Serie "Kleine Fluchten": Reichenberg (Liberec)

Wo Kaiser-Nostalgie und Moderne Hand in Hand gehen

Kleine Fluchten, Teil 132: Reichenberg (Liberec) in Nordböhmen steckt voller Überraschungen

Wer war wohl zuerst da – der gute alte Kaiser oder all die prächtigen Rhododendren in den Villengärten auf dem Weg zum Botanischen Garten, zwischen der Mozart- und der Masaryk-Straße? Die Meinungen darüber gehen auseinander im nordböhmischen Liberec, doch verbürgte Tatsache ist dies: 1906 hatte Kaiser Franz Joseph das damalige Reichenberg mit einem offiziellen Besuch beehrt, befand sich die Stadt doch auf dem Territorium der k.u.k.-Monarchie.

Noch heute erinnert hier ein berückendes Backsteingebäude mit Erkern, Türmchen und Balkonen an das ehrwürdige Ereignis: „Kaiser-Franz-Joseph-Bad“ steht in Frakturschrift an der Fassade eingemeißelt, vor der wiederum ein Bau-Kran auf die ultimative Renovierungs-Order zu warten scheint. Vis-à-vis ist man da schon weiter, denn das ebenso herrschaftlich anmutende Gebäude des Nordböhmischen Museums (tgl. außer Mo 9-17 Uhr) erstrahlt längst wieder in altem Glanz. 1873 fertiggestellt, betritt man über die Freitreppe eine andere Welt mit spätmittelalterlichen Gobelins, Fin-de-Siècle-Lüstern – und einer Sammlung futuristischer Plakate. So optimistisch und innovativ, denkt der Besucher, hätte es nach 1918 weitergehen können – nach dem Ende der Monarchie, als das überwiegend deutschsprachige Reichenberg nun Teil der tschechoslowakischen Demokratie geworden war.

Die Geschichte jedoch ist anders verlaufen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Deutschen aus Böhmen vertrieben. Ihre Spuren sind noch heute sichtbar, wenn man sich auf den Weg aus dem idyllischen Außenviertel ins Stadtzentrum macht. Euphorie beim Anblick liebevoll restaurierter Villen, die längst keine aus Wohnungsnot künstlich zusammengestückelten Mini-Unterkünfte mehr beherbergen, sondern ihre ursprüngliche, großzügige Geräumigkeit wiedergefunden haben. Nostalgie angesichts seit sieben Jahrzehnten in sich zusammensackender Häuser, deren verwitterte deutsche Inschriften an eine Zeit erinnern, als Reichenberg noch prosperierte. Und schließlich das Grauen vor altsozialistischen Wohnblöcken, deren Verfall keine Melancholie weckt.

Doch dann: Der Beginn des Stadtzentrums mit der elegant gestalteten Bibliothek linkerhand, deren Glasfront übergeht in ein jüdisches Bethaus, dessen hebräische Wandinschriften an die einstige, 1938 zerstörte jüdische Synagoge erinnern. Vis-à-vis befindet sich das dezent crèmefarbene Theater, 1893 nach Pariser Vorbild gebaut und ein damaliges Zentrum der städtischen Kulturelite.

Touristen aus Berlin und Görlitz

„Heute“, sagt Reiseführerin Kristina Pompova, „kommen in Busausflügen oft Opernfreunde aus Görlitz, Zittau oder anderen deutschen Städten hinter der Grenze zu uns, da die Klassik-Abende qualitätsvoll sind und preislich noch durchaus modest.“ Kaum gesagt, hören wir Fahrradgeklingel, Kinderlachen. „Das ist die Zukunft“, sagt die Pensionärin lächelnd. „Leute aus Berlin oder Bayern, die Nordböhmen mit dem Rad entdecken und hier in Liberec gern übernachten. Dann geht’s entweder in den Erlebnispark ,Babylon’ oder gleich hinüber ins wilde Isergebirge oder hoch auf unseren Jeschken-Berg. Im Winter per Ski, im Sommer mit dem Wanderstab, auf Pferderücken oder mit Montainbikes.“

Eine Rückkehr nach Europa, denken wir. Region für Region, Stadt für Stadt. Der eiserne Vorhang gefallen, die ältere Generation von jahrzehntelang wirkungsmächtigen Rede- und Denk-Tabus befreit, die Jüngeren voller Neugier und dazu EU-finanzierte Projekte als unschätzbare Hilfe für den Wiederaufbau ewig lang vernachlässigter Orte. Und schon legen wir auf dem Marktplatz den Kopf in den Nacken, denn wie gigantisch ist das Rathaus mit seinem 65 Meter hohen Turm! Ein österreichisches Wunderwerk der Neorenaissance, ein zinnen- und türmchenbewehrtes Kafka-Schloss voller Mosaikfenster, ein weiteres Stück k.u.k.-Monarchie. Dazu ein Art-déco-Gebäude im Rücken, das verglaste Eisengehäuse eines Orginal-Polymeters/Barometers von 1891, ein rustikaler Brunnen und ehrwürdige Bürgerhäuser.

Wie konnte es passieren, fragen wir uns, dass eine solche Wirklichkeit, eine solche Stadt so lange aus dem historischen Gedächtnis entschwunden war und nun erst langsam wieder ins Wahrnehmungsfeld gerät? Wie als Antwort weist Frau Pompova auf die neun Glieder einer Panzerkette, die an der Vorderseite des Rathauses angebracht sind. Die darauf eingravierten Namen erinnern an jene Tschechen, die hier am 21.August 1968 gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen demonstriert hatten und von den Schüssen aus einem sowjetischen Schützenpanzer niedergestreckt worden waren.

Zwischen Karel-Gott-Schallplatten

Das auf Wanderwegen oder per Seilbahn zugängliche Liberecer Wahrzeichen schließlich, der 1012 Meter hohe Hausberg Jested (auf deutsch Jeschken), bietet nicht nur einen atemberaubenden Rundblick auf die Stadt und das grüne Paradies des hier beginnenden Iser-Gebirges, sondern beherbergt mit seinem futuristischen Fernsehturm und Berghotel eine weitere Sehenswürdigkeit. Erbaut 1973 im damals modernistischen Stil, erinnern heute in den familienfreundlichen Zimmern nicht nur die Schiffs-Bullaugen der Panoramafenster, sondern auch die neben der Rezeption drapierten Karel-Gott-Schallplatten an eine vergangene Epoche. Hier im Hotel „Jested“ übernachten wir hoch über geschichtssatter Gegend, doch bleiben nach einem frugalen Abendessen mit Gulasch, knedlicky und böhmischem Schwarzbier geerdet.

Auch dank unserer spannenden Gute-Nacht-Lektüre: „Grand Hotel“ von Jaroslav Rudis spielt nämlich just im „Jested“, wo der junge tschechische Romancier vor Jahren an der Rezeption gearbeitet und sich in langen Nachtstunden seine ironischen Gedanken gemacht hatte über die Stadt mit den wechselnden Namen. Und während wir inmitten weicher Bettwäsche langsam in den Schlaf gleiten, glauben wir, dass es auch mit Rudis’ neuem Wahlwohnort eine gewisse Logik hat: Den ehemaligen Rezeptionisten zieht es mittlerweile nach Berlin...

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Tschechischen Zentrum für Tourismus. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit