Norderoogsand

Expedition Nordsee

Westlich der Insel Pellworm in der Nordsee liegt der Norderoogsand. Als einer von drei Außensänden im Nationalpark Wattenmeer ist er verbotenes Gebiet – doch ein Stück der Dünen-Insel darf man besuchen

Langsam gleitet die „MS Gebrüder“ an der Sandbank vorbei, Seehunde liegen auf dem Weiß der Bänke, in der Ferne scheinen die Warften von Hallig Hooge über dem Wattenmeer zu schweben. Vorsichtig steuert Johann Hellmann die Barkasse durch die Priele nördlich von Pellworm. Es ist ein Labyrinth; nicht mehr Land, noch nicht Meer. Eine amphibische Zwischenwelt. Im Werden, im Vergehen, in stetigem Wandel. Andreas Hellmann rollt die Seekarte aus und erklärt den verwirrenden Weg, den komplizierten Kurs nach Norderoogsand; der „verbotenen“, geheimnisvollen Insel da draußen.

Prinzipiell sind die Karten, die Andreas Hellmann an Bord der „MS Gebrüder“ zeigt und auf denen er die Route erklärt, recht genau – nur wo genau die Sände sind und wo der Priel, vor allem wie hoch der Sand nach den Frühjahrstürmen angewachsen ist und wie tief das tobende Meer die Rinnen im Winter ausgefräst hat oder eben nicht, das weiß man nicht. Viel Erfahrung und viel Gefühl sind nötig, um durch dieses Labyrinth zu navigieren. Und das Fernglas ist immer zur Hand. Nicht nur, um für die Gäste Kegelrobben und Seehunde zu entdecken. Auch, um im ablaufenden Wasser neue Untiefen zu erkennen.

Wir haben den kleinen Anleger von Hooger Fähre, dem winzigen Pellwormer Hafen auf der Halligseite, längst verlassen, dort eben eine Handvoll Touristen aufgenommen. Norderoogsand ist „verbotenes“ Gebiet – aber ein Stück davon darf man doch besuchen. Andreas und Johann Hellmann samt Vater Siegfried stehen auf der Brücke; blicken auf die See und beratschlagen, Johann steuert das Schiff nach West in Richtung der offenen Nordsee. Sanft schaukelt die Barkasse mit dem ablaufenden Wasser über das Rummelloch, einem der größten Priele im nordfriesischen Wattenmeer.

„Wir fahren hinaus zum Norderoogsand“, sagt Andreas Hellmann. Vor der Küste, über der offenen See, schweben Wolken im heiteren Himmel. Licht und Schatten jagen über das Wattenmeer; mal glänzt das Wasser silbrig wie geschmolzenes Silber, mal ist es drohend und dunkel. Setzt das Licht den Sand in Szene, strahlt er als helles Band am Horizont auf. Hellmanns greifen zum Fernglas. Seehunde; na klar, die sehen sie auch. Aber in Nordwest taucht ein Band aus Sand aus, das immer größer, höher und breiter wird. Verschwindet nicht wieder in den Wellen; ist kein Trugbild, wie es an warmen Tagen den Verstand verwirrt. „Das ist der Norderoogsand“, sagt Andreas und klettert auf das Vordeck.

Zwischen dem Wattenmeer und der offenen See haben Strömung und Brandung Sandbänke aufgeworfen, die nicht mehr dem täglichen Regime von Ebbe und Flut unterworfen sind. Sie sind groß genug, um nicht bei jeder Sturmflut fortgerissen zu werden. Manche sogar sind ein paar Meter aufgewachsen, tragen Dünen und ragen dauerhaft aus der Nordsee auf – dies sind die Außensände. Wie Norderoogsand.

Zu dieser Reihe der äußersten Außenposten Deutschlands in der Nordsee gehören zum Beispiel Trischen vor Dithmarschen (das bereits eine „richtige“ Insel ist) und der Blauortsand ein paar Kilometer vor Büsum, der Süderoogsand und eben dieser Norderoogsand vor dem nordfriesischen Archipel, Japsand und Jungnamensand weiter im Norden. Quadratkilometergroße Sandbänke, die sich von Süd nach Nord erstrecken, zwar wandern auch sie mit der Strömung nach Osten, doch auf den Seekarten sind sie eine feste Größe. Zu ihnen gehört übrigens auch der Strand von Sankt Peter-Ording und der Kniepsand vor Amrum, die – mehr oder weniger – fest mit dem Land beziehungsweise der Insel verwachsen sind; sie sind quasi aufgelaufen.

Die Außensände sind nicht nur für Freizeitentdecker faszinierend, auch für Forscher sind sie ein spannendes Gebiet – die Geburt einer Insel. Der Begriff „Insel“ ist übrigens nicht definiert, die zuständigen Wissenschaftler sprechen bei Norderoogsand von einer „Dünen-Insel“. Manche der Außensände sind deshalb für Besuch komplett tabu – ein Gebiet im Süden von Norderoogsand indes darf man mit den Hellmann-Brüdern besuchen, sie dürfen eine bestimmte Anzahl von Fahrten pro Jahr dorthin unternehmen. Der Vordersteven der „MS Gebrüder“ glänzt im Sonnenlicht und weist auf die Bank zu, auch hier liegen träge ein paar Kegelrobben und eine Menge Seehunde in der Sonne. Immer wieder taucht eine vorwitzige Schnauze aus der See auf. Mit nicht viel mehr als der sprichwörtlichen Handbreit Wasser unter dem Kiel manövriert Johann Hellmann das Schiff an die Sandbank. Andreas Hellmann wirft den Anker auf den Sand.

Hier bläst beständig der ewige Wind

Ein paar Züge am Gas, und das Schiff ruckt an die Sandbank. Über die Planke klettern die Leute hinunter. Eine sonderbare Stimmung empfängt die Besucher. Als der Schiffsdiesel abgeschaltet wird, greift eine Stille um sich, so deutlich, als ob sie nach den Menschen fassen würde. Nur Wasser und Sand und Himmel bis zum Horizont. Sonst ist nichts. Nur der ewige Wind bläst bald leise und beständig über Norderoogsand und treibt kleine Schauer feinen Sandes vorüber. Baut und modelliert an dieser „Insel“, die vielleicht mal eine werden wird.

„Hier unten im Süden erinnert tatsächlich noch nicht viel an eine Insel“, sagt Andreas Hellmann, „aber oben im Norden sind die Dünen schon mehr als drei Meter hoch angewachsen – richtig mit Gras und Brutvögeln, die geht nicht mehr unter. Eine Salzwiese hat sich auch schon gebildet. Das ist alles strengstes Naturschutzgebiet, da dürfen wir nicht hin!“ Vater Siegfried bleibt auf der „MS Gebrüder“ und wir gehen über rippeligen Sand, den das ablaufende Wasser geformt hat. „Dieses Gebiet unterliegt noch dem Einfluss der Gezeiten“, erklärt Andreas Hellmann. Immer kleiner wird das Schiff unter dem hohen Himmel.

Andreas Hellmann vorneweg; der Mann flößt Vertrauen ein und macht neugierig. Wir marschieren im genehmigten Korridor im Süden, zwischen Sand, Sand und nochmal Sand. Unten liegt ein Seehund-Schutzgebiet, das ebenfalls nicht betreten werden darf. Der Mensch ist Gast nur in engen Grenzen, die der Naturschutz erlaubt. Plötzlich klirren die Schritte in Muschelschalen. „Und genau hier ist die Grenze – ab jetzt laufen wir, wenn du so willst, über die Insel. Mit dem Spülsaum der Muschelschalen haben wir das eben noch von den Gezeiten beeinflusste Gebiet verlassen und sind auf dauerhaft trockenem Hochsand.“

Sagt Andreas und schlägt einen Bogen gen West. Maximal zweieinhalb Kilometer ist Norderoogsand breit – und sieben Kilometer lang. 1999 tauchten die ersten Dünen auf, seitdem spricht man von einer „(Dünen)-Insel“ – das Dünen-Areal ist inzwischen auf 18 Hektar angewachsen. „Lass uns hinunter an das Watt im Westen gehen“, schlägt er vor. Das Brandungsrauschen wird immer lauter, während es im Windschatten still und beinahe warm war. Das Wasser ist kabbelig, die weißen Gischtkronen strahlen in der Sonne, Möwen stehen auf dem Bilderbuchstrand, ein paar Austernfischer laufen aufgeregt herum. Und Johann Hellmann läuft durch knietiefes Wasser, den Bick beständig nach unten. Priele glitzern unter der Sonne, klagendes Möwengeschrei hängt in der Luft, Schiffe schweben wie eine Fata-Morgana durch den flirrenden Himmel über der See.

Johann Hellmann greift in seine Jackentasche und zeigt, was er gefunden hat – Bernsteine, und die nicht zu knapp. Goldig funkelnd liegen sie in seiner Hand. „Geht ins Watt und schaut in das Wasser zwischen den Sandrippeln, dort wo sich der schwarze Sand abgelagert hat, könnt ihr Bernstein finden!“ Tatsächlich funkelt es – schaut man geduldig und genau hin – im Sonnenlicht. Zeit dafür ist während der Exkursion nach Norderoogsand genug, anderthalb Stunden Aufenthalt und woanders kann man eh nicht hin. Also spazieren gehen – Hellmanns immer im Blick – in weltverlorener Einsamkeit. Die Silhouetten der Leute heben sich so scharf wie ein Scherenschnitt vor dem silbrig-glänzenden Watt ab.

Wir müssen zurück. Letzte Lagunen ragen in die Sandwüste, Sandrippel schon halb zugeweht, dann ist wieder nur endloser Sand, in den unsere Schritte schlagen. Letztes, vom Wind vorübergetragenes Möwengeschrei begleitet die paar Leute. Vorn am Meer stiebt ein Schwarm Knutts auf, Zugvögel auf dem Weg nach Norden, die Vögel führen einen irren Tanz auf, drehen sich im Schwarm und flattern dann wie Konfetti im Wind davon. Ganz in der Ferne ist vom höchsten Punkt die Turmruine des Pellwormer Kirchturmes zu erkennen, davor zwei einsame Wanderer – auch sie seltsam irreal wie ein Trugbild. Auf einer weiten, windigen, ebene Fläche am Ende der Welt.

Im Zickzack-Kurs geht’s durch Priele

Es ist eine seltsame Mischung an Gefühlen, hier draußen unterwegs zu sein – Faszination, völlig klar, und Freiheit sowieso, Entdeckerfreuden und Exklusivität. Das schaurig-schöne Wissen, dass nur das kleine Schiff den sicheren Rückweg garantiert. Robinson auf Zeit. Dies ist kein Ort für Menschen – und gerade deshalb ist es so spannend. Es ist unbegreiflich. Draußen im Priel dümpelt die „MS Gebrüder“, unsere Versicherung, und selten hat es so viel Freude gemacht, ein Schiff, „unser“ Schiff, wiederzusehen. Johann stakt mit dem kleinen Beiboot hinüber, dunkel liegt das Wasser im Wolkenschatten, die unablässig vorüberjagen. Langsam tuckert die Barkasse an den Strand, die Leute klettern über die schwankende Planke an Bord, starke Arme helfen hinauf.

Zurück bleibt eine Welt; so fern, so fremd. Johann Hellmann steuert die „MS Gebrüder“ mit auflaufendem Wasser über das Rummelloch zurück Richtung Pellworm. Es geht im Zickzack-Kurs heimwärts, noch ist die See nicht hoch genug aufgelaufen, um die Direkte zu nehmen. Zeit und Chance für ein bisschen Sightseeing; in der Ferne ist das Vogelwärterhäuschen der Hallig Norderoog auf Stelzen zu erkennen. Strand kommt in Sicht und große Kolonien von Seehunden.

In einer Lagune schimmert das Wasser so herrlich blau wie in einer Südsee-Wunderwelt und glitzert – mit Stränden, wie sie schöner nicht sein können. Verborgen und verboten. Bald aber wird die Nordsee wieder kommen und alles überfluten. Diese wundersame Zwischenwelt irgendwo im Nirgendwo, zwischen Küste und Nordsee. Nicht mehr Land, noch nicht See. Nur Norderoogsand da draußen ist keine Illusion, das wird bleiben. Bis auf Weiteres.

Die Reise erfolgte mit Unterstützung von Nordsee Tourismus Service.