Frankenfelds Welt

Blutbad für den „Amerikanischen Rassenkrieg“

Den Massenmord in Charleston isoliert zu betrachten, ist fahrlässig und falsch

Bevor der 21-jährige Dylan Storm Roof sich in eine von Afroamerikanern frequentierte Methodistenkirche in Charleston, South Carolina, begab, um dann plötzlich neun von ihnen zu erschießen, hatte er im Internet erklärt, er habe Charleston deshalb für seine Tat ausgewählt, weil die Stadt zeitweise den höchsten ethnischen Anteil an Schwarzen aufgewiesen habe. Das US-Justizministerium erklärte, man prüfe, ob der Massenmord an schwarzen Kirchgängern als Terroranschlag einzustufen sei. Gemessen an dem Schmerz der Hinterbliebenen dürfte diese politische Überlegung nachrangig sein. Viel relevanter ist die brisante Frage, ob diese Tat tatsächlich wieder einmal nur ein isoliertes Phänomen einer fanatisierten Einzelperson ist, wie dies von Politikern und Sicherheitsbehörden gern behauptet wird. Der Massenmord geschah in der Tat aus reinem Rassenhass eines Einzelnen – aber es wäre eine fahrlässige Fehleinschätzung, sie isoliert zu betrachten. Dylan Storm Roof, das geht aus seinen Internet-Auftritten und den auf seine Kleidung genähten Flaggen hervor, war ein Anhänger der „White Supremacy“-Bewegung in den USA. Ein Foto zeigt ihn beim Verbrennen der Stars-and-Stripes-Fahne, die Verfechter der „weißen Überlegenheit“ als Symbol multi-ethnischer Dekadenz ablehnen.

Die „White-Supremacy“-Bewegung entstand in der Zeit der Sklaverei der amerikanischen Kolonialzeit. Aus der Praxis, die Schwarzen wie Nutzvieh auszubeuten, entwickelte sich eine generelle Rassenideologie. Und in jenem Jahr, in dem die Sklaverei in den USA endgültig abgeschafft wurde – nämlich 1865 –, wurde die erste Organisation gegründet, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Herrschaft der Weißen wieder herzustellen, notfalls mit Gewalt und Terror: der Ku-Klux-Klan. Inzwischen gibt es in den USA mindestens 60 virulente Organisationen, die sich mehr oder minder fanatisch an der Ideologie der „weißen Überlegenheit“ orientieren.

Ihnen allen ist die Überzeugung zu eigen, dass „die Schwarzen“ im Begriff stünden, die USA „zu übernehmen“ und dass dies mit „drastischen Aktionen“ zu verhindern sei. Wie die „New York Times“ berichtete, gibt es Anzeichen für eine wachsende Globalisierung des radikalen weißen Nationalismus – entsprechend der Globalisierung radikal-islamistischer Organisationen wie al-Qaida oder des „Islamischen Staates“ (IS). Die bisher gepflegte Sicht, dass Taten wie jene in Charleston das Werk einzelner durchgeknallter Rassisten seien, könne jedenfalls nicht länger aufrechterhalten werden. Am Montag berichteten die US-Medien, dass in Alabama im Süden der USA zwei Polizeioffiziere gefeuert wurden, nachdem ihre höchst aktive Mitgliedschaft in der „Liga des Südens“ enthüllt worden war, einer Splittergruppe der „White-Supremacy“-Bewegung, die enge Bindungen an den Ku-Klux-Klan hat. Die meisten Anhänger sind zudem fundamentalistische Christen.

Hier setzt eine weitere rassistische Ideologie in den USA an: der „Kinism“. Diese Bewegung fordert eine Organisation der Bürger in weißen Familienclans, Gesetze gegen gemischt-rassische Ehen, ein Ende der nicht-weißen Einwanderung und die Vertreibung aller „Aliens“, darunter Juden und Araber, aus den USA. Die „Liga des Südens“ hat den „Kinismus“ als „biblische Lösung“ gepriesen und einen „Amerikanischen Rassenkrieg“ gefordert. Genau diese Worte verwendete Dylan Storm Roof, kurz bevor er das Feuer eröffnete.

Lesen Sie am Donnerstag: Immer Hertha von Jörn Meyn