Kommentar

Zur Einigkeit erpresst

Die Athener Regierung nutzt eine Sprache, die an düstere Zeiten erinnert

Man kann über die Griechen sagen, was man will. Sie haben die Europäer zwar zur Weißglut getrieben, immerhin aber haben sie es geschafft, die Europäische Union in einer Weise zu einigen, die bemerkenswert ist. Selten zuvor in der Geschichte der EU waren die Regierungen von London bis Ljubljana, von Paris bis Prag in einer Frage so einhellig gestimmt, wie in der, wie auf Athen zu antworten sei. Möge diese Eintracht noch lange währen! In den nächsten Wochen und Monaten werden raue Winde wehen. Sie könnten zu Stürmen werden – und das nicht nur über der Ägäis.

Für das drohende Gewitter wäre die griechische Regierung ebenfalls verantwortlich, wobei es hier zur Abwechslung einmal nicht um das jüngste Gesprächsgezerre über Schuldenschnitte, finanzielle Nothilfen und die Scharmützel um Reformen gehen wird. Diese Wochen werden in die Geschichte Europas eingehen, selbst wenn man die wirtschafts- und finanzpolitischen Aspekte des Dauerpalavers abzieht. Zum ersten Mal seit der Gründung der europäischen Zusammenarbeit in Form der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), erstmals seit dem 25. März 1957 also, hat es eine europäische Regierung gewagt, die Gespenster der Demagogie nicht nur im Wahlkampf zu rufen, sondern sie nach ihrem Wahlsieg auch noch nach Brüssel an den Verhandlungstisch und überall nach Europa zu tragen. Plötzlich sind die Geister wieder da, die seit Ende des Zweiten Weltkrieges nur noch außerhalb der EU ihr Unwesen getrieben hatten: die Neigung zum äußersten Extrem, die Stahlhärte der Behauptung, die jede andere Meinung ächtet, der Hang, die Welt mit der Beweisführung der Inquisition in Freund und Feind einzuteilen.

In seiner Rede im griechischen Parlament brachte Ministerpräsident Alexis Tsipras Worte unter das Volk, die kein europäischer Regierungschef seit den Römischen Verträgen von 1957 jemals in den Mund genommen hat. Die Europäer der Euro-Zone hätten die Griechen „unterwerfen“ wollen, ihr Ziel sei „die Erniedrigung des gesamten griechischen Volkes“ gewesen. Im „Würgegriff“ habe Athen den „Kampf“ aufgenommen und das „erpresserische Ultimatum“ der neoliberalen Finsterlinge abgelehnt, um damit nicht nur den „Geburtsort der Demokratie“ zu retten, sondern die wahre Demokratie, wo sie in Europa überhaupt noch bestehe, zu schützen.

„Würgegriff“ und „Kampf“, „Würde“ und „Wiederherstellung“ der „nationalen Souveränität“, „Erpressung“ – fast glaubt man, ein Wüterich sende modrige Grüße aus der Zwischenkriegszeit. In ihr wetterte so mancher Abenteurer über den Versailler Friedensvertrag, den „Korridor“ zwischen dem Deutschen Reich und seinen Ostgebieten, die Reparationen und die verlorenen Donaugaue. Man kann sich nur verblüfft die Augen reiben, dass sich einige Deutsche vom feurigen Fusel seiner Kampfrhetorik berauschen lassen oder dessen Treiben sogar unterstützen. Es mag nicht erstaunen, dass die Betonköpfe um Sahra Wagenknecht Tsipras zur Seite springen. Wahrscheinlich zögen sie sogar Maos Kulturrevolution in Deutschland durch, entspräche es ihrem Dogmatismus und hätten sie die Macht dazu. Merkwürdig aber ist, dass viele Grüne nicht den Schaden ermessen, den der griechische Chauvinist im Gewand des Friedensapostels anrichtet. Wünschen sie sich ernsthaft das Europa, das Tsipras vorschwebt?

Wer es nicht wünscht, der kann der griechischen Regierung nur eines von Herzen wünschen: den Misserfolg, das Scheitern, die Niederlage auf sämtlichen Ebenen. Setzt sich Alexis Tsipras durch, werden alle Narren Europas – von Podemos in Spanien bis zur Front National in Frankreich – ihre Stunde schlagen hören und den Kontinent in ein ideologisches Zeitalter zurückdrängen, das uns neue zerrissene Jahre beschert. Doch selbst wenn die Griechen in der Volksbefragung für Europa stimmten und ihren Premier im Anschluss zu Reformen zwängen, müsste Tsipras verschwinden. Den Griechen zuliebe.