Caravaning

Mit dem Wohnmobil auf den Bauernhof

Ein neuer Führer zeigt kostenlose Stellplätze. Ein Test in Brandenburg

Was machen wilde Camper, wenn sie in die Jahre kommen und den Wandel vom hippen Single zum Familienvorstand hinter sich haben? „Wir mieten uns einen Bulli und fahren raus“, sagt Fredericke Winkler. Die 34 Jahre alte Modedesignerin und Dozentin ist zweifache Mutter und macht gemeinsam mit ihrer Kollegin Lena Nocke fröhlich Reklame für Ole Schnack. Der 38-jährige Kreuzberger hat die vergangenen zwei Jahren damit zugebracht, das Konzept des französischen Stellplatzführers „France Passion“ auf Deutschland zu übertragen. Nun liegt das Ergebnis vor: „Landvergnügen, der andere Stellplatzführer“. Das Konzept ist überzeugend einfach: Wer den 200 Seiten starken Katalog samt Vignette erwirbt, kann kostenlos auf Stellplätzen von 230 verschiedenen Höfen übernachten. Falls die Ferienzeit noch in weiter Ferne liegt, lässt sich ein Kurzurlaub einschieben, denn zu den Gastgebern im Osten Deutschlands zählen zwei Dutzend Betriebe aus Brandenburg. Drei davon fahren wir an, Ole Schnack am Steuer einer sogenannten K-Yacht von Mobilvetta, Fredericke Winkler hinter dem Lenkrad eines California Bullis der Baureihe T3.

Ziel ist ein Gesundheitsgarten im Niederen Fläming, wo Gastgeberin Kerstin Weiße extra ein Blechhäuschen mit Toilette gebaut und Wasser zum Spülen und Händewaschen angeschlossen hat. Die 56-Jährige bietet Seminare zu Kräutern an. In ihrem 6000 Quadratmeter großen Gelände zeigt sie rund 130 verschiedenen Kulturen. Die Agastache ist darunter, chinesischer Beifuss, Orangenminze, Eibisch, Indianernessel, römische Bade-Kamille, Anis-Ysop, weiße Melisse. Flink schneidet die gelernte Gärtnerin mit einem kleinen Messer einige Stengel durch und bindet einen frischen Strauß Kräuter zum Mitnehmen. Vor elf Jahren ist sie aus Berlin nach Sernow gezogen, weg von all dem Trubel. „Ich genieße jeden Tag.“ Unermüdlich kümmert sie sich um ihre Kräuter und ihr Gemüse, darunter seltene Sorten wie die Duwicker Möhre. Die Arbeit bindet sie an ihr Land – Besucher sind nicht nur als Kunden, sondern auch zur Abwechslung gerne gesehen. „Kaufpflicht gibt es keine“, sagt Ole Schnack. Das sei eines seiner Auswahlkriterien gewesen.

Die Vignette für die Wohnmobilfahrer gilt pro Hof für eine Nacht. „Wer länger bleiben will, muss sich mit den Besitzern absprechen“ erklärt Schnack. Spontaneität ist Pflicht, denn telefonisch anmelden kann man sich frühestens ein paar Stunden vor der Ankunft. Auch die Benutzung der Toilette ist nicht selbstverständlich. Ob der Betrieb zu besichtigen ist, welche Länge und welches Gewicht das Wohnmobil für dem Stellplatz nicht überschreiten sollte, ob es Stromanschluss gibt oder kabelloses Internet – was wo vorhanden ist, zeigen kleine, schwarz-weiße Bildchen bei jeder einzelnen Hofbeschreibung.

Weiße bereit auf Wunsch Abendbrot und Frühstück zu. Ihr selbstgebackenes Kräuterbrot duftet, im Körbchen liegen Sauerkraut-Brötchen mit Speck. Dazu tischt sie Marmelade auf, Kräuterbutter und Eier von eigenen, freilaufenden Hühner auf. „Die Henne legt nur eins am Tag, und sonntags meistens keins“, witzelt Weiße. Sie füttert ihr Federvieh mit einer Mischung aus Haferflocken und Buttermilch zu.

Zielgruppe Aktivurlauber

Die Information bringt Schnacks Augen zum Leuchten. Der Marketing- und Kommunikationswirt ist davon überzeugt, dass Menschen solche Details lieben. Städter wie er, die einen Ausgleich brauchen zur Arbeit am Computer und oft eingeengtem Leben in der Stadt. In Frankreich geht das Vorbild „France Passion“ ins 23. Auflagenjahr. „Dort hat man gut situierte 50- bis 60-Jährige als Zielgruppe im Auge, die sich die nicht ganz billigen Wohnmobile leisten können“, sagt Schnack. Er hat diese Art zu reisen vor zwei Jahren in seinen Familien-Flitterwochen kennengelernt und war so begeistert, dass er sie nach Deutschland bringen wollte. Schnack zielt allerdings auf eine andere Gruppe ab als die Franzosen: Aktivurlauber, die Slow-Travelling lieben, sich Zeit nehmen beim Reisen. „In einem Wohnmobil ist der Weg schon das Ziel“, sagt Schnack grinsend, „Wir sind immer da, wo wir sein wollen.“ Das antworte er seinen Kindern, wenn sie ihn fragten: „Wann sind wir endlich da?“

Knapp 30 Kilometer entfernt von Sernow liegt der Hof Alt-Domigk von Familie Hüsgen. Das Dorf Groß Ziescht ist eines der letzten noch erhaltenen, ursprünglichen Angerdörfer in Brandenburg, es liegt 145 Meter oberhalb des Baruther Urstromtals. Bei der Ankunft quaken die Frösche im Dorfteich. Sie sind sehr laut. Aber vielleicht klingt das nur so, weil es in dem 145-Einwohner-Dorf an Lärm mangelt. Die Hüsgens sind 1995 aus Berlin nach Baruth gezogen und züchten seit 1997 schottische Hochlandrinder. „Angefangen haben wir mit drei Rindern, jetzt haben wir 87“, sagt Tochter Viviane Hüsgen. Die 23-Jährige führt Gäste zu ihren „scheuen Schotten“. Man darf vermuten, dass sie einen genau beobachten. Nur sieht man nie, wohin so ein schottisches Rind blickt – sein Gesicht ist von langen, zotteligen Stirnfransen verdeckt. „Manchmal fragen Leute empört, warum wir den Pony nicht abschneiden, sie glauben, die Tiere würden nichts sehen“, sagt Viviane Hüsgen und zieht die Stirn kraus – was man sehr gut sieht, weil ihr Pony aus der Stirn gekämmt ist. Doch dem sei nicht so. „Der Pony ist ein Schutz gegen Fliegen und Regen – die Tiere kommen schließlich aus Schottland.“

Die Highländer ziehen sich zurück, sobald Menschen an ihre Zäune treten. Wer Hautkontakt will, kann zu Hüsgens Pustertaler Schecken und Tiroler Grauvieh spazieren. Die Rinder heißen Gabi, Heidi und Alois und stehen auf einer anderen Wiese. Das Vieh hat die Ruhe weg und lässt sich – interessiert an intimen menschlichen Körperteilen schnuppernd – Kopf und Flanken kraulen.

Gisela Bönniger ist von Hüsgens, ihrem Hof und dem Stellplatzführer äußerst angetan. „Ich finde die Stille toll, das Konzept, die Produkte“, sagt die 56-Jährige aus Kiel. Sie, ihr Mann und Hund Naya gehören zu den ersten Gästen, die Hüsgens Hof über Schnacks Katalog gefunden haben. „Wir kennen die Idee schon aus Frankreich und werden jetzt mit dem Buch auch in Deutschland eine Woche herumfahren.“ Werbung und Kontakt mit Menschen, die zwei Argumente nennt Viviane Hüsgen als Gründe, warum sie beim Stellplatzführer mitmacht. Es kostet sie nichts, Schnack verdient nur über den Buchverkauf – „und das wohl auch erst in drei Jahren, wir haben eine sechstellige Summe investiert“, sagt er seufzend.

Jüngste Landwirtschaftsmeisterin

Die Hüsgens halten ihre Rinder nicht nur aus Tierliebe, sondern sie schlachten sie und verkaufen Fleisch und Wurst, dazu Eier, Honig, Obst und Gemüse der Saison. Der Familienbetrieb wird nach Richtlinien des ökologischen Landbaus geführt. Viviane Hüsgen sagt das mit leisem Stolz. Als älteste von vier Geschwistern war sie mit 15 Jahren nach Österreich gegangen, um sich zwei Jahre lang parallel zum Schulbesuch zur Facharbeiterin ausbilden zu lassen. Danach lernte sie in Bayern weiter und war mit 19 Jahren Deutschlands jüngste Landwirtschaftsmeisterin. Zurück im brandenburgischen Dorf fehlt ihr nichts. Nur alle 14 Tage gönnt sie sich eine Auszeit. „Dann gehe ich ins Nagelstudio und lasse meine Nägel machen.“ Im Moment sind sie hellgrün – wie frisches Gras.

Echtes frisches Gras hängt aus dem Maul eines der Lämmchen, die Ulrike Plaß am frühen Abend von der Weide zurück in den Stall treibt – mit tatkräftiger Unterstützung ihrer Besucher. Die diplomierte Agraringenieurin leitet mit ihrem Mann den Ökobetrieb Milchschafhof Schafgarbe in Vetschau-Ogrosen. Im Stall werden die älteren Schafe gemolken, in einem extra gekachelten Raum fressen die Tiere aus ihren Trögen, während Plaß und Helfer die Schläuche der Melkmaschinen an die Zitzen an- und abschließen. „Anderthalb bis zwei Stunden dauert es, alle 100 Schafe zu melken“, sagt Frau Plaß. Und das täglich. Morgens und abends. Urlaub machen die Plaßens kaum, vielmehr bewirten sie Gäste – unter anderem mit dem hauseigenen Mango-Lassi, Frischkäse, Milch und Joghurt. Die Produkte sind auch in Kreuzberg zu haben. „Mein Mann verkauft auf den Ökomärkten am Lausitzer und am Chamissoplatz, und unsere Produkte gibt es auch in der Markthalle Neun“, sagt die 51-Jährige. Man müsste Berlin gar nicht verlassen. Aber dazu ist es auf dem Land zu schön.

„Landvergnügen 2014“, 200 Seiten, 39,90 Euro

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von der Firma Landvergnügen.