Sicherheit

Rollende Gefahr

500.000 Transporte von Atommüll pro Jahr: Doch wie gut ist die Bevölkerung im Ernstfall geschützt?

Jahr für Jahr rollen rund 500.000 Atomtransporte durch Deutschland. Kaum jemand bekommt mit, welche gefährliche Fracht da täglich über Straßen und Schienen rollt. Wie sicher sind diese Transporte überhaupt? Und leben die Menschen möglicherweise in ahnungsloser Sorglosigkeit? Sylvia Kotting-Uhl, die atompolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, hat der Bundesregierung entsprechende Fragen gestellt. Die Antworten, die ihr jetzt vorliegen, haben Kotting-Uhl alarmiert: „Offensichtlich wissen weder Bund noch Länder immer ganz genau Bescheid, welche Atomtransporte in Deutschland gerade unterwegs sind.“ Das aber berge Gefahren.

„Ein toter Winkel bei Atomtransporten – das geht nicht“, sagte Kotting-Uhl. Offensichtlich gebe es Wissenslücken bei den zuständigen Behörden, oder aber die Bundesregierung halte konkrete Auskünfte an das Parlament nicht für nötig. Beides werde der Problematik gefährlicher Atomtransporte nicht gerecht. Ihr Vorwurf: „Die Bevölkerung ist bei Atomtransporten nicht ausreichend geschützt.“

Anlass für die Kleine Anfrage Kotting-Uhls an die Bundesregierung war ein Atomtransport während des Orkans „Niklas“ Ende März dieses Jahres. Das Unwetter mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 150 Kilometern pro Stunde legte den Nahverkehr in ganz Nordrhein-Westfalen lahm. Trotzdem hatte sich ein Zug, der Uranoxid geladen hatte, vom Hamburger Hafen in Richtung Südwesten auf den Weg gemacht. Atomkraftgegner beobachteten den Transport. Gegen fünf Uhr morgens traf er in Münster ein. Danach verloren die Aktivisten ihn aus den Augen. Erst gegen Mittag entdeckten sie den Zug wieder in Köln. Unklar war zunächst, wo genau sich der Transport während des Sturms befand. Vor allem aber stellte sich die Frage, warum er sich bei dem stürmischen Wetter überhaupt auf den Weg machen konnte.

Dazu heißt es in der Antwort der Bundesregierung, die der Berliner Morgenpost vorliegt: Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) habe die erforderliche Genehmigung für den Transport erteilt. „In den Auflagen zu dieser Genehmigung ist bestimmt, dass der Genehmigungsinhaber 48 Stunden vor Beförderungsbeginn das EBA und das Bundespolizeipräsidium in Potsdam über die anstehende Beförderung informiert.“ Und: „Dies ist nachweislich auch geschehen.“

Die Meldung über den bevorstehenden Transport, so geht aus einer Aussage der nordrhein-westfälischen Landesregierung hervor, ist aber nicht an die zuständigen Behörden vor Ort weitergeleitet worden. „Dass die NRW-Behörden keine Vorausmeldung bekamen, zeigt, dass dieses System nicht zuverlässig genug funktioniert“, kritisierte Kotting-Uhl. Sie bezweifele, dass es sich um einen Einzelfall handele.

Zeit für Transporte festgelegt

„Die Bundesregierung muss dafür sorgen, dass künftig alle betroffenen Behörden und Einsatzkräfte vor einem Atomtransport rechtzeitig informiert sind“, forderte Kotting-Uhl. „Nur so können sie sich angemessen auf Unfälle vorbereiten und die Menschen im Fall der Fälle schützen.“

Problematisch ist nach Einschätzung der Grünen-Politikerin auch, dass die Genehmigung für einen Atomtransport für einen definierten Zeitraum gilt – und dabei unklar ist, nach welchen Kriterien entschieden wird, ob sich der Transport auch bei schlechtem Wetter auf den Weg machen kann oder aus Sicherheitsgründen kurzfristig gestoppt werden muss. Kotting-Uhl fordert an diesem Punkt strengere Kontrollen der Aufsichtsbehörden: „Bei Orkan darf künftig kein Atomtransport mehr rollen.“

Die jährlich rund 500.000 Atomtransporte umfassen radioaktive Stoffe von wenig strahlenden Materialien für die Medizin bis zu hoch radioaktiven Abfällen. Nur ein geringer Anteil steht dabei in direktem Zusammenhang mit dem Betrieb von Atomkraftwerken, wie etwa der Inhalt von Castoren. Der letzte Castortransport erfolgte im Jahr 2011. Aus den Wiederaufbereitungsanlagen im französischen La Hague und im britischen Sellafield müssen noch 26 Castoren nach Deutschland geholt werden. Sie sollen auf Zwischenlager in Schleswig-Holstein, Hessen, Baden-Württemberg und Bayern verteilt werden.