Italien

Für ein Wochenende nach Verona

Verona ist eine charmante Wohlfühlstadt, durch die man in ähnlicher Gemütlichkeit schlendert, wie sich Verona selbst an beiden Ufern an die Etsch kuschelt. Der sprudelnde Cocktail aus Gassen, Trattorien, Weinbars und Monumenten der 2000-jährigen Geschichte eignet sich hervorragend für ein verlängertes Wochenende. Schließlich offeriert die 263 000-Einwohner-Stadt des Veneto nicht nur Amphitheater und die Behausung von Romeos Julia.

Völkerherberge und Weltkulturerbe

Als römische Kolonie "piccola Roma" getauft (kleines Rom), Lieblingsresidenz des Ostgotenkönigs Theoderich, später unter der Herrschaft von Venedig, Österreich und Frankreich - sie alle hinterließen dermaßen beeindruckende kulturhistorische Spuren, dass die Unesco Verona im Jahr 2000 zum Weltkulturerbe ausrief.

Bereits 170 Jahre zuvor sinnierte Heinrich Heine: "Da war manch verwitterter Palast, der mich so stier ansah, als wollte er mir ein altes Geheimnis anvertrauen." Eine "große Völkerherberge" nannte Heine Verona und notierte, da manch deutscher Stamm noch nicht schreiben konnte, habe er sich damit behelfen müssen, zum Andenken etwas zu zertrümmern. Mittlerweile haben die deutschen Stämme im Schreiben aufgeholt und delektieren sich wie die meisten Besucher darin vor allem im Hofeingang zur Casa di Giulietta, einer Villa aus dem 13. Jahrhundert. Shakespeare legte das famose Liebesdrama um Romeo und Julia auf Vorlage einer italienischen Novella nach Verona und schusterte der Stadt ungewollt eine krisensichere Hauptattraktion zu, wo die Grenzen zwischen Romantik und Realität verwischen.

In der Via Capello 23 lebte nachweislich tatsächlich eine Veroneser Familie namens Cappelletti, die Capulets der Tragödie. Nachdem Hof und Gebäude bis vor rund 100 Jahren noch als Stall und heruntergekommene Herberge gedient hatten, restaurierte die Stadt den Komplex Ende der 30er-Jahre zur heutigen Attraktion. Will man Wartezeiten zum Foto auf dem Balkon oder dem angeblich glückbringenden Streicheln der Brust von Julias Bronzestatue entgehen, sollte man den Tag gleich hier bei der Hoföffnung um 8.30 Uhr einläuten. Wie die Magie der Tragödie bis heute weltweit arbeitet, kann man im Julia-Klub bestaunen. Dort landen jährlich 5000 Briefe, die ihren Liebeskummer an "Julia, Verona, Italien" adressieren, und allesamt von 15 ehrenamtlichen Mitarbeitern beantwortet werden. Eine lesenswerte Auswahl ist im Klub-Büro im ersten Stock des Souvenirladens im Hof ausgelegt.

Im fußgängerfreundlichen Verona benötigte Romeo vom eigenen Domizil (Via delle Arche Scaligere) schon damals nur einige Gehminuten zur Geliebten und überquerte dabei die schönsten Plätze der Stadt. Zunächst die immer noch intakte Ästhetik der Piazza dei Signori, die die Einheimischen wegen ihrer Intimität ihr Wohnzimmer nennen. Hier legte man die römischen Fundamente der Stadt frei, als Verona ein unterirdisches Parkhaus bauen wollte. In einem der angrenzenden Paläste residierte die Dynastie der Familie della Scala, unter der Verona bis 1387 seine Blütezeit erlebte. In der Folge wurde man von Venedig geschluckt, das am Platz den Justizpalast einrichtete. An den Mauern öffnen Marmorbriefkästen weiterhin den gefürchteten Schlund, in dem man einst anonym Schwarzmarkthändler oder Steuerpreller denunzierte. Der angrenzende Lamberti-Turm wurde 1172 hochgezogen und liefert auf 84 Meter Höhe eines der besten Panoramen. Scheinbar läuft in dieser Stadt jedoch wirklich nichts ohne Liebesdramen. Für die Glockenspitze kam eine Gräfin auf, die aus Eifersucht die Frau eines Schreiners per Steinschlag beseitigte. Eigentlich zum Tode verurteilt, verlängerte sie ihr Diesseits mit der Finanzierung des Glockenturmes.

Direkt neben dem Signori-Platz öffnet sich die Piazza delle Erbe (Platz der Kräuter), die es problemlos in die Top drei der global attraktivsten Plätze schaffen würde, würden nicht mittendrin unsinnige Stände nutzloses Zeug anbieten. Sind die Laden endlich zugeklappt, darf man die Magie der Piazza endlich genießen. Vor allem die Casa Mazzanti mit ihren Fresken, die als eine Art Visitenkarte der Hausbesitzer im 16. Jahrhundert derart in Mode kamen, dass man Verona die bemalte Stadt nannte. Um die Füße hochzulegen, bieten die zahlreichen Bars einen ausgezeichneten Anlass zum Aperitif - Aperol Spritz, will man sich mit der Nummer eins der venezianischen Pop-Kultur in das abendlich kunterbunte Treiben der Veroneser nahtlos einreihen.

Pferdeschmorbraten und Polenta

Zum genuinen Kosten der Spezialitäten wie Pastisada (Pferdeschmorbraten) mit Polenta, Leber oder Pasta und Bohnen sollte man die Piazza delle Erbe allerdings verlassen und sich für die atmosphärischen Lokale wie "Al Pompiere", "Locanda Castelvecchio" oder "Osteria del Bugiardo" entscheiden. Wie im Veneto üblich, geht es beim Essen um den Wein. Als unumstößliche Direktive zurrten die Veroneser das vertikale Gesetz fest, sprich: sich stets vom niedrigen zum hohen Alkoholgehalt vorzutasten. Dieses Gesetz sollte man in der "Antica Bottega del Vino" testen. Neben einer fantastischen Küche besitzt die 150-jährige Institution eine der besten Weinkarten Italiens.

Vor dem vertikalen Vino-Abenteuer sollte man sich um restliche Sehenswürdigkeiten oder Shoppen kümmern. Von der Piazza delle Erbe führt die Einkaufsmeile Via Mazzini in wenigen Minuten zur Piazza Bra samt der imposanten Arena, die 22 000 Besuchern Platz bietet. Als römische Kolonie bot Verona dort Gladiatoren- und Tierspiele, später gingen in den Arena-Bögen auf Anordnung der Stadt Prostituierte ihrer Arbeit nach, die Mitte des 16. Jahrhunderts Händlern und Handwerkern Platz machen mussten. Kirmes, Stierkampf und Lager für österreichische Kriegsgefangene folgten ab 1913 die sommerlichen Opernfestspiele. Beim Bestaunen der Arena sind die kostümierten Nepper zu umgehen, die für ein gemeinsames Foto surreale Preise im zweistelligen Eurobereich verlangen.

Über eine der 13 Brücken Veronas, die Ponte Pietra, schlendert man zur anderen Seite der Etsch. Jener Teil, der laut Traktat zwischen Frankreich und Österreich 1801 an Felix Austria ging, und von Napoleon despektierlich "Veronalein" getauft wurde. Ein überhartes Urteil, denn der Besuch des römischen Theaters lohnt sich allemal - von dort führt ein Fahrstuhl zum Archäologie-Museum, dessen luftige Position ein grandioses Panorama der Stadt gibt. In der Nähe des Theaters bietet der Renaissance-Garten Giusti dann Gelegenheit zur Siesta, bevor man den nächsten Spritz, Valpolicella oder Amarone kostet - natürlich vertikal.