Athen

Urlauber dringend gesucht

Nein, dies wird kein Schmähtext. Ziemlich platt wäre es, in diesen Tagen nach Athen zu reisen, nur um dort die eigenen Vorurteile spazieren zu führen, die Neugier aber daheim zu lassen. Und neugierig sind wir: Wie ist die Stimmung in der griechischen Kapitale? Gibt es dort Touristen?

Namen wie Delphi und Marathon erscheinen auf dem Bordmonitor signalisieren die unmittelbare Ankunft in Athen - beim Reisenden bringt das sofort etwas zum Klingen. Genauso wie der Blick aus dem Flugzeugfenster: blassblau der Himmel, in glitzerndem Azur das Meer, gesprenkelt mit zahlreichen Inseln. Das ist so schön anzusehen, dass man vom Misstrauen bald ins andere Extrem zu kippen vermeint: Geld ist nicht alles; Sonne und Meer, Sehnsucht und Reiselust lassen sich nicht an der Börse rechnen ...

Freilich meldet sich zugleich die Vernunft: Ist es nicht so, dass angesichts der aktuellen Krise auch der Tourismus rückläufig ist, zahllose Deutsche ihren Griechenland-Urlaub storniert haben und dem griechischen Tourismusministerium zurzeit nichts anderes einfällt, als mit Preisnachlässen zu werben?

Wir sind auf Einladung der griechischen Tourismusministerin hier. Eine Journalistengruppe als Gast einer Hauptstadt, die um ihren Ruf kämpft. Weshalb ihr nicht eine Chance geben? Weshalb nicht erwähnen, dass seit Olympia 2004 sowohl der Flughafen wie auch die ins Zentrum führenden Straßen modernisiert worden sind? Die 60er-Jahre-Bauten sehen nun in weißer Farbe ebenso freundlich aus wie die neuen Straßenbahnen, die bis hinunter ans Meer fahren. Alles nur Tünche, mit faulen Krediten finanziert?

Tatsache ist, dass Athens Bürgermeisterin zu Olympia-Zeiten, Dora Bakogianni, eine positive Ausnahme im eher balkanesisch-orientalischen Politklüngel Griechenlands darstellt. Sie hat dieser Tage als einzige Oppositionsabgeordnete dem alternativlosen Sparprogramm der Regierung zugestimmt - und wurde von ihrer Partei, die sich lustigerweise "Nea Dimokratia" nennt, stante pede ausgeschlossen.

Was aber bekommt der Athen-Besucher davon mit? Wenig bis nichts, wüsste er nicht um die Hintergründe. Leer der Syntagma-Platz vor dem Parlament, der vor einigen Tagen noch von einer protestierenden Menschenmenge belagert war, gefahrlos begehbar die Straßen und Fußgängerzonen, in denen kurz zuvor noch gewaltbereite Linksanarchisten ihr Unwesen getrieben und durch einen Brandanschlag drei Menschen zu Tode gebracht hatten. Man spaziert unterhalb der Luxushotels "Grande Bretagne" und "King George" in die Ermou-Straße, deren Name sich von Hermes herleitet, dem Gott der Reisenden, allerdings auch der Diebe. Die Sesambrezel-Verkäufer finden hier ihre Kunden, doch all die Armani- und Gucci-Shops in den Nachbarstraßen bleiben leer. Die Frage ist, ob solch Vitrinen-Design nicht lediglich zu sinnloser Verteuerung beiträgt, wo Athen doch viel Originelleres zu bieten hätte.

Da sind zum Beispiel die lauschig-bukolischen Plätze mit kleinen Kirchlein, inklusive zottelbärtiger Popen und schicker junger Frauen. Denn schon befinden wir uns in der Plaka, Athens genuiner Altstadt zu Füßen der Akropolis. Weiß gekalkte Wände, blaue Fensterläden, blühende Oleanderbüsche, kleine Restaurants, deren Preise Berliner Niveau haben. Die in der Adrianou-Straße angesiedelten Andenkenläden sind ebenfalls halb leer, doch mit Blick auf die Geschichte macht sich einer der Verkäufer Mut: "Wissen Sie was? Man darf nichts für ewig halten - weder den Boom noch die Krise." Zu Zeiten des Obristen-Regimes war die Plaka ein heruntergekommener Ort voller Drogenhändler und Prostitution. Spätestens als Melina Mercouri Kulturministerin wurde, ging es mit dem Viertel wieder aufwärts.

Nicht zufällig befindet sich um die Ecke eine Restaurant-Bar, wo man mit signierten Fotos an die berühmte Schauspielerin und Sängerin erinnert wird, der Europa auch die Idee einer jährlichen Kulturhauptstadt verdankt. Was tut es da schon, denkt der von der Tourismusministerin eingeladene Besucher, dass er trotz versprochenen Termins der Amtsperson nicht ansichtig wird - obwohl man doch in diesem Amt daran interessiert sein müsste, dem Ausland zu zeigen, wie man Griechenlands faszinierendes Kulturpotenzial als Antidot zur Krise nutzen möchte. Ein paar Tage nach der Reise erfährt man den Grund ihres Abtauchens: Ihr Gatte hat seit 15 Jahren die Zahlung von 5,5 Millionen Euro Steuerschulden mit juristischen Tricks hinauszögert, das wurde jetzt bekannt, die Ministerin trat zurück.

Fazit? Vielleicht ein solches: Besucher, kommst du ins heutige Athen, rechne mit einem Wechselbad höchst ambivalenter Gefühle und Eindrücke. Aber fahre hin. Es lohnt sich. Allein schon wegen der leeren Museen.