Bayern

Das Geheimnis vom Starnberger See

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Peter Wägner

Der König ist tot, es lebe der König. Aber ist Ludwig II. überhaupt tot, nur weil er am 13. Juni 1886 von Fischern ziemlich leblos aus dem Starnberger See gezogen wurde? Elvis Presley soll ja auch noch leben. Außerdem war Ludwig der Märchenkönig. Und im Märchen ist alles möglich. In Bayern jedenfalls ist der "Kini" quicklebendiger denn je.

Es ist das 125. Jahr seines Todes. Und Bayern feiert ihn mit aller Kraft. Mit Totenmessen, Höhenfeuern, Dampferfahrten zum Tat- respektive Unfallort - und einer Landesausstellung auf Schloss Herrenchiemsee: "Götterdämmerung - König Ludwig II." Eine Tragödie in fünf Akten. Und dies ist der letzte: "Wie der König starb und zum Mythos wurde". Mythen wachsen aus Geschichten, unglaublichen Geschichten. Und die unglaublichste ist die von seiner Gefangennahme, wie sie auf der Website der Schwanenritter erzählt wird ( www.schwanen-ritter.de ): "Am 10. Juni 1886 gegen drei Uhr nachts erschien eine Staatskommission am Schloss Neuschwanstein, um den König aufgrund eines in München erstellten Ferngutachtens festzunehmen und notfalls mit Gewalt ins Schloss Berg am Starnberger See zu überführen. In der Zwischenzeit gelang es dem Leibkutscher des Königs Fritz Osterholzer, auf geheimen Wegen nach Neuschwanstein zu reiten, um dem König vom Eintreffen der Kommission zu berichten. Daraufhin wurde das Schloss sofort abgesperrt und die Gendarmerie sowie Feuerwehren der umliegenden Dörfer zur 'Verteidigung' ans Schloss beordert. Als die Kommission den König dann festnehmen wollte, wurde sie von den Wachmannschaften daran gehindert, ins Schloss einzudringen, und sie mussten unverrichteter Dinge wieder zurück nach München fahren." Genützt hat es nichts. Die nächste Kommission kam "mit Bandasch und Kloroform", wie es im König-Ludwig-Lied heißt, und überführte ihn in das - eilig zu einer Art "königlicher Irrenanstalt" umgebaute - Schloss Berg. Ein paar Tage noch voller Demütigungen, und der abgesetzte Regent kehrte von einem abendlichen Seespaziergang mit seinem Leibarzt nicht mehr zurück. Die Welt hatte ihre Sensation. Bayern war erschüttert.

Wohltäter des Bayernvolkes

Sofort kamen Mord- und Verschwörungstheorien auf, die zwar mit großem kriminalistischem Aufwand widerlegt wurden, aber bis heute nicht totzukriegen sind. Der Mythos vom König der Herzen, vom Wohltäter des Bayernvolkes, vom Märchenkönig nahm seinen Lauf. Auch wenn er die Welt mit 14 Millionen Mark Schulden verlassen hatte.

Was er außer dem Mythos und den Schulden sonst hinterließ, ist ein wunderbares Reisethema: Schlösser sonder Zahl. Neuschwanstein, Herrenchiemsee, Schachen, Linderhof, Nymphenburg sind die prächtigsten. Aber es gibt auch andere Trouvaillen: die romantische Villa auf der Roseninsel im Starnberger See und das putzige Sisi-Museum im Bahnhof von Possenhofen. Eigentlich ist es seiner "Seelenfreundin" Großcousine Sisi gewidmet, der Kaiserin Elisabeth von Österreich, die im nahen Feldafing logierte, während er auf Schloss Berg weilte. Auf der Roseninsel trafen sie sich heimlich. Eine Romanze?

In der Münchner Residenz hatte Ludwig einen ungewöhnlichen Wintergarten angelegt, es ist eine Art neun Meter hohe Tonne voller technischer Raffinessen, mit künstlichem See und Fischerhütte. Jeder Schlossführer weiß unglaubliche Geschichten zu erzählen, etwa jene von dem Tisch, der - bereits fertig eingedeckt - wie ein Aufzug aus der Küche in den Speisesaal hinauffuhr. Der König aß allein. Er war sowieso meist allein, versteckte sich vor der Welt, stand abends auf und legte sich morgens zu Bett.

Im kalten Licht der Politik gesehen war des Königs Leben eine Folgen von Niederlagen und Katastrophen: eine nie zustande gekommene Hochzeit (1867), ein an der Seite Österreichs verlorener Krieg gegen Preußen (1866), die Demütigung durch Bismarck, der ihm die Anerkennung des Preußenkönigs als deutschen Kaiser in Versailles mit sechs Millionen Mark abkaufte (1871). Die Flucht in eine Traumwelt mit mittelalterlichen Königsfantasien war die Folge, gepaart mit Schulden. Die Großprojekte Neuschwanstein und Herrenchiemsee fraßen alles auf, und es waren längst nicht die einzigen Baustellen. Die Regierung in München war verzweifelt, und verzweifelter noch war die vielköpfige Wittelsbach-Familie. Letztlich war es ihr Geld, das da durch die neugotischen Kamine geblasen wurde. Zum Schluss blieb als einziger von der Verfassung erlaubter Ausweg die Entmündigung. Und so nahm das Schicksal seinen tragischen Lauf.

Das alles und noch viel mehr erfährt man bis zum 16. Oktober in Ton und Bild im Schloss Herrenchiemsee. Schon die Einstimmung ist königlich: die Fahrt mit dem Dampfer von Prien herüber, der Spaziergang über die Insel zum Schloss, die eindrucksvolle Schlosskulisse - und dann die Ausstellung. Ob man sie an den Anfang oder an den Schluss seiner König-Ludwig-Reise stellt, ist Geschmackssache. Einfach nur schauen und staunen, auch ein wenig zuhören und nachlesen. Um am Ende vielleicht etwas mehr zu verstehen von dieser altbayrischen Liebe zum "Kini".

Im Erntemonat August, wo jede Jungbauernhand gebraucht wird, verbringen die Oberammergauer Burschen ihre Tage damit, Holz zu gewaltigen Haufen zu schichten, die dann zum Königsgeburtstag am 25. August abgebrannt werden. Eine Königskrone auf dem Kofel, Kreuze auf Laber und Kofel und die Zahl II sowie ein geschwungenes "L" auf den Wiesen unterhalb des Aufackers. Dass sich das auch Touristen anschauen, wird hingenommen, Zweck der Übung ist es nicht. Es ist einfach Liebe, Heimatliebe, Königsliebe.

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband München-Oberbayern.