Rom

Jenseits der Spanischen Treppe

| Lesedauer: 5 Minuten

Ein neues Buch zeigt 111 Orte in Rom, die keiner kennt – von einsamen Plätzen am Tiber bis zu einer koscheren Bäckerei

Wenn einer eine Reise in eine unbekannte Gegend macht, dann braucht er: einen Reiseführer. Und dann steht der zukünftige Reisende vor dem Regal, wo sich die bunten Buchrücken aneinanderreihen. Und fragt sich: Soll man das Buch mit den vielen historischen Abhandlungen auf 100 Seiten oder das mit den kulinarischen Highlights oder, ganz beliebt, das mit den „Geheimtipps“ nehmen?

Um nach dem Kauf desselben zum Beispiel als Berliner Tourist mal ganz lässig durch die In-Bezirke zu trödeln und auf dem Bürgersteig im Weg zu stehen. So zieht man sich flugs den Zorn der Einheimischen zu. Man kann mit der Wahl des Reiseführers also eine ganze Menge falsch machen, das Angebot für nützliche, komische und auch überflüssige Reiseführer ist groß und darunter die Perlen zu finden, nicht leicht. „111 Orte in Rom, die man gesehen haben muss“ von Annett Klingner ist eine dieser Perlen. Die Autorin hat Kunstgeschichte, Literatur und Mediävistik in Berlin und Rom studiert. Sie kennt sich aus und hat aus ihren Lieblingsorten ein wundervolles, kleines Büchlein gezaubert.

Straße der Künstler

Jedes Jahr besuchen mehr als 20 Millionen Touristen Rom, sie alle besichtigen den Petersdom, das Kolosseum oder lungern auf der Spanischen Treppe herum, und wer nicht einmal eine Münze in den Trevi-Brunnen geworfen hat, war eigentlich nicht da. Abseits der bekannten Bauwerke und ausgetretenen Touristenpfade hat die Ewige Stadt einen unvergleichlichen und bezaubernden Charme, gleich neben den überlaufenen Ecken verstecken sich kleine Schätze, die man nicht entdeckt, wenn, ja wenn man nicht dieses kleine, orangefarbene Büchlein mit auf die Reise nimmt.

Oder wussten Sie zum Beispiel, dass die Via Margutta, nur ein paar Meter neben der Spanischen Treppe, seit dem 17. Jahrhundert eine Straße der Künstler ist, hier Peter Paul Rubens, Pablo Picasso oder Giorgio di Chirico Ateliers unterhielten und Audrey Hepburn und Gregory Peck hier 1953 „Ein Herz und eine Krone“ drehten? Und dass es einen Weg den Tiber entlang gibt, wo man fast allein ist? Diesen Weg findet man, wenn man einfach die Ebene wechselt: An vielen Brücken gibt es Treppen, die man hinabsteigt, um dann kilometerlang, nur von ein paar Joggern oder Liebespaaren begleitet, gänzlich seine Ruhe zu haben.

Annett Klingner hat ihre 111 Orte in Rom alphabetisch geordnet, mit Fotos, Adresse, Öffnungszeit und Anreisemöglichkeit versehen und am Ende des Buches in einer Karte eingezeichnet, so dass man in aller Ruhe Ort 34 (das Haus des Henkers Bugatti, des Scharfrichters des Vatikans, der bis zu seinem Tode 1869 „nicht weniger als 516 Exekutionen“ durchführte) ansehen kann.

Danach kann man Ort 62 besuchen, den kleinen Laden „Il mondo di Laura“, das winzige Geschäft von Laura Raccah, die ihr Bäckerhandwerk in den USA und Israel perfektionierte und jetzt koschere Plätzchen verkauft, die ohne Milch- und tierische Produkte, aber auch ohne künstliche Zusatzstoffe hergestellt werden. Und noch dazu so köstlich sein müssen, dass Laura einen zweiten Laden im Jüdischen Viertel eröffnet hat.

Besonders gut gefallen hat uns die Geschichte des Schimpansenturms in der Via dei Portoghesi. Der dazugehörige Palazzo Scapucci aus dem 16. Jahrhundert wurde von einem Adligen mit Ehefrau und Baby bewohnt. Zu dieser Zeit galt es als chic, sich ungewöhnliche Haustiere zu halten. Und also hatte der feine Herr sich eine Schimpansin namens Hilda gekauft. Eines Tages schnappte sich die wilde Hilda den Säugling und kletterte mit ihm aufs Dach. Als der Hausherr von Geschäften nach Hause kam, drängten sich die Leute vor seinem Haus und starrten aufs Dach, wo Hilda und Kind hockten. Der feine Herr schickte ein Stoßgebet zum Himmel und pfiff Hilda zurück. Affe und Baby überlebten, und aus Dankbarkeit wurden eine Madonna und eine Laterne auf dem Dach angebracht. Sie sind noch heute zu sehen.

Puppenklinik auf 15 qm

Diese kleinen Geschichten sind es, die dieses Buch besonders machen. Wie die der Puppenklinik in der Via Ripetta 29. Von außen ist das Schaufenster dieses 15 Quadratmeter großen Ladens sicher hunderte Male fotografiert worden. In seiner Auslage stapeln sich skurrile Dinge, Puppen ohne Augen, verdrehte Arme und abgedrehte Puppenärmchen. Aber dass Gelsomina Squatriti, die 80-jährige Inhaberin des Ladens, seit fast 60 Jahren immer am gleichen Platz sitzt und Puppen repariert, hätte der schnöde Tourist beim Vorbeigehen nie erfahren.

Und auch wenn man noch nicht in der Ewigen Stadt war, macht dieses Buch Lust. Lust darauf, all diese geheimnisvollen Orte zu entdecken. Zu Fuß und ohne Eile. Und wenn man dann zufällig auch noch am Petersdom vorbeikommt? Gut, wenn wir schon mal da sind. Spannender sind aber immer die Orte, die in all den anderen Reiseführern nicht stehen. Auch nicht als Geheimtipp.

Annett Klingner: „111 Orte in Rom, die man gesehen haben muss“, Emons Verlag, 240 S., 14,95 Euro