunde um Geschichten übers Verschwinden, Silvia Bovenschen hat das nicht nötig gehabt. Sie glaube nicht daran, dass man sich furchtbar viel bewegen muss, um Erfahrungen zu machen, sagt sie. "Wenn man auf einer Party an einem Platz sitzen bleibt, ist das die sicherste Möglichkeit, dass alle irgendwann kommen und mit einem reden." Nur Milieustudien traut sie sich nicht mehr zu, also lässt sie ihre Geschichten in einer Umgebung spielen, die sie kennt - unter Intellektuellen.

Es verschwindet vieles in diesem Buch, Computer, Ringe, Liebhaber, ein rotes Herz, die Intellektuellen selbst, manche Episoden sind traurig, manche verwirrend, andere einfach nur komisch, jedenfalls endet "Verschwunden" mit der extremsten Form des Verschwindens: Eine Frau bringt sich um.

Der Tod also. Wenn Silvia Bovenschen nach dem Tod gefragt wird, verzichtet sie auf die heitere Nüchternheit, mit der sie sonst sogar ihre Krankheit kommentiert: "Es hat mich immer völlig aus der Fassung gebracht, wenn jemand stirbt. Diese Ungeheuerlichkeit, ein wunderbarer Mensch, so einzigartig in seinem Witz, wie er erzählt, wie er lacht, was er sagt, wie er's sagt. Diese geliebte Einzigartigkeit, dass die von einer Sekunde auf die andere verschwunden ist, das hat mich immer sehr umgetrieben, nein, wütend gemacht."

Sie hat irgendwann aufgehört, Gas zu geben, wir stehen mitten auf dem Weg, und für einen Moment sagt keiner was. Der Tod passt nicht zu diesem Tag, zu diesem strahlend blauen Himmel, zu den Mädchen, die ein paar Meter weiter im Bikini in der Sonne liegen. Es ist mir unangenehm, dass Silvia Bovenschen sich meinetwegen genötigt sah, auf ihre Heiterkeit zu verzichten. Ich weiß, dass sie eine große Verfechterin der Heiterkeit ist.

Zusehen, wie der Wind übers Wasser geht

Wenn sie jetzt allein wäre, könnte sie tun, was sie sonst gerne tut: sich Kopfhörer in die Ohren stecken, eine Rossini-Oper hören und zuschauen, wie der Wind übers Wasser streicht. Oder vor zum Stuttgarter Platz fahren und die Frauen mit ihren Kinderwagen beobachten. Aber sie ist nicht allein.

Ich frage sie, ob das Buch erfolgreich war. Ob es die Panik vertrieben hat. "Ja", sagt sie. "Im Moment hab ich keine Panik. Das war wirklich eine Ausnahmesituation." Auch wenn der Krebs sie derzeit in Ruhe lässt, MS allein muss furchterregend genug sein. Bislang ist sie vergleichsweise günstig verlaufen, aber es ist trotzdem möglich, dass sie morgen aufwacht und nicht mehr sprechen kann, nicht mehr schlucken, nicht mehr sehen. "Wenn Sie so lange wie ich diese Krankheit haben, ist die Krankheit irgendwann wie das Leben selbst: alles eine Frist."

Wir sind nicht sehr weit gekommen, 500 Meter vielleicht, aber Silvia Bovenschen wirkt müde. Obwohl das vermutlich am Reden und nicht am Fahren liegt, setzen wir uns auf eine Bank. Sie nimmt die Brille ab und reibt sich die Augen, dann zündet sie sich eine Zigarette an.

Silvia Bovenschen beklagt sich nicht, weder jetzt noch in ihren Büchern. Sie sagt, sie hat das Selbstmitleid aus Selbstschutz gestrichen. "Es ist nicht Tapferkeit, sondern Egoismus, krasser Egoismus. Ich brauche Leute, die mir helfen. Ich will auch, dass mich ein paar Leute mögen. Und manchmal, wenn ich sitze und keine Schmerzen habe, wenn ich mich mit jemanden unterhalte und das Gespräch ist mir angenehm, dann vergesse ich auch meine Gehbehinderung."

In ihren Träumen kann Silvia Bovenschen immer gehen. Das klingt kitschig, aber es ist so. Es bedeute auch nicht, dass die Träume deswegen schön sind. Laufen kann auch Weglaufen sein.

Wir machen uns auf den Rückweg. Vor uns gehen zwei Frauen, eine junge und eine sehr alte, die sich auf ein Rollgestell stützt. Bovenschen überholt sie langsam, in einem großen Bogen, dann gibt sie Gas und fährt den steilen Hügel hinauf zum Ausgang des Parks. Und in diesem Moment fällt es mir gar nicht so schwer zu glauben, was sie von sich behauptet: Sie habe in ihrem Leben nur eines versäumt, und das sei, auf zwei Fingern zu pfeifen.

Silvia Bovenschen wurde am 5. März 1946 im oberbayerischen Point als Tochter eines Diplomingenieurs geboren und wuchs in München, Hannover und Frankfurt/Main auf. Sie studierte Literaturwissenschaft, Soziologie und Philosophie an der Universität Frankfurt und promovierte 1979 mit einer Arbeit über "Die imaginierte Weiblichkeit", heute ein Standardwerk des Feminismus. Danach lehrte sie 20 Jahre lang Literaturwissenschaft an der Universität Frankfurt und veröffentlichte zahlreiche Bücher (unter anderem über Hexen, Mode und Alltagsrituale) sowie Aufsätze zum Werk der Malerin Sarah Schumann. In den Neunzigern war sie drei Jahre lang Jurorin für den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. 2006 erschien der spätere Bestseller "Älter werden", 2008 "Verschwunden" (beides S. Fischer Verlag). Silvia Bovenschen lebt seit 2003 in Charlottenburg. Sie ist an multipler Sklerose erkrankt.