Hauptstadt

Brasilia oder die Lust auf Zukunft

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Marko Martin

Vor Kurzem wurde der Gouverneur von Brasilia wegen Korruption verhaftet - niemals zuvor hatte man einen solch ranghohen Politiker zur Verantwortung gezogen. Doch, halt! Sollte ein Text zum 50. Geburtstag der brasilianischen Hauptstadt mit dieser Information beginnen?

Und was ist von jenem Detail zu halten: Die Betonfassaden auf der Esplanada dos Ministérios, der Straße der Ministerien, sind frei von grauen Witterungsflecken und Moosbewuchs - ist das wichtig? Natürlich. Denn der verhaftete Minister und der weiße Beton gehören zusammen, entspricht diese Kombination doch dem Selbstbild der Stadt: Schließlich soll sie modern sein, politisch und architektonisch transparent, eine Metropole, die sich sehen lassen kann und nicht von Unordnung und Verfall gekennzeichnet ist wie so viele andere Hauptstädte der Dritten Welt.

Stadt in Form eines Kreuzes

In der Tat überrascht die Abwesenheit von jeglichem Chaos, doch wer nun meint, Brasilia zahle dafür mit dem Preis anonymisierender Sterilität, der hat die 2,5-Millionen-Einwohner-Stadt, die am 21. April 50 Jahre alt wird, wahrscheinlich nur noch nicht besucht.

Eine etwas andere Brasilien-Erfahrung ist es allerdings schon, wenn wir beim abendlichen Landeanflug zuerst über die dunkle Fläche des zentralen Hochplateaus gleiten, ehe plötzlich Lichter aufblinken. Unter den Bordfenstern ist die glitzernde Silhouette eines weiteren Flugzeugs zu sehen. Was tut es da schon, dass Puristen darauf hinweisen, dass die Form eher ein Kreuz darstelle und als solches auch von den katholischen Stadtplanern so gedacht gewesen sei nach der konkreten Vision des inzwischen 102-jährigen Stararchitekten Oscar Niemeyer?

Wer dann nach der Landung aus dem Flughafengebäude tritt und dort weder von dräuender Hitze (die mittlere Tagestemperatur im April liegt bei 22 Grad Celsius) noch von drängelnden Taxifahrern gepeinigt wird, kann bei der Fahrt ins Zentrum noch einmal die Genese der Stadt vor seinem inneren Auge Revue passieren lassen. Der Traum, dem Riesenreich Brasilien eine ihm gemäße Hauptstadt zu schaffen, ist sogar älter als das 20. Jahrhundert. Bereits zuvor hatte sich das 930 Kilometer entfernte, malerisch-überschaubare Rio als überfordert erwiesen für die anstehenden Verwaltungsaufgaben. Deshalb war schon 1891 der Beschluss, eine neue Hauptstadt zu schaffen, sogar in der Verfassung verankert worden. Allerdings war es erst Präsident Juscelino Kubitschek, der - unter dem Slogan "50 Jahre Fortschritt in fünf Jahren" - in seiner 1956 begonnenen Amtszeit das Kunststück fertigbrachte, aus einer bisherigen Mondlandschaft einen Architektentraum aus Glas und Beton Wirklichkeit werden zu lassen.

Doch während wir noch darüber sinnieren, dass der pragmatische Staatsmann einst sogar die "Sonderstufe des Verdienstkreuzes der Bundesrepublik" bekommen hatte und 2006 mit einem brasilianischen Spielfilm geehrt worden war, sagt der Taxifahrer plötzlich mit österreichischem Akzent: "Ursprünglich hieß er ja Kubicek, nach seiner tschechischen Mutter, ehe er den Namen eindeutschen ließ, aus welchen Gründen auch immer. Nun, guter Herr, ich spreche ja auch Deutsch, bin aber Serbe und vor Tito einst nach Brasilien geflohen."

So viel, denkt der Besucher, zu dem Vorurteil, die galaktisch anmutende Stadt sei lediglich von austauschbaren Funktionärsklonen bewohnt. Von wegen! So lockt etwa in der Süd-Avenida Numero 109 im Gebäude 2/4 des Blocks A die angesagte Bar "Beirute"; gegründet, wie bereits der Name sagt, von einem Spross der zahlreichen libanesischen Einwanderer. Hier - ebenso wie im "Gate's Pub" nahe der 102 Sul-Metrostation oder im "Por-do-Sol" - treffen Touristen, Botschaftsangestellte aus allen hier akkreditierten Ländern auf Hauptstadtbewohner, die vom Studenten über den Hotelmanager bis zum Soziologieprofessor denkbar faszinierende Gesprächspartner abgeben.

Der Blick geht ins Weite

Gewiss: Das junge Brasilia ist anders als die ehrwürdigen Kolonialstädte des Landes, statt verwinkelter Gassen geht der Blick ins Weite. Weshalb aber kommt es, dass man sich hier dennoch keine Minute lang verloren fühlt - ganz im Unterschied zu Jean-Paul Belmondo, der in dem 1963 gedrehten Spielfilm "Abenteuer in Rio" erkennbar desorientiert durch die frisch gegründete Hauptstadt stapft? Dass die Sicherheitslage hier, wo Regierung, Parlament, Senat und Präsident ihre Domizile haben, ungeheuer entspannt ist und man nicht mit Diebstahl und Überfall rechnen muss, mag eine Rolle spielen. Wichtiger noch ist aber diese immense Freude, in der großzügig dimensionierten Stadt auch zu Fuß unterwegs sein zu können.

Auch in ihrem Jubiläumsjahr ist die Stadt, seit 1987 auf der Unesco-Liste des Welterbes, eine junge Schönheit, hinter deren vermeintlicher Strenge sich eine ungeheure Lust auf Zukunft verbirgt.