Deutschstunde

Gesungen und gewunken beim Besuch der Queen

Wie sich falsches Deutsch mit der Zeit tief sich in unser Sprachgefühl eingräbt

Ins Berliner Stadtschloss wird nach dem Wiederaufbau kein gekröntes deutsches Staatsoberhaupt einziehen. In einer Umfrage sprachen sich 88 Prozent der Bürger gegen die Wiedereinführung der Monarchie aus, was auch kein Wunder ist, wenn man bedenkt, welchen Scherbenhaufen Kaiser, Könige und Fürsten 1918 hinterlassen haben. Umso schöner ist es, die britische Königin Elizabeth II. als Gast in Deutschland zu wissen. Noch nie ist so viel gesungen und gewunken worden wie beim Besuch der Queen in Berlin.

Schulklassen schwenkten Fähnchen und Kinderchöre sangen, wobei noch zu klären sein wird, warum ein Chor sogar sank, wie es zu lesen stand. Danach drängt sich die Frage auf, wohin die Sänger gesunken sind – vielleicht in den Boden wegen einiger falscher Töne? Vor allem wurde aber gewunken, und die Reporter und Kommentatoren schickten so viele gewunkene Sätze über den Äther, dass ich mich bald gar nicht mehr auf den überaus ästhetischen Anblick von Mareile Höppner auf dem Bildschirm konzentrieren konnte.

Wahrscheinlich hat beim anschließenden Empfang der Wein im Glas geblunken, und manch einer hat sich vollgetrinkt, ist danach im Zickzack nach Haus gehunken und seiner Frau dort in die Arme gesinkt. Die aber hat ihm zornig mit dem Nudelholz gewunken und die Türe wütend zugeklunken. Natürlich haben auch die Berliner der Queen zugewinkt, und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dieses Partizip noch irgendwann in meinem Leben irgendwo richtig zu hören oder zu lesen. Bei winken handelt es sich um ein schwaches Verb, das ganz regelmäßig und ohne Ablaut konjugiert wird: winken, winkte, gewinkt. Oder haben Sie es schon einmal mit „winken, wank, gewunken“ versucht?

Leider gräbt sich das, was wir immer und immer wieder falsch hören, mit der Zeit in unser Sprachgefühl ein. Das ist mit gewunken nicht anders, als wenn die Queen „den“ Toten beider Weltkriege gedenkt, die Polizei „dem Verkehr“ nicht Herr wird und die Zuschauer „wegen ihm“ ins Theater gekommen sind.

Leider gibt es eine von Mannheim nach Berlin umgezogene Wörterbuch-Redaktion mit dem verpflichtenden Namen „Duden“, die dem Volk so eifrig aufs Maul schaut, dass sie, um den Anschluss an die Konkurrenz nicht zu verpassen, das eigentlich gar nicht existierende Partizip gewunken vorsichtshalber in ihren Korpus aufnimmt – selbstverständlich mit dem Zusatz „ugs.“ bzw. „häufig auch“. Die Abkürzung ugs., muss man wissen, bedeutet umgangssprachlich, und umgangssprachlich soll heißen: Man hört dieses Wort zwar auf der Straße, aber benutzen Sie es um Himmels willen nicht in einem hochsprachlichen Text. Das ist so ähnlich wie mit den Geisterfahrern. Auch die gibt es auf der Autobahn, aber wir sollten uns nicht an sie gewöhnen. Sonst könnte es Tote geben.

Früher zuckte ich bei derlei Fehlleistungen immer zusammen, aber kurz vor dem 74. Geburtstag bin ich schon so abgehärtet, dass ich nicht gleich den Fernsehapparat eintrete oder die Zeitung spontan in die blaue Tonne befördere. Es gibt allerdings Fundstücke, die in gewisser Weise den Höhepunkt des Tages bilden. Da meldet doch die Deutsche Presse-Agentur (dpa), auf der Autobahn 3 nahe „des“ niederbayerischen Iggensbach sei ein Elch von einem Auto gerammt worden. Danach war der Elch tot, das Auto beschädigt, und dem Dativ war wieder einmal eine Präposition abhandengekommen.

Es ist heute nicht mehr so, dass der Dativ unbedingt dem Genitiv sein Tod ist, vielmehr wird der Genitiv mittlerweile mit einem solchen grammatischen Gutmenschentum umgeben, dass er schamlos bei anderen Kasus wildert. Die Präpositionen neben, gegenüber, außer, gemäß, entgegen, entsprechend etc. fordern den Dativ: Entsprechend dem Duden und gemäß dem Stadtplan steht das Hotel Adlon nahe dem Brandenburger Tor.

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