Berlin–Paris

Vom Fleischspektakel der Berliner

Es ist heiß in Berlin, die Kleider fallen. Der verklemmte Franzose reibt sich die Augen

„Ich stand heute inmitten Hunderter fast nackter Berlinerinnen, jungen Mädchen (…), indes Hunderte von Männern und Knaben kaum mit einem Taschentuch bekleidet, das lose mit einem Bindfaden an Hüften befestigt ist.“ Als mein Landsmann Jules Huret um 1900 Berlin erkundet, bevor er später seine Beobachtungen niederschreibt, kann er am Wannsee seinen Augen nicht glauben.

Während im prüden Frankreich das Bade- und andere Vergnügungen entweder unbekannt sind oder sehr sittsam verlaufen, muss sich der Journalist die Augen über das dargebotene Fleischspektakel der lockeren Preußen reiben.

Würde Huret heute Berlin erneut besuchen, könnte er Ähnliches feststellen. Viele von Ihnen, liebe naturfreundlichen Leser, haben sicherlich während der zwei letzten heißen Tage für Szenen gesorgt, die meinen Landsmann in Erstaunen versetzt hätten.

Als ich noch vor Jahren Berlin mit frischen Augen erkundete, musste ich noch die Kompetenz meines Augenarztes anzweifeln als ich völlig nackte Menschen aller Geschlechter mitten in der Stadt entdeckte. Im Parc Montsouris oder in einem feinen Pariser Square – wo übrigens das Betreten der Rasenflächen unter Todesstrafe steht – würde ein solcher Vorfall für die Betroffenen zu einem unfreiwilligen Besuch des nächsten Polizeireviers führen.

Als Student ging ich mit deutschen Kommilitonen zu einem Badesee und sah mit Entsetzen wie sie sich ohne Zögern entblößten. Der verklemmte Franzose sorgte währenddessen für unelegante Pirouetten und bemühte sich mit einem Tuch um die Hüften, sittsam eine Badehose anzuziehen. Im Sportstudio oder im Schwimmbad gehört immer noch dieses Accessoire zum Outfit des duschenden Galliers.

Die deutsche FKK-Kultur ist immer ein dankbares Thema für den Auslandskorrespondenten. Einerseits runzeln meine Leser die Stirn, andererseits trägt man dazu bei, das Image der steifen Deutschen zu lockern. Die heißen Debatten zwischen den freizügigen ostdeutschen Urlaubern und deren zurückhaltenden Westbrüdern und Schwestern nach der Wende an der Ostsee waren stets in den Heimatredaktionen sehr beliebt. Und Berlin hat in Sachen Liberalität einiges anzubieten. Dies beschränkt sich nicht nur auf das Badevergnügen …

Der Strandbesuch des Berliners – wenn er teils eines Tagesausflugs wird – muss nicht zu Hungerattacken führen. Dafür ist man in der Regel gut bewaffnet. Das schilderte ein anderer Franzose, Charles Huard, wenig schmeichelhaft. Wie sein Kollege Huret besuchte er Berlin zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Schon damals ohne Billig-Airlines faszinierte die deutsche Hauptstadt, obgleich die Reiseberichte sich nicht immer so positiv anlesen wie heute: „Ein widerlicher Essensgeruch. Hunderte, ja Tausende von Familien kommen zum Picknicken (…) Berge von Esswaren werden aufgetürmt, und ein monströses Essgelage beginnt: das unbeschreiblich komische Bild dieses Jahrmarkts klebriger Finger, von Fett triefender Kinnladen, saucenverschmierter Münder, das von Geschmatze, Glucksen und üblen Gerüchen begleitet wird“.

Wenn Sie in dieser Gargantua-ähnlichen Beschreibung die Spur einer französischen Arroganz sehen, liegt es sicherlich an Ihrer unneutralen Haltung. Schließlich haben wir die Eleganz und den Charme erfunden. Wobei ich gerne zugebe, dass viele gallische Berlin-Liebhaber wie ich diese wilde Seite Ihrer Stadt als Alternative zu ihrer verklemmteren Heimat suchen.