Kommentar

Das Finale, das gar keins ist

Das Gewürge um Griechenland geht nach dem Referendum erst richtig los

Hopp oder top: Heute gilt es. Bei dem Referendum in Griechenland entscheidet sich an diesem Sonntag, wie die seit einer halben Dekade währende Schuldenkrise endet. Doch das scheint nur so.

Tatsächlich hat sich alles zugespitzt. Erst wird, mitten in der Nacht, das Referendum angekündigt. Dann werden die Banken in Griechenland geschlossen, vor Geldautomaten spielen sich dramatische Szenen ab, als erstes Industrieland kommt Griechenland seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Internationalen Währungsfonds nicht nach. Es folgt ein kurzer, hitziger Wahlkampf, ausgetragen auf den Straßen von Athen, befeuert durch eine immer hysterischer werdende Rhetorik. Steigerungen sind kaum mehr möglich, seit Finanzminister-Darsteller Janis Varoufakis am Sonnabend den Kollegen aus der Euro-Gruppe „Terrorismus“ vorwarf.

Das klingt nach Klärung, die einer Zuspitzung gemeinhin folgt. Doch das große Finale ist gar keines. Normalerweise verengt sich der Möglichkeitenraum im Laufe einer Krise. Bei Griechenland ist das ganz anders: Je mehr Tabus gebrochen werden, je mehr Dogmen verworfen werden, um so weiter wird das Feld. Griechen, Deutsche und die anderen Europäer werden sich kommende Woche fühlen, als würde unmittelbar nach Abpfiff eines WM-Endspiels verkündet, das Turnier gehe noch ein paar Monate weiter. Die Spannung, die Entrüstung, das wohlige Gruseln, mit dem das Publikum diesseits des Balkans den jüngsten Akt der Krise in den zurückliegenden beiden Wochen verfolgt hat: Bald dürften diese Gefühle weichen. Und Platz machen für Unwillen, Genervtheit und Zynismus. Denn nichts wird klar sein, am Montag nicht und in den Tagen und Wochen danach auch nicht. Wie sich das Volk positioniert, werden wir wissen, und ob Alexis Tsipras noch länger im Amt bleibt – aber auch nicht viel mehr. Ein „Oxi“ (Nein) zum diskutierten Spar- und Reformpaket könnte den Ausstieg Griechenlands aus der Währungsunion einleiten. Doch selbst der kürzeste Weg in den „Grexit“ wäre mit Gewissheit von neuen Volten und Verwerfungen begleitet, zwischen der alten und der neuen Währungswelt wartete auf Griechenland das Chaos.

Ein „Nai“ (Ja) dagegen könnte den Weg ebnen zu einem neuen, einem dritten Hilfsprogramm. Das aber wird selbst im günstigsten Fall nicht vor Ende des Monats fertig, Geld könnte frühestens im August fließen. Tsipras oder sein Nachfolger wird jedoch viel früher finanzielle Unterstützung brauchen, wenn Griechenland nicht zumindest vorübergehend zu einer primitiven Tauschwirtschaft degenerieren soll, und das heißt: Es werden wohl weitere Milliarden fließen, als Vorschuss und ohne jede Gewissheit, dass die versprochene Gegenleistung je erbracht wird.

Die Griechen-Retter in Berlin und Paris, Brüssel und Frankfurt werden nicht zu beneiden sein. Es ist nämlich, um Bismarck zu paraphrasieren, mit der Euro-Rettung so wie mit den Würstchen: Man sieht besser nicht, wie sie gemacht werden. Bisher ist das ganz gut gelungen: Das europäische Publikum ließ sich zur Wurstfabrik-Besichtigung einladen, man war interessiert – aber dann doch nicht so sehr, dass man in entscheidenden Momenten allzu genau hingeschaut hätte. Die Zinsvergünstigung etwa, die Griechenland zwischenzeitlich zugesprochen bekam, wurde nicht als das erkannt, was sie ökonomisch gesehen ist: ein Schuldenerlass zulasten des Steuerzahlers, auch des deutschen.

Den gewohnten Hinterzimmer-Komfort werden die Rettungspolitiker in den kommenden Wochen nicht haben. Merkel, Juncker & Co werden in einem Flutlicht operieren, das geheime Nebenabsprachen so wenig zulässt wie gebrochene Versprechen. Dies, gepaart mit dem absehbar größer werdenden Druck, endlich für eindeutige Verhältnisse zu sorgen, macht die Situation so delikat, ja gefährlich – für Griechenland und für Europa insgesamt.