Serie "Kleine Fluchten": Hotel "Dreibeiniger Hund"

Bei Schuhmachern und Pfefferküchlern

Sie gilt als Europastadt. Am schönsten ist sie frühmorgens, wenn der Duft von frisch gebackenem Brot um die verwinkelten Häuser weht, in den ersten Cafés am Ober- oder Untermarkt die Kaffeemaschinen angeheizt werden und die Händler sich mit einem Schwätzchen auf den neuen Geschäftstag vorbereiten.

Und wenn die ersten Sonnenstrahlen die Altstadtgassen von Görlitz in ein warmes Licht tauchen, wird der ganze Charme dieser Stadt an der deutsch-polnischen Grenze sichtbar.

500 Jahre Baugeschichte

Wie kaum eine andere Stadt im Osten Deutschlands bietet Görlitz eine Fülle von architektonischen Preziosen, die den unwiderstehlichen Charme vergangener Zeiten mit ihren rund 4000 Baudenkmälern aus 500 Jahren europäischer Baugeschichte widerspiegeln. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten wie die zahlreichen sakralen Schätze oder die Museen und historische Bauwerke liegen nah beieinander. Rund um die doppeltürmige Peterskirche, die das Wahrzeichen der Stadt ist, wechseln barocke Kaufmannshäuser mit Renaissancefassaden. Wunderschön ist auch die Straßburg-Passage: In dem Jugendstil-Baudenkmal kann man hervorragend einkaufen, bummeln, essen, trinken, tanzen und feiern.

Eine Attraktion ist der "Flüsterbogen" am Untermarkt: Dieses spätgotische Rundbogenportal leitet selbst ganz leise gesprochene Worte von der einen Seite zur anderen. Und noch eine Besonderheit gibt es in Görlitz. Sie ist nicht nur Deutschlands östlichste Stadt, sie liegt auch genau auf dem 15. Grad östlicher Länge. Für Mitteleuropa ist das der Referenzmeridian, an dem mittlere Ortszeit und mitteleuropäische Zeit übereinstimmen. Hier steht die Sonne um 12 Uhr mittags also wirklich am höchsten. Nahe der Stadthalle markiert ein Meridianstein die Linie, die die Mitteleuropäische Zeit bestimmt.

Görlitz liegt heute zwar im Bundesland Sachsen, historisch gehört die Stadt aber zu Schlesien, das 1945 überwiegend an Polen fiel. Nur der kleine Zipfel Niederschlesiens, der westlich der Neiße liegt, blieb Deutschland. Seit 1945 ist Görlitz deshalb geteilt. Die Stadtteile östlich der Neiße bilden die polnische Ortschaft Zgorzelec.

Brücke zwischen Ost und West

Heute hat die Stadt als "Europastadt Görlitz Zgorzelec" eine besondere Brückenfunktion zwischen Ost und West erlangt. Und das auch im wahrsten Wortsinn: Neben dem Straßenübergang im Stadtzentrum ist die Altstadtbrücke über die Neiße für Fußgänger und Radfahrer wiedererrichtet und 2004 eröffnet worden. Es ist der historische Neißeübergang der "Via Regia" (Hohe Straße), einem der ältesten und bedeutendsten europäischen Handelswege zwischen Schlesien und dem Rhein, der für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung von Görlitz sorgte. Das kleine Kontrollhäuschen auf polnischer Seite verschwand mit der Erweiterung des Schengener Abkommens, dem Polen Ende 2007 beigetreten ist.

Wer mag, kann diese facettenreiche Stadt per pedes erkunden, Ausflüge ins Lausitzer Bergland oder ins Schlesische Gebirge unternehmen oder weitere Städte wie Dresden, Bautzen, Zittau oder Breslau (Wroclaw) besuchen, die alle von Görlitz aus schnell und unkompliziert erreichbar sind. Kulturinteressierte Radurlauber können auf dem gut ausgebauten Oder-Neiße-Radweg ins 20 Kilometer entfernte Ostritz radeln. Hier befindet sich seit 1234 das Klosterstift Marienthal, die älteste Zisterzienserinnenabtei Deutschlands.

Es gibt also viele gute Gründe für einen Aufenthalt in Görlitz - und es gibt einen sehr guten: logieren im barocken Handwerkerhaus Hotel "Dreibeiniger Hund" aus dem 15. Jahrhundert, das zum einen durch seine spätmittelalterliche und renaissancezeitliche Bautradition beeindruckt und das zum anderen zwar inmitten des historischen Stadtzentrums, aber auch etwas versteckt in der Büttnerstraße liegt und das man als Tourist eigentlich nur durch Zufall entdeckt. Daher laufen Reisende nicht selten an dem historischen Hotel vorbei. Und das wäre schade, denn es ist mustergültig renoviert, individuell und geschmackvoll eingerichtet, und es bietet eine gute Küche, die im Kreuzgewölbe, einem Dielenraum mit Holzbalkendecke oder im Renaissancesaal serviert wird.

Spirituosen im "Hundsloch"

Wer sich von den regionalen Spezialitäten überzeugen will, der sollte Biber- oder Ziegenbraten probieren. Der Weinkeller beherbergt hervorragende Weine und Spirituosen, die in der urgemütlichen Kellerbar "Hundsloch" verkostet werden können. Dass Hotelinhaber Michael Hoffmann höchstpersönlich zum Teil sehr seltene Blumen und Gräser an versteckten Orten rund um Görlitz pflückt, mit denen er täglich die Tische im Restaurant und in den Hotelzimmern schmückt, ist ebenso gesichert wie die Tatsache, dass Görlitz zur Winterzeit ein idyllisches Schnee- und Eismärchen ist.

Familie Hoffmann gehört zu der jungen Generation der deutschen Hotellerie und führt das Hotel seit 1998. Mit viel Geschick: Inzwischen weht durch die alten Räume der Wind der modernen Zeit. Trotzdem merkt man in jedem der 14 Zimmer, dass es sich beim "Dreibeinigen Hund" um ein Traditionshaus handelt.

Traditionelles Mobiliar Schlesiens

Dafür verantwortlich ist nicht zuletzt auch das Interieur aus allen typisch Görlitzer Stilepochen, das in einen faszinierenden ästhetischen Diskurs tritt, wobei sich moderner Komfort und Tradition keineswegs ausschließen. So kann der Gast stilvolle Zimmer buchen, in denen einst Pfefferküchler und Schuhmacher ihrem Handwerk nachgingen und die mit dem traditionellen Mobiliar Schlesiens aus der Zeit des Biedermeier, der Gründerzeit oder des Jugendstils eingerichtet sind: wurzelfurnierte Schränke, Schelllackstühle mit Rohrgeflecht und Aussteuertruhen.

Wir verraten an dieser Stelle nicht, was es mit dem geheimnisumwitterten Hund mit den drei Beinen auf sich hat. Wer das herausfinden will, der möge sich vor Ort auf Spurensuche begeben. Fündig wird er allemal. Garantiert!