Kommentar

Berlin braucht Kongresse

Die Messegesellschaft ist erfolgreich. Doch dem Senat genügt das nicht

Burkhard Kieker, der Chef der Tourismus- und Kongress-Gesellschaft „Visit Berlin“ weiß, was zu tun ist, um die Veranstalter von Kongressen nach Berlin zu locken. Man müsse sie von der Stadt überzeugen und ihnen die Einmaligkeit Berlins nahebringen. Das sei letztlich wie bei Touristen, die zum Vergnügen an die Spree reisen. „Eine Halle finde ich überall auf der Welt, aber warum soll ich nach Berlin kommen?“ Diese Gretchenfrage der Tagungsorganisatoren gelte es, überzeugend zu beantworten. Da hat die deutsche Hauptstadt viel zu bieten , angefangen von einer sehr guten Hotel-Infrastruktur bis zur hervorragenden Kultur-, Gastronomie- und Eventszene.

Doch das Problem könnte sich genau umgekehrt stellen. Was nützen die besten Bedingungen für ein Super-Rahmenprogramm, wenn die Veranstalter ausgerechnet in Berlin keine geeignete Halle finden? Der Stadt drohen große Kongresse verloren zu gehen, weil es nicht genügend Säle und Hallen gibt, in denen mehrere tausend Menschen gleichzeitig tagen können. Die Studie eines Münchner Instituts, erstellt im Auftrag der Messegesellschaft und von „Visit Berlin“, kam zu dem Ergebnis, dass Berlin in den Jahren 2014 bis 2018 bereits 32 Kongresse mit mehr als 2000 Teilnehmern verloren habe. Und auch, Willy Weiland, der Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga, klagte, die Berliner Hotellerie registriere seit der Schließung des ICC am Charlottenburger Messedamm einen Rückgang an Übernachtungen aus dem Kongressgeschäft. Besonders bitter: Die Tagungsgäste lassen doppelt so viel Geld in der Stadt wie andere Touristen.

Weilands Schlussfolgerung: Berlin brauche ein weiteres Kongresszentrum. Und auch Burkhard Kieker verweist darauf, dass konkurrierende Großstädte über drei Kongresszentren verfügten, in denen große Tagungen stattfinden können. Als Ersatz für das ICC baute die Messegesellschaft den City Cube. Der ist gut gebucht. Allerdings nicht ausschließlich für Kongresse, sondern auch für Messen. Das ärgert etliche Politiker, darunter auch den Regierenden Bürgermeister Michael Müller und die Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer. Die Messegesellschaft sieht ihre Aufgabe in erster Linie darin, möglichst große Gewinne zu erzielen und das Messegelände in Charlottenburg so gut wie möglich gebucht zu bekommen. Das geht mit Messen meist leichter als mit Tagungen. Doch der politische Auftrag ist eigentlich ein anderer. Er laute, auch Kongresse zu ermöglichen, heißt es aus Senatskreisen. Das gelte vor allem für die nächsten Jahre, bis Alternativen zur Verfügung stehen.

Nun soll das ICC von 2018 an saniert werden, aufgeteilt in einzelne Module. Dann sollen dort 10.000 Quadratmeter Kongressfläche geschaffen werden. Die werden voraussichtlich nicht vor 2022 eröffnet werden können. Ob der Plan technisch machbar und der Finanzrahmen realistisch ist, muss sich zudem noch erweisen. Also wächst der politische Druck auf Messechef Christian Göke, mit seinem würfelförmigen Neubau anders umzugehen. Zumal auch „Visit Berlin“-Chef Kieker sagt, zusätzliche Kapazitäten ließen sich einfach schaffen - wenn der City Cube ausschließlich für Kongresse genutzt werde.

Die Messegesellschaft gehört zu 99,7 Prozent dem Land Berlin. Theoretisch könnte es über den Aufsichtsrat auf Göke einwirken. Doch einen großen offenen Konflikt scheut die Koalition offenbar derzeit, zumal die Messe in den vergangenen Jahren für respektables Umsatzwachstum gesorgt hat und ihr Chef gut vernetzt ist. Es bleibt bei kritischen Tönen. Noch. Aber der Unmut in der Koalition über Gökes sehr selbstständiges Auftreten wächst. Er sei ein ausgewiesener Fachmann, heißt es, aber er müsse auch akzeptieren, dass er einen Auftraggeber habe, das Land Berlin. Da ist beruhigend, dass währenddessen private Unternehmer einen Beitrag zur Lösung des Problems leisten und wie Ekkehard Streletzki am Hotel Estrel in Neukölln große Kongressflächen schaffen - ohne großes Tamtam darum zu machen.