Gastkommentar

Wir brauchen eine Revolution der Herzen

In seinem neuen Buch sagt der Dalai Lama: Eine säkulare Ethik ist wichtiger als Religion

In 33 Jahren sind wir uns 30 Mal begegnet und haben 15 Fernsehinterviews miteinander geführt. Selten hatte ich einen so empathischen und humorvollen Gesprächspartner. Dem charismatischen Religionsführer wurde in den letzten Jahren eine religionsübergreifende Ethik immer wichtiger. Heute sagt er: „Ethik ist wichtiger als Religion. Wir kommen nicht als Mitglied einer bestimmten Religion auf die Welt. Aber Ethik ist uns angeboren.“ Am deutlichsten wurde er im Januar nach den Anschlägen auf das Karikaturisten-Magazin „Charlie Hebdo“: „Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotenzial in sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen.“

Werte, welche die außer Balance geratene Welt retten könnten, sind für ihn: Achtsamkeit, Mitgefühl, Geistesschulung sowie das Streben nach Glück anstatt nach immer mehr materiellen Werten.

Unser gemeinsames Buch, das jetzt zu seinem 80. Geburtstag in acht Weltsprachen erschienen ist, hat den programmatischen Titel: „Ethik ist wichtiger als Religion“. Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine, Bürgerkriege in Afrika und in Afghanistan, Klimawandel und Umweltkrise, die globale Finanzkrise und der Welthunger: Eigentlich führen wir den Dritten Weltkrieg gegen die Natur und damit gegen uns selbst, denn wir sind Teil der Natur. Der Dalai Lama meint, dass wir ohne eine säkulare Ethik diese Probleme nicht lösen werden. Was er vorschlägt, ist eine Revolution der Empathie und des Mitgefühls – eine Revolution der Herzen.

Ethikunterricht in allen Schulen hält der Buddhisten-Führer für wichtiger als Religionsunterricht. Weil zum Überleben der Menschheit das Bewusstsein des Gemeinsamen und unsere Geschwisterlichkeit wichtiger sind als das ewige Hervorheben des Trennenden und unsere Rechthaberei gegenüber anderen. Diese Botschaft kann die Welt verändern.

Sechs Prinzipien gelten für ihn ganz fundamental: Das wichtigste ist die Gewaltlosigkeit. Ebenso bedeutsam ist Toleranz. „Kein Weltfrieden ohne Religionsfrieden“, sagt er. Prinzip Nummer drei: Jede Religion in ihrer Einzigartigkeit akzeptieren. Viertens: Was ist Religion heute? „Religiös ist, wer mitarbeitet an der Bewahrung der Schöpfung.“ Mit seinem fünften Prinzip habe er gelegentlich Probleme, erzählt er kichernd: Er müsse mehr Geduld lernen. Auch über sein sechstes Prinzip, Tod und Wiedergeburt, kann er Witze reißen. Er habe eine Ahnung, was nach dem Tod komme: „Wenn ich in die Hölle komme, werde ich Urlaub beantragen, denn ich will unbedingt wissen, wie es hier auf der Erde weitergeht.“

Der Dalai Lama glaubt naiv, beinahe wie ein Kind, an politische Wunder: „Wir werden eines Tages gut mit China kooperieren“. Wenn man ihn dann ungläubig anschaut, verweist er auf das Wunder der deutsch-französischen Freundschaft. „Man sieht, es geht auch anders.“ Seine große Hoffnung sind zwei Bevölkerungsgruppen in China: die Jugend und die inzwischen 400 Millionen Gläubigen, die sich heute in China zum Buddhismus bekennen. In Chinas Kommunismus herrsche ein riesiges geistiges Vakuum.

Der Dalai Lama verkörpert gleich mehrere ethische und spirituelle Werte: Widerstand gegen Gewaltherrschaft, Kapitalismuskritik ähnlich wie der Papst, Tierliebe, Engagement für die Umwelt und gegen Atomwaffen. Diese Liste liest sich wie das Programm eines westlichen Linken. Aber er ist ideologisch nicht zu vereinnahmen. Heute wird der Friedensnobelpreisträger 80 Jahre alt.

Buchhinweis: Der Appell des Dalai Lama an die Welt. Benevento-Verlag, 56 S., 4,99 €